SPORT1-Experte Uwe Morawe blickt in seiner Kolumne auf einen traumhaft-magischen Moment im Manchester-Derby zurück.

Ein klassischer Plot der Menschheit ist die Geschichte vom unverwundbaren Helden mit einer einzigen fatalen Schwäche.

Schon die Steinzeithorde hatte Sehnsucht nach solch Überkriegern, wusste gleichzeitig aber um die unvermeidliche Sterblichkeit. Mit Erfindung der Keilschrift wurde das Ganze in Stein gemeißelt.

Goliath war die erste grobschlächtige Variante, ein tumber Riese à la Rübezahl, Steinschleuder reichte schon.

Raffinierter schon die Sage von Samson. Schöpfte unerschöpfliche Kraft aus seinen Haaren, war jedoch eine Plaudertasche.

Auf dem Nachtlager sein Geheimnis gelüftet, die heimtückische Delila griff zur Heckenschere. Hier kommt zu erstenmal das Element der Weiblichkeit ins Spiel, welches unsere Helden entscheidend schwächt.

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Bei Achilles war es die Mutter, die ihn beim Unverwundbarkeitsbad an der Ferse hielt, die spätere Zielscheibe für den tödlichen Speerstoß.

In der Nibelungensaga wird aus der Ferse die Schulter, Superhero Siegfried gerät in den Zickenkrieg von Kriemhild und Brunhilde - this is the end, my friend, da kannst du vorher Drachen töten wie du willst.

Wie nun wird das moderne Epos von Wayne Rooney enden, dem Löwenbändiger von Mancunium?

Im Vorjahr zog er seine Horde unwiderstehlich wie ein Ochse, bis ihn in München das Lindenblatt des Siegfried ereilte - Verletzung und Formabfall.

Dazu die private Vorliebe für Bier, Fish and Chips sowie ein Frauengeschmack ähnlich erlesenen Bouquets.

Rooney schmollte wie einst Achill in seinem Zelt, verweigerte den Kampf, wollte sogar das Lager wechseln und erzielte in dieser Saison in 20 Einsätzen kümmerliche vier Tore.

Bis zum letzten Wochenende.

Zum Glück für ManUnited hatte Sir Alex Ferguson seinen Homer gelesen: allein durch Gewalt wird Troja nicht fallen, man braucht auch List und Tücke.

Der Odysseus vom Matt-Busby-Way überraschte wieder einmal alle. Ferguson setzte seinen mit Abstand erfolgreichsten Torschützen beim Manchester-Derby glattweg auf die Bank:

"Hey, Berbatov, du bist raus! Das Spiel gegen Manchester City ist eine Family-Affair, das verstehst du als Bulgare nicht."

Schon mit der Aufstellung demonstrierte der Trainer: Rooney! und nur Rooney! soll den Bruderkampf entscheiden.

Wie im Vorjahr mit seinem Tor in letzter Sekunde im Halbfinale des Ligapokals.

Und Rooney ward endlich wieder der Alte! Sein Fallrückzieher zum 2:1-Erfolg war ein Moment voller Magie.

Und haben Sie den Jubel gesehen? Wayne Rooney streckte die Arme zurück und die Brust raus bis zum Oberrang. Seht her, ich stehe ohne Deckung da, denn ich bin unverwundbar!

Selbiges nahmen wir auch vom FC Barcelona an.

16 Ligasiege in Folge, doch nun ein erster Kieselstein im Schuh beim Marsch duch alle Instanzen. Au ha, haben die irgendwo ein Lindenblatt übersehen? Nur 1:1 bei Sporting Gijon.

Auguren wittern den Beginn einer Krise. Hat Barca nicht etwa vor vier Jahren einen Sechs-Punkte-Vorsprung gegenüber Real Madrid verdaddelt? Stimmt.

Doch der Ausrutscher in Gijon stand ganz im Zeichen der bevorstehenden Partie in der Championsleague beim FC Arsenal. Dort werden wir wohl wieder das glanzvolle Barcelona sehen.

Denn hat nicht im Vorjahr Lionel Messi gegen diesen Gegner vier Tore in einem Spiel erzielt? Stimmt.

In Italien hat Spitzenreiter AC Mailand seine Schwächeperiode nach zwei Unentschieden in Folge überwunden.

Glattes 4:0 über Parma und die Geburt eines neuen Traumduos: Antonio Cassano und Zlatan Ibrahimovic. Da haben sich ja zwei gefunden... dieses Gespann könnte sich als fulminanter Sprengsatz erweisen.

Fragt sich nur, in welche Richtung die explosive Mischung detoniert.

Auffallend, wie gerade Ibrahimovic in den letzten Wochen den Brasilianer Pato geschnitten hatte. Ist halt nicht der Party-Brasilianer der Ronaldinho/Robinho/Ronaldo-Fraktion, sondern eher der stille Gläubige wie ein Kaka oder Lucio.

Auch der brave Alexander Merkel wurde am Samstag von Ibrahimovic auf dem Platz zusammengefaltet. Merkel hatte völlig zurecht ein Abspiel in die Mitte eingefordert. Als Antwort kam eine Schimpftirade des Schweden in Richtung des 18-jährigen Deutschen.

Ein Ibrahimovic spielt nur mit denen, mit denen er spielen will. Wie mit seinem Bruder im Geiste, Antonio Cassano.

Der war gegen Parma unbestritten der überragende Mann, ein Tor und zwei Vorlagen. In dieser Verfassung könnte Cassano der entscheidende Faktor auf dem Weg zum Scudetto werden.

Doch Vorsicht! Schon oft ist Klein-Antonio nach drei, vier guten Spielen völlig durchgedreht.

Sollten sich diese extrovertierten Typen als Kuckucksei für den AC Mailand erweisen, dürfte das Überraschungsteam zur Stelle sein: der SSC Neapel.

Hier gibt es die richtigen Zutaten für eine Sensations-Meisterschaft: keine Verletzten, kompakt in der Defensive, spielstark auf dem Weg nach vorne und dazu ein Stürmer mit einem Lauf.

20 Saisontore schon für Edinson Cavani. Und der Mann aus Uruguay hat ja eine Mähne auf dem Kopf! Wallende lange Haare - also, ein Samson nichts dagegen...

Bis nächste Woche,Euer Uwe Morawe

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