SPORT1-Experte Uwe Morawe schreibt in seiner Kolumne über Machtmenschen und solche, die zur richtigen Zeit am richtigen Ort sind.

Unruhen in Ägypten, Tunesien, Libyen, Bahrain. Es stellt sich wieder mal die Frage: was tun mit Diktatoren, die sich selbst abgeschafft haben?

Gemeinhin haben diese Personen seit jeher ein getrübtes Verhältnis zur Realität und sind sozial kaum vermittelbar.

Imelda Marcos - die philippinische Despotin mit den 2000 Paar Schuhen - bahrt den Leichnam ihres Mannes seit 18 Jahren in einem gekühlten Glassarg auf.

Kaiser Wilhelm II. erledigte nach 1918 im holländischen Exil die gesamte Flora der Niederlande.

Hatte als Kaiser ja keine vernünftige Berufsausbildung - Bäume fällen und zerhacken war sein einziges verbliebenes Hobby, über 10.000 Eichen wurden von ihm erlegt.

Ehrengäste bekamen als Geschenk einen Holzscheit mit eingebranntem Siegel "W.I.R." - Wilhelm Imperator Rex!

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Napoleon Bonaparte behielt noch in der Verbannung auf St. Helena den gesamten kaiserlichen Hofstaat, erhielt sich so die Illusion alter Macht.

Unter den Augen von 2500 britischen Wachsoldaten gab es jeden Tag das Abendessen in Gala-Uniform mit 30 livrierten Dienern. Puh, wie anstrengend.

Solch wirklichkeitsentfremdete Machtmenschen bevölkern leider zunehmend auch den Fußball. Tom Hicks, ehemals Vereinsbesitzer des FC Liverpool, machte unter der Woche von sich reden.

Sie wissen schon, der Mann, der mit einem Kredit über 360 Millionen Pfund den Klub kaufte, von diesem Kredit nie etwas zurückzahlte und daraufhin aus dem Amt gedrängt wurde.

Jetzt reichte Hicks bei einem texanischen Gericht Klage ein, daß dieser Vorgang unrechtmäßig gewesen sei und forderte den Vorsitz beim FC Liverpool wieder ein.

Die Hick'sche Argumentation klang so: zugegeben, er habe nach dem Autokauf nie eine einzige Leasingrate gezahlt, doch das Öl immer brav nachgefüllt und den Reifendruck kontrolliert.

Da haben wir schon größeren Nonsens aus amerikanischen Gerichtsälen gehört.

Doch gottlob für alle Liverpool-Fans ließ sich der Richter auf die Sache nicht ein.

Grundbelehrung für den Herrn Hicks: texanisches Recht steht keinesfalls über dem britischen, Zuständigkeit gleich Null. Zumindest in diesem Punkt ist die Welt noch in Ordnung.

Das gilt nicht mehr für den FC Chelsea. In der Meisterschaft abgeschlagen, jetzt das FA-Cup-Aus gegen Everton, die Krise ist nicht zu verleugnen.

Kleinster Mosaikstein dieser Malaise sicherlich der Abschied von Sportdirektor Frank Arnesen in Richtung Hamburger SV.

Etwas verwundert nahm man die Worte von Bernd Hoffmann zur Kenntnis, Arnesen stünde maßgeblich für die Erfolge der letzten Jahre und habe "fünf bis sechs Weltklassespieler" aus dem eigenen Nachwuchs hervorgebracht.

Ja, wen denn, Herr Hoffmann? Nun gut, der Trainerentlasser von der Elbe hat ja schon öfftentlich zugegeben, daß er "Marketing verstehe", aber von Fußball nicht die große Kenne hätte.

Frank Arnesen wurde bereits Ende November bei Chelsea von den operativen Aufgaben weitgehend entbunden und sitzt seinen hochdotierten Vertrag bis Sommer als Art Mannschaftsbetreuer gemütlich aus.

Hauptgrund für die Trennung dürfte gewesen sein, daß seit Arnesens Amtsantritt 2005 kein einziger Spieler aus der Youth Academy den Sprung in die Stammelf schaffte und der Klub weiterhin auf kostspielige Transfers angewiesen ist.

Nachfolger von Arnesen soll Steve Rowley werden, bisher Chefscout bei Arsenal, der wahren Talentschmiede des Landes.

Und auch auf Chelseas Trainerposition dürfte sich etwas bewegen. Es mehren sich die Zeichen, daß Carlo Ancelotti ab Juli mit seiner ersten großen Liebe händchenhaltend auf der Bank sitzen wird, dem AS Rom.

Bei der Roma gab es nach dem 3:4 in Genua den Rücktritt von Claudio Ranieri. Oha, man kann sich tatsächlich auch stilvoll von der Macht verabschieden.

Wahrscheinlich war es die letzte Trainerstation des Claudio Ranieri. Dieser Italiener wird in die Geschichte eingehen als die größte Mischung aus Eleganz und Erfolglosigkeit seit Erich Ribbeck.

Ranieri ist ein durchaus kompetenter Coach, besitzt jedoch eine verhängnisvolle Gabe: er ist immer zum falschen Zeitpunkt am eigentlich richtigen Ort.

Trainerstationen wie AC Florenz, FC Valencia, Atletico Madrid, Chelsea, Juventus und AS Rom - klangvolle Namen, doch nie gelang mehr als die Vize-Meisterschaft.

Typisch für Ranieri seine Zeit bei Chelsea. Da wird er in der Saison 2003/04 Zweiter der Premier League, doch als im Sommer Roman Abramowitsch den Geldhahn so richtig öffnet, bekommt Ranieri die Tür gewiesen.

Die dicke Kohle durfte dann ein anderer ausgeben - Jose Mourinho.

Geld haben ist die eine Sache, es sinnvoll ausgeben die andere. Mourinho hat das offensichtlich drauf. Neun Jahre am Stück ohne eine Heimniederlage in Punktspielen - eine noch nie dagewesene Serie.

123 Siege, 25 Remis und 0 Pleiten - und das mit vier verschiedenen Vereinen. Mourinho besitzt im Gegensatz zu den Ranieris dieser Welt ein Näschen dafür, wann er wo zu sein hat, und verfolgt dann konsequent seine Linie.

Erfolgsbesessen, ein echter Machtmensch eben.

Was macht so einer eigentlich nach dem Karriereende? Also, ich könnte mir Mourinho schon gut vorstellen: als Nachmieter von Napoleon auf St. Helena, in Gala-Uniform mit 30 livrierten Dienern...

Besser als Holzhacken ist das allemal, möge die Macht mit Euch sein

Bis nächste Woche,Euer Uwe Morawe

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