Uwe Morawe vermisst im internationalen Fußball echte Trainertypen. In seiner Kolumne nennt er wohltuende Ausnahmen.

Das soll ein Topspiel gewesen sein?

Der Spitzenreiter empfängt den direkten Verfolger, bessere tabellarische Voraussetzungen kann es nicht geben - und dann liefern Milan und Napoli die komplette Vollgrütze ab.

Das hatte gar nichts, vor allem keine Klasse.

Dem AC Mailand reicht eine unterdurchschnittliche Leistung um einen unterirdischen SSC Neapel mit 3:0 zu bezwingen - und danach führt sich Zlatan Ibrahimovic auf, als hätte er alle Achttausender bestiegen.

Dabei vewandelte das schwedische Ich lediglich einen Elfer, und sonst nichts.

Zeit für eine Bestandsaufnahme: Welche Vereine spielen in den vier europäischen Topligen eine überzeugende Saison? Die Liste ist erschreckend kurz...

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In Italien machen wir einen gnadenlosen Haken dran, keiner.

In der Bundesliga werden wir bei Borussia Dortmund und - aus welchen Gründen auch immer - bei Hannover 96 fündig. Zwei unbestrittene Outperformer.

Die Premier League ist allerdings wieder Ödland - Manchester United führt das sich dahinschleppende Feld an, obwohl sie von 13 Auswärtsspielen nur kümmerliche vier Partien gewinnen konnten. Also Fehlanzeige.

In Spanien finden wir den einzigen wahren Überflieger des Kontinents - doch die Stärke des FC Barcelona ist auch die Schwäche der Konkurrenz.

Wir erleben eine der qualitativ schlechtesten Spielzeiten seit langem. Beleg dafür ist eine paneuropäische Thrombose, die Klumpenbildung in der unteren Tabellenhälfte.

In allen vier Topligen befindet sich der Tabellenzehnte noch im Abstiegskampf. Deutliches Symptom fehlender Qualität.

Woran liegt's?

Für einen Erklärungsansatz geben Sie mal bei "youtube" den Namen "Brian Clough" ein.

Das war noch ein bellendes Unikum, ein Herbert Wehner der Kickerszene. Charakterstark, aber komplett ungehobelt.

Mit solch Wesenszügen kann man heutzutage keine Karriere mehr machen. Weder in Politik, Wirtschaft noch dem Millionengeschäft Fußball.

Aufgesetzte Smartheit ist Trumpf, als höchstes unternehmerisches Risiko gilt der Imageschaden.

Diese Übervorsicht produziert entweder blasse Abziehbilder oder Hochstapler a la Guttenberg.

Kurzgesagt: auch auf den Trainerbänken sterben die echten Typen aus. Die Erfolge des italienischen Fußballs waren geprägt durch Übungsleiter in der Tradition Machiavellis.

Eine achtzigjährige Linie der Macht von Pozzo, Bernardini, Rocco, Herrera, Trapattoni,Capello und Lippi - allesamt Herrscher, die das alleinige Sagen beanspruchten.

Das funktionierte bei entsprechender Kompetenz wunderbar, bis bei den meisten im Alter ein gewisser Sättigungsgrad eintrat.

Und nun?

Die italienische Gegenwart besteht aus farblosen Höhlenfischen. Luigi Del Neri bei Juventus Turin - kommt rüber wie einer vom Gewerbeamt. Massimiliano Allegri von Milan tritt auf wie der Filialleiter einer Sparkasse.

Und Leonardo von Inter stellen wir sofort als Geschäftsführer eines Herrenausstatters ein. Da muß man nur hingucken und man weiß: taktische Neuerungen oder Visionen sind nicht zu erwarten.

Die Bundesliga hat immerhin Jürgen Klopp, den Freibeuter in Ballonseide.

So ein sechstagebärtiger Räuber Hotzenplotz erscheint schon äußerlich mitreißender als ein verschrobener holländischer Egozentriker, der beim Duschen länger braucht als die meisten seiner Spieler.

Darüberhinaus besitzt Deutschland noch andere junge Trainertalente (von B wie Büskens bis T wie Tuchel); davon kann in England schon lange keine Rede mehr sein.

Die Topvereine sind in der Hand von ausländischen Vorruheständlern.

Der alte Schotte Alex Ferguson ist ein Sonderfall, der Sir verkörpert noch die alte ehrgeizige Ungeschliffenheit - er stand ja einst mit Brian Clough Aug in Aug.

Carlo Ancelotti hingegen präsentiert sich amtsmüde, die Spekulationen reichen von Rückkehr nach Italien bis hin zum endgültigen Rückzug.

Und Arsene Wenger bekommt bei all seinen unbestrittenen Qualitäten zusehends nonnenhafte Züge. Wengers Hauptbeschäftigung: Gesundbeten.

Die Litanei "da ist eine große Mannschaft am wachsen, wir werden von Tag zu Tag mental stärker" erscheint spätestens nach der Finalniederlage Arsenals im Carling-Cup als zunehmend realitätsfremd.

Will uns der elegante Franzose tatsächlich vorgaukeln, daß die Achse Szczesny-Djourou-Song-van Persie von selber Güte sei wie einst Lehmann-Adams-Vieira-Henry? Also, Arsene, weißt du...

Und das allerschlimmste auf der Insel ist der fehlende Trainernachwuchs. Wer soll es denn machen, wenn die alten Herrschaften aufhören? Psycho Stuart Pearce ja wohl kaum...

Da ist Spanien schon besser aufgestellt. Mit Juan Carlos Garrido von Villarreal und Josep Guardiola von Barca gibt es junge Vordenker des modernen Fußballs.

Wobei Guardiola mit den auserlesensten Zutaten hantieren kann - bei dieser Qualität der Lebensmittel mußt du als Koch schon einiges falsch machen.

Uns würde mal interessieren, ob Guardiola Steckrüben auch so lecker hinbekäme.

Sei's drum, der Barca-Trainer kann im ewigen Wettstreit mit Real Madrid genüßlich zuschauen, wie Jose Mourinho das Souffle immer wieder im letzten Moment zusammenfällt. Und wie das den Portugiesen ärgert!

Schuld sind natürlich stets die anderen. So langsam nerven die Wehklagen Mourinhos nach Punktverlusten.

Dieses ewige Gejammer über schlechte Platzverhältnisse, überharte Gegenspieler oder Schiedsricherentscheidungen. Hauptverantwortlich für das 0:0 bei Deportivo La Coruna war diesmal der Spielplangestalter.

Die Pause von Mittwoch in der Champions League bis Samstags 22 Uhr sei viel zu kurz gewesen, so Mourinho.

Das ist einfach nur lächerlich.

Seit dem Erweiterten-Pupillen-Triumphlauf vom Nou Camp im letzten April hat Mourinho scheinbar das letzte Stück Bodenhaftung verloren.

Dabei ist die Lösung seines Problems doch naheliegend: Real Madrid verzichtet nächstes Jahr freiwillig auf die Teilnahme am Europapokal, dann klappt es vielleicht auch mit der Meisterschaft...

Bis nächste Woche,Euer Uwe Morawe

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