Panik-Attacken und seltsame Vögel: Ähnliches erkennt Uwe Morawe in seiner Kolumne auch bei Sir Alex Ferguson und Gattuso.

Auch wenn so ein Vogel nicht gegen seine Natur kann, gilt der Kuckuck doch als eines der ichbezogensten Wesen auf dem Erdball.

Selber brüten kommt bei dieser gefiederten faulen Socke nicht in die Tüte. Ist das Ei in einem fremden Nest erst einmal abgelegt, kann es losgehen.

Nach nur 12 Tagen schlüpft der Kuckuck, er hat's eilig. Seine erste Lebenshandlung ist eine zerstörerische, kurzerhand werden alle anderen Eier aus dem Nest gekegelt, der Kuckuck lässt nur sich selbst gelten.

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Dumme Teichrohrsänger oder Wiesenpieper ziehen den Parasiten groß und fett, damit später seine weithallende Stimme lichte Laubenwälder durchdringt.

Je erregter der Kuckuck desto kürzer und lauter wird sein charakteristischer Ruf.

Der Beweis ist erbracht: Sir Alex Ferguson ist ein Kuckuck.

Ein hochgradig erregter cuculus canorus. Nach der Niederlage am Dienstag beim FC Chelsea überschlug sich die Stimme des schottischen Federviehs. Schiedsrichter-Schelte!

Schon bei der Ansetzung von Martin Atkinson habe er "das Schlimmste befürchtet". In so einer bedeutenden Partie wünsche man sich einen fairen Referee und nicht so einen ängstlichen Haubentaucher wie diesen Atkinson.

Mit der Analyse vermeintlicher Fehlentscheidungen müssen wir uns hier aber nicht aufhalten.

Zur Einordnung des Ferguson'schen Wortschwalls ein statistischer Fakt: In den letzten 15 Jahren erhielten wettbewerbsübergreifend die Auswärtsmannschaften im Old Trafford wie viele Elfmeter? Wir reden von rund 400 Spielen... wie viele Elfmeter? Vier!

In jedem 100. Heimspiel von Manchester United ein Strafstoß für die Gäste - Wow!

Wir nähern uns damit in der mathematischen Wahrscheinlichkeit der Todesursache des Schriftstellers Ödön von Horvath an. Der Literat wurde auf der Champs-Elysees von einem herunterstürzenden Ast erschlagen.

Eine systematische Benachteiligung von ManUnited ist also von der Hand gewiesen. Die Kuckucksrufe von Sir Alex zeigen einzig seine Nervosität. Und die ist begründet: Sein Kader hat längst nicht mehr die Tiefe wie in früheren Jahren.

Beim 1:3 Debakel im Klassiker an der Anfield Road erwies sich die Innenverteidigung Smalling/Brown als fleischfarbene Miederware.

Und selbstverständlich können Giggs und Scholes in ihrem Alter keine 60 Pflichtspiele in der Saison mehr bestreiten. Weiß natürlich auch Sir Alex Ferguson und bekommt Panik. Er war doch immer derjenige, der die anderen Eier aus dem Nest schubste...

Panikattacken und seltsame Vögel - schon sind wir bei Gennaro Gattuso. Bemerkenswert, wie Signore 100.000 Volt auf seine Sperre in der Champions League reagierte.

Das Goldene Tor beim dramatisch sich verschlechternden Juventus Turin durch Gattuso. Ein ganz wichtiger Schritt in Richtung Meisterschaft für den AC Mailand.

Und mittlerweile ist auch geklärt, wie es zu Gattusos Ausraster gegen Joe Jordan, den Co-Trainer von Tottenham Hotspur, kommen konnte. Erzählen Sie es bitte nicht ihren Kindern, aber Bildung schadet!

Durch sein einjähriges Gastspiel bei den Glasgow Rangers (Saison 1997/'98) besitzt Gennaro Gattuso fortgeschrittene Englisch-Kenntnisse. Und die wurden ihm in der Champions League zum Verhängnis.

"Italian Bastard!" hatte Joe Jordan gerufen, laut wie ein Kuckuck. Ein Ruf in einem völlig fremden Revier.

Mit den landestypischen Beschimpfungen "Cazzo/Stronzo/Fanculo" hatte Gattuso im San Siro nie ein Problem, tausendmal gehört, Ohren auf Durchzug.

Aber "Italian Bastard", so etwas ruft man nicht im Heiligen Tempel des italienischen Fußballs - das ist so stillos wie Pizza Hawai. Diese angelsächsische Anmaßung gehört mit einem Würgegriff bestraft - jawoll!

Abgesehen von grenzwertigen Aktionen auf dem Platz ist Gattuso übrigens ein grundehrlicher und sympathischer Typ. Im Gegensatz zu fast allen anderen italienischen Spielern bei Milan hat er sich schon vor Jahren von der Popolo della Liberta, der Partei Berlusconis, distanziert. Pluspunkt!

Und selbstironisch meinte Gattuso einst über sein Erscheinungsbild: "Ich bin so hässlich wie Schulden bei der Bank". Bravo, dicker Pluspunkt!

Den sammelte in Spanien an diesem Wochenende auch Mesut Özil. Überragende Partie beim 3:1 in Santander, seine Assists 17 und 18 der Saison.

Noch bedeutsamer als diese Zahlen könnte die neue Position Özils werden. Als Reaktion auf die Verletzung von Cristiano Ronaldo hatte Mourinho sein System umgestellt, Özil zentral als Zehner hinter den beiden Spitzen Benzema und Adebayor.

Das funktionierte wunderbar und erweitert Mourinhos taktische Möglichkeiten. Könnte noch wichtig werden, denn ich werde das Gefühl irgendwie nicht los: Das Duell Barca-Real sehen wir in dieser Spielzeit nicht nur in Meisterschaft und Pokal, sondern auch noch in der Champions League.

Wäre doch ein Ding - noch viermal der Clasico in der verbleibenden Saison. Genauso oft wie Elfmeter für Auswärtsmannschaften im Old Trafford in den letzten 15 Jahren.

Zum Kuckuck noch einmal!

Bis nächste Woche,Euer Uwe Morawe

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