Ob in England, Italien oder Spanien: Uwe Morawe geht in seiner Kolumne seltsamen Missverständnissen auf Fußballfeldern nach.

Mit der Sprache ist es ein eigen Ding. Sie schafft Gemeinschaft und Individualität zugleich, vereint und grenzt aus. Die Sprache zieht die Grenze vom Ich zur Außenwelt. Begreift mein Gegenüber tatsächlich, wie ich meine was ich ausdrücke?

Und umgekehrt. Wer darüber zu intensiv nachdenkt, ist von einer Einweisung nicht allzu weit entfernt.

Noch komplizierter wird es bei Fremdsprachen.

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Darin kann allerdings auch eine Chance liegen. Als 1990 Bundeskanzler Helmut Kohl den amerikanischen Präsidenten George Bush auf seiner Garagenauffahrt in Oggersheim empfing, hemdsärmelte der Saumagenvertilger in die Mikrophone:

"Ich freue mich, meinen alten Freund Georg (deutsch ausgesprochen!) auch mal hier bei mir zu Hause begrüßen zu dürfen!"

Au weia, Weltpolitik mit Eierlikör und Häkeldecke, ich sah die Wiedervereinigung schwinden. Doch da rettete der Dolmetscher die Situation: "I'm very pleased to...". Das gesamte Kohl'sche Schwadronieren inhaltlich sauber wiedergegeben, nur rhetorisch drei Klassen höher, eine Meisterleistung!

Der olle Ami hielt unseren Kanzler für eine intellektuelle Eins, so einem kann man ein einig Vaterland nicht abschlagen.

Diesen Superdiplomaten hätte ich auch gerne für eine Übersetzung eines Satzes vom Wochenende. Nach dem FA-Cup-Aus im Old Trafford sprach Arsenals Arsene Wenger: "Manchester United was more clinical".

Wer das Spiel gesehen hat, muß zugeben, der perfekte Ausdruck! Doch wie soll man das ins Deutsche bringen? Das wörtliche "klinisch" fällt unter'n Tisch, hat im Deutschen keine metaphorische Bedeutung.

Nimmt man aber die Begriffe "kühlerer Kopf", "zupackender" oder das in Mode gekommene "griffiger", dann geht die entscheidende Assoziation verloren, mit welch chirurgischer Präzision Manchester United seine wenige Angriffsaktionen durchführte.

Vor dem inneren Auge wurde das rote Trikot eines Wayne Rooney fast zum grünen Kittel im OP - doch für dieses "clinical" gibt es einfach kein deutsches Wort.

Sie sehen, manchmal ist es nahezu unmöglich, sich vollverständlich auszudrücken.

Noch komplizierter wird es bei der Gebärdensprache. Zu beobachten in der Serie A bei der Partie AC Mailand gegen Bari. Welch mimisches Aneinandervorbei zwischen Zlatan Ibrahimovic und Schiedsrichter Christian Brighi!

Beim vermeintlichen Ausgleich zum 1:1 hatte Ibrahimovic den Oberarm zu Hilfe genommen. Der Unparteiische besaß die Dreistigkeit, dieses zu erkennen und zu ahnden - Handspiel, Tor aberkannt.

Nun zog Ibrahimovic alle Register aus der Schauspielschule Malmö: weit ausgebreitete Arme in Kombination mit gehobenen Augenbrauen sollten Unschuld signalisieren. Nutzte nichts, Herr Brighi hatte keinerlei Antennen für diesen Schwänzeltanz und zeigte die Gelbe Karte.

Tief enttäuscht ob dieser emotionalen Zurückweisung reagierte Ibrahimovic wie ein kleines Kind nunmal reagiert. Mit Trotz. Versteckter Leberhaken gegen Innenverteidiger Mario Rossi. Dummerweise nicht versteckt genug.

Schiedsrichter Brighi erwies sich als Pädogoge alter Schule. Kein Interesse an den Ursachen solcherlei Gefühlsausbrüche, so ein Brighi geht den Wurzeln dieser gestörten Kommunikationsformen nicht auf den Grund, nein, er bestraft nach gestriger Sitte rein das Wirken.

Rote Karte, drei Spiele Sperre, Ibrahimovic wird im wichtigen Duell gegen Inter fehlen. Das bedeutet weiteren Liebesentzug für den unverstandenen Zlatan, eine Spirale des Bösen...

Auch in Spanien schaukelt sich das Fernduell zwischen Barca und Real immer weiter auf. Die selbstmitleidige Schiedsrichterschelte von Jose Mourinho zeigt Wirkung.

Der FC Barcelona wurde in Sevilla gnadenlos verpfiffen, nur Unentschieden, und Josep Guardiola stellte jegliche Kommunikation ein. Einem Trainer von Barca stehe es nicht zu, die Leistung des Unparteiischen zu kritisieren. Hut ab vor so viel Contenance, diese Reaktion ist wahrlich "clinical".

Guardiola wird in den nächsten Wochen auch einen kühlen Kopf brauchen, denn die Geschütze aus der Hauptstadt werden immer schwerer.

Real Madrid ersucht den spanischen Verband, die medizinische Betreuung des FC Barcelona genauer unter die Lupe zu nehmen. Das sind Dopingvorwürfe, so unversteckt wie die Leberhaken eines Ibrahimovic.

So lange es keine Fakten gibt, sollte man sich in der Beurteilung dieser Geschichte zurückhalten. Erstaunlich allemal, daß diese Vorwürfe aus der Mourinho-Ecke kommen.

Egal ob bei Chelsea, Inter oder Real - immer hatte ich den Eindruck, daß die Spieler Mourinhos schon nach kurzer Zeit fünf Zentimeter dickere Oberarme hatten als zuvor. Aber das kam bestimmt nur von Eierlikör und besonders gesundem Spinat...

Bis nächste Woche,Euer Uwe Morawe

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