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Roberto Hilbert (l.) bestritt in dieser Saison bislang 19 Spiele für Besiktas © imago

Im Interview mit SPORT1 spricht der Mittelfeldspieler über den Rücktritt von Bernd Schuster und den hohen Druck bei Besiktas.

Von Nikolai Kube

München - Bernd Schuster hat genug.

"Ich möchte nicht bei einer Mannschaft bleiben, bei der ich keinen Erfolg habe", sagte der Deutsche nach seinem Rücktritt bei Besiktas Istanbul.

Erst im Juli des vergangenen Jahres hatte er den Trainerposten beim türkischen Erstligisten übernommen. Nun ist Schusters Zeit bei Besiktas bereits wieder abgelaufen.

Er kam damit wohl einer Entlassung durch Klub-Präsident Yildirim Demirören zuvor. (DATENCENTER: Süper Lig)

Nach nur einem Sieg aus den vergangenen sieben Ligaspielen und dem Aus in der Europa League wurden die kritischen Stimmen gegen den ehemaligen Coach von Real Madrid lauter und lauter.

Hilbert Stammspieler

Schuster ist bei Besiktas Vergangenheit, einem anderen Deutschen gehört die Gegenwart: Roberto Hilbert.

Der Ex-Stuttgarter spielt seit Sommer 2010 am Bosporus und ist unumstrittener Stammspieler.

Von den Medien bekam Hilbert wegen seiner aufopferungsvollen Spielweise den Spitznamen "deutscher Panzer" verliehen.

Im Interview mit SPORT1 spricht er über Ex-Trainer Schuster und einen Boxkampf in der Kabine. Die Rückkehr in die Nationalmannschaft bleibt sein Traum.

SPORT1: Herr Hilbert, wie lebt es sich in Istanbul?

Roberto Hilbert: Sehr gut! Ich habe mich mittlerweile bestens eingelebt. Und die Stadt gefällt mir hervorragend.

SPORT1: Erst Stuttgart, jetzt Istanbul. Sicher eine große Umstellung, oder?

Hilbert: Auf jeden Fall. Die Menschen sind hier emotionaler und enthusiastischer.

SPORT1: Haben Sie oft Heimweh?

Hilbert: Nein, ich fühle mich wohl hier. Auch meine Familie wird hier in Istanbul langsam heimisch. Ich vermisse in erster Linie meine Stuttgarter Freunde. Zwar besuchen mich relativ regelmäßig einige meiner Kumpels, aber wir sehen uns natürlich nicht mehr so oft wie früher.

SPORT1: Zum Sportlichen: Besiktas-Trainer Bernd Schuster ist am Dienstag zurückgetreten. Was halten Sie von seinem Entschluss?

Hilbert: Der Zeitpunkt war schon überraschend. Zuletzt hörte man immer mal wieder, dass man nach der Saison ein Fazit ziehen werde. Ich persönlich finde es schade, dass er geht. Aber mit seinem bisherigen Assistenten Tayfur Havutcu übernimmt jetzt ein Trainer, der die Mannschaft ebenfalls sehr gut kennt.

SPORT1: Was, glauben Sie, waren schlussendlich die Gründe für seine Entscheidung?

Hilbert: Das kann ich nicht abschließend beurteilen. Aber klar ist, dass wir in dieser Saison bisher deutlich unter den Erwartungen und Ansprüchen zurückgeblieben sind.

SPORT1: Wie kamen Sie mit ihm zurecht?

Hilbert: Bernd Schuster war ein super Trainer. Die Trainingsinhalte und die Art und Weise, wie er Fußballspielen ließ, hatten Hand und Fuß. Leider haben das die Ergebnisse zuletzt nicht widergespiegelt.

SPORT1: Was läuft falsch bei Besiktas?

Hilbert: Das ist schwer zu sagen. Ein Grund für die enttäuschende Saison sind sicher die vielen verletzten Spieler, die wir zu beklagen hatten. Und wenn man erst einmal eine schlechte Phase hat, kommt man da nicht mehr so leicht heraus.

SPORT1: Platz sieben in der Liga. Das internationale Geschäft ist außer Reichweite?

Hilbert: Wir können uns noch über den Pokal qualifizieren, da stehen wir im Halbfinale. Aber zufrieden sein können wir mit der Saison natürlich nicht! Und deshalb wird hier auch das Umfeld immer unruhiger. Der mediale Druck ist vergleichbar mit dem des FC Bayern. Besiktas muss eigentlich immer Meister werden.

SPORT1: Immerhin: Sie haben sich bei Besiktas als Leistungsträger etabliert, dürfen fast immer von Beginn an ran. Zufrieden?

Hilbert: Es läuft gut. Meine Art und Weise, Fußball zu "arbeiten", kommt in der Türkei gut an. Und ich verstehe mich auch mit den Fans und meinen Teamkollegen super.

SPORT1: Mit Fabian Ernst befindet sich ein weiterer Deutscher im Besiktas-Kader. Wie kommen Sie miteinander klar?

Hilbert: Wir sind auf einer Wellenlänge und unternehmen auch gelegentlich etwas zusammen mit unserer Familien.

SPORT1: Wann sehen wir Sie wieder in der Bundesliga?

Hilbert: Das ist schwer zu sagen. Natürlich ist die Bundesliga immer reizvoll. Aber ich habe hier einen Vertrag bis 2013 und mich mittlerweile gut eingelebt.

SPORT1: Für Furore sorgte vor einigen Wochen eine Meldung aus der Türkei: Ihr Kapitän Ibrahim Üzülmez soll seinem Stellvertreter Ibrahim Toraman in der Kabine einen Faustschlag versetzt haben. Wie haben Sie die Szene erlebt?

Hilbert: Ja, zu diesem Zeitpunkt war ich auch in der Kabine. Es war sehr kurios, emotional, überraschend und schockierend. Ich habe versucht zu schlichten und den Jungs zu erläutern, dass wir Fußballer sind - und keine Boxer. Geholfen hat es wenig (lacht).

SPORT1: In welcher Sprache verständigen Sie sich?

Hilbert: Mittlerweile habe ich schon ein paar türkische Sätze drauf. Ich nehme ein bis zweimal pro Woche Sprachunterricht. Ich bin der Meinung, dass es meine Pflicht ist, die Sprache eines Landes zu sprechen, in dem ich lebe.

SPORT1: Werfen wir einen Blick auf Ihren Ex-Klub VfB Stuttgart. Der kämpft aktuell gegen den Abstieg...

Hilbert: Ja, das ist unfassbar. Die Mannschaft hat eigentlich so eine hohe Qualität. Aber jetzt muss man die Saison irgendwie retten, den Abstieg verhindern. Denn das wäre für die ganze Region eine Katastrophe.

SPORT1: Sie waren schon mal Nationalspieler, haben acht Länderspiele auf Ihrem Konto. Erkundigt sich Bundestrainer Joachim Löw gelegentlich nach Ihnen?

Hilbert: Nein, von Joachim Löw höre ich nichts mehr. Aber das ist ja auch verständlich, die Nationalmannschaft ist aktuell kein Thema für mich. Natürlich versuche ich, durch Erfolge und gute Leistungen auf mich aufmerksam zu machen.

SPORT1: Träumen Sie noch von einer Rückkehr?

Hilbert: Ganz habe ich die Hoffnung noch nicht aufgegeben.

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