Ob in England, Italien oder Spanien: Uwe Morawe geht in seiner Kolumne seltsamen Missverständnissen auf Fußballfeldern nach.

Die Geschichte von unserem Herrn Lehmann spielt nicht in Berlin-Kreuzberg oder Bremen-Vahr, sondern in West Bromwich.

Eine 130.000-Einwohner-Stadt, die 1727 als Kutschstation auf der Strecke zwischen London und Shrewsbury zu mäßiger Bedeutung kam und sich aufgrund von Steinkohlevorkommen im 19. Jahrhundert zu einem industiellen Mittelzentrum entwickelte.

Außer einem schmucklosen backsteinfarbenen Rathaus mag das Fußballstadion "The Hawthorns" noch einer Erwähnung wert sein. Immerhin eine der ersten Sportarenen der Welt, die 1949 mit elektrischen Drehkreuzen ausgestattet wurde.

Aber so spannend ist das nun auch wieder nicht.

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Warum verbringt ein finanziell unabhängiger 41-jähriger Mann seinen Samstagnachmittag lieber in der mutmaßlich muffigen Umkleidekabine des Hawthorns anstatt den beginnenden Frühling auf der Sonnenterasse am Starnberger See mit Frau und Kindern zu genießen?

Soll er doch, bei mir kann jeder machen was er will, werden die einen sagen.

Vielleicht hat Frau Lehmann eine tiefergehende Antwort, doch das dürfte dann Privatsache sein. Wir beschäftigen uns mit der wahrscheinlichsten Triebfeder des Herrn Lehmann: Ehrgeiz!

Kaum ein Wortbegriff spiegelt in seiner Veränderung den Wertewandel der modernen Gesellschaft so gut wider wie Ehrgeiz. Im Mittelalter ein Schimpfwort ohnegleichen, eine höllischer Molotow-Cocktail aus den drei Todsünden Gier/Neid/Hochmut.

Kernbestandteil der Definition war bis vor wenigen Jahrzehnten stets der Umstand, das der Ehrgeizige vor keinem unlauteren Mittel zurückschreckt, um andere zu übertrumpfen und zu mehr Macht oder Einfluß zu kommen (siehe Nachweis: Torhüterfrage WM 2006).

Hat sich dramatisch geändert. Heutzutage ist nicht etwa Ehrgeiz, sondern gerade fehlender Ehrgeiz die größte Todsünde im Wirtschaftsleben und Kündigungsgrund Nummer 1. Will man die althergebrachte Bedeutung noch hervorheben, muß man schon das Adjektiv "krankhaft" voranstellen. Hört man aber auch immer seltener: dann sagt man gleich "linker Vogel".

Als solchen bezeichnete vor Jahren Manuel Almunia auch unseren Herrn Lehmann.

Dabei ist der Spanier selbst von eher flatterhafter Natur. Schon sitzt der alte Rivale grinsend auf der Ersatzbank leistet sich Almunia beim 2:2 im Hawthorns einen Klops ohnegleichen. Wie die Geschichte enden wird, scheint sonnenklar. Mit dem wahren Comeback des Handschuhwürgers, Schuhewerfers und Werbebandenpinklers, unseres Herrn Lehmann!

Und das ist auch gut so, denn Jens Lehmann hat auch in fortgeschrittenem Alter noch die Qualität eines Topgoalies. Der Spielfilm ist vorprogrammiert: durch Lehmanns Paraden erringt Arsenal noch die Meisterschaft, anschließend Vertragsverlängerung.

Die heimische Seeterasse bleibt noch länger XY-Chromosomen-frei.

Großes Vorbild von unserem Herrn Lehmann dürfte Peter Shilton sein. Sie wissen schon, der Plumpssack beim Brehme-Freistoß aus dem WM-Halbfinale 1990. Bereits als 17-Jähriger hatte dieser torwächterliche Ehrgeizling bei Leicester City den großen Gordon Banks weggemobbt - nur zwölf Monate nachdem dieser beim World Cup 1966 noch Englands Superhero gewesen war.

Bis ins hohe Alter von 46 Jahren bewahrte Shilton bei unterschiedlichen Clubs den Status als Nr.1 und stellte mit 995 Ligaspielen einen unangefochtenen Weltrekord auf. Aber das reichte natürlich nicht. Ehrgeiz! Die 1000 muss fallen!

Wechsel zum FC Wimbledon - keine Chance zu spielen, Koffer gepackt Richtung Bolton. Hier kam Shilton immerhin zu Liga-Einsatz 996, mehr aber auch nicht.

Also versuchte der alte Knacker es bei Coventry City - wieder nur Reservekeeper und erneuter Vereinswechsel. Doch auch bei West Ham United kam Shilton über die Ersatzbank nicht hinaus...

Im Alter von 48 Jahren, beim fünften Club in 15 Monaten, dem Drittligisten Leyton Orient, wurde der (krankhafte?) Ehrgeiz belohnt. Jawoll, nocheinmal neun Partien - mit Hüftgold zum ewigen Triumph!

Peter Shilton bestritt in seiner Karriere unerreichte 1005 Ligaspiele. Manch einer wird sagen: Soll er doch, bei mir kann jeder machen was er will.

Frau Lehmann am Starnberger See betrachtet diese Zahl jedoch mit Schaudern...

Bis nächste Woche,Euer Uwe Morawe

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