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Der Horror-Moment für John Arne Riise (r.): Er triffft ins eigene Netz © getty

John Arne Riise war lange Zeit der Publikumsliebling schlechthin in Liverpool. Doch ein Blackout kostete den Norweger diesen Status.

München/Liverpool - Plötzlich war es still. Totenstill.

Die Gesichter der treuesten und kurz zuvor noch lautstark tobenden Liverpool-Fans auf der Tribüne "The Kop" wurden zu Stein.

Selbst die Chelsea-Fans unter den 44.000 Zuschauern an der Anfield Road brauchten einen Augenblick um zu begreifen, was passiert war.

In der fünften Minute der Nachspielzeit hatte Abwehrspieler John Arne Riise mit einem Eigentor den FC Liverpool um den verdienten Sieg im Halbfinal-Hinspiel der Champions League gegen den FC Chelsea gebracht.

Im Stile eines Jürgen Klinsmann

Chelseas Salomon Kalou hatte von der linken Seite in den Strafraum geflankt, in der Mitte lauerte Nicolas Anelka hinter Riise, der den Ball zur Ecke befördern wollte.

Doch der eine halbe Stunde zuvor eingewechselte Norweger köpfte den Ball im Stil eines Jürgen Klinsmann von der Grasnarbe unter die Latte.

Riise hätte sich am liebsten eingegraben, blieb mit dem Gesicht auf dem Rasen liegen, während Didier Drogba das Glück kaum fassen konnte, sich den Ball schnappte und jubelnd abdrehte.

"You Riise Pudding!"

"Eine Albtraum-Sekunde", schrieb der "Daily Mirror". "Man bekommt nicht immer, was man verdient", meinte die "Sun", die den bedröppelten Riise verhöhnte: "You Riise Pudding!"

"Beim Ausgleichstreffer war natürlich Glück dabei, dennoch fiel er nicht unverdient", meinte DFB-Kapitän Michael Ballack nach dem eigentlich nicht verdienten 1:1 bei den Reds.

Bis auf eine gute Viertelstunde zu Beginn des Spiels war Ballacks Team schlechter als Liverpool, das vor und nach dem 1:0 durch Dirk Kuyt (43.) die besseren Torchancen hatte. Doch Chelseas Torwart Petr Cech bewahrte die Londoner vor einem höheren Rückstand.

"Mit einem Bein im Grab"

"Chelsea stand schon mit einem Bein im Grab", schrieb der "Daily Telegraph".

"Die Gründe dafür, dass Chelsea die Chance auf das Finale hat, heißen Riise und Cech", meinte die "Sun" und ergänzte: "Ohne Cech wäre Chelsea so verprügelt worden, dass das Rückspiel wahrscheinlich abgesagt worden wäre."

"Ich weiß, dass unser Tor glücklich war, aber wir haben gut gespielt und hatten schon zweimal viel Pech gegen Liverpool", sagte Cech, der 2005 und 2007 mit den Blues jeweils im Halbfinale gegen Liverpool ausgeschieden war.

Grant verschafft sich Luft

Der mögliche erstmalige Einzug ins Endspiel nimmt auch ein wenig Druck von Chelseas umstrittenen Coach Avram Grant. "Das 1:1 ist ein großer Schritt zu unserem Ziel", sagte der Israeli.

Trotz der Halbfinal-Teilnahme und der Aussicht, am Wochenende mit einem Sieg über Manchester United nach Punkten mit dem Tabellenführer der Premier League gleichzuziehen, steht Grant in der Kritik.

"Ich mache mir keinen Kopf darum, was die Leute sagen, sondern mache meinen Job und versuche gute Ergebnisse zu erzielen", meinte er.

"Er könnte 'The Lucky One' werden"

"Grant ist vielleicht nicht 'The Special One'", schrieb die "Sun" in Anlehnung an Grants Vorgänger Jose Mourinho, "aber er könnte 'The Lucky One' werden". Mourinho hatte Chelsea zweimal zur Meisterschaft geführt, war aber in der Champions League zweimal an Liverpool und einmal am FC Barcelona gescheitert.

Doch um das Finale am 21. Mai in Moskau zu erreichen, muss sich Chelsea am kommenden Dienstag gewaltig steigern. "Das Rückspiel wird hart", meinte Grant.

"Noch ist nichts entschieden", sagte Ballack, "denn mit Torres und Gerrard kann Liverpool auswärts sehr gefährlich kontern."

Benitez gibt sich kämpferisch

Liverpool muss mindestens ein Tor erzielen. Doch bisher haben die Reds in der Champions League an der Londoner Stamford Bridge noch überhaupt nicht getroffen.

"Es gibt immer ein erstes Mal", gab sich Teammanager Rafa Benitez kämpferisch.

"Wenn wir so spielen wie in den ersten 20 Minuten der zweiten Halbzeit, können wir das Finale erreichen", so der Spanier, der mit der Leistung des österreichischen Schiedsrichters Konrad Plautz nicht einverstanden war.

Kritik am Schiedsrichter

"Er hat viele Freistöße gegen uns gepfiffen und aus unerklärlichen Gründen vier Minuten nachspielen lassen. Aber es war nicht das erste Mal, wir wussten, was wir zu erwarten hatten", erklärte Benitez.

Plautz hatte bereits Liverpools 0:1-Heimniederlage gegen Olympique Marseille in der Gruppenphase geleitet. Warum Benitez nach der Bekanntgabe der Nachspielzeit nicht ein drittes Mal wechselte, um so Zeit zu gewinnen, bleibt jedoch sein Geheimnis.

"Aber wir können den Schiedsrichter nicht für unsere vergebenen Chancen verantwortlich machen", betonte Benitez. "Wir hatten mindestens vier klare Möglichkeiten, und wir hätten sie nutzen müssen." Am Ende traf dann Riise - nur ins falsche Tor.

Thorsten Mesch

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