Ob in England, Italien oder Spanien: Uwe Morawe geht in seiner Kolumne dem Bruderneid und den James Cooks des Fußballs nach.

Das Verhältnis unter Geschwistern hat von jeher die Dichter und Denker beschäftigt. Wie am Küchentisch geht´s auch in den Büchern mal harmonisch, mal neidvoll zu.

Bruderliebe als Maßstab der selbstlosen Freundschaft, literarische Beispiele gibt es zu Hauf.

Von Homers Achilles und Patroklos bis hin zu Winnetou und Old Shatterhand, den ollen Blutsbrüdern. Klingt edel und gut, ist dramaturgisch gesehen aber langweilig.

Erst durch den Ehrgeiz des Nachgeborenen kommt Pepp in die Nummer. Nicht zufällig handelt bereits die zweite große Story der Bibel von Kain und Abel.

[image id="2c25c687-647e-11e5-acef-f80f41fc6a62" class="half_size"]

Schiller läßt Franz Moor über den erstgeborenen Karl geifern: "Er ist aus eben dem Ofen geschossen worden, aus dem du geschossen bist (...) Ich will alles um mich her ausrotten, was mich einschränkt." So baut man Dramatik auf!

Auch das Mailänder Stadtderby zwischen Milan und Inter ist seit jeher eine Geschichte unter rivalisierenden Brüdern.

Man wetteifert, teilt sich im San Siro aber das gemeinsame Heim. Fast einzigartig in der Historie bedeutender Fußballklubs handelt es sich um eine Zellteilung - die beiden kamen aus dem selben Ofen geschossen.

Im Jahre 1908 verstärkten sich bei Milan - wie der Name schon andeutet selbst von Engländern gegründet - fremdenfeindliche Tendenzen.

Die Italiener im Verein wollten den Einfluss der Ausländer zurückschrauben. Daraufhin gründeten die Weggemobbten ihren eigenen Klub, den FC Internazionale, offen für alle Nationalitäten.

Die treibenden Kräfte dieser Neugründung waren drei Schweizer Brüder mit großartigen Namen: Arturo Hintermann, Carlo Hintermann und Enrico Hintermann!

Was dermaßen klingt, musste ja was werden: Bereits 1910 errang Inter seine erste Meisterschaft - mit neun Schweizern im Kader.

Der AC Mailand dagegen musste seinen Akt der Intoleranz büßen und über 40 Jahre warten. Erst 1951 holte man wieder den Scudetto, pikanterweise durch die Verpflichtung der drei schwedischen Superstars Gren, Nordahl und Liedholm.

Heutzutage haben sich die einstigen Unterschiede verwischt, am Samstag trafen zwei ähnlich aufgestellte Wirtschaftsunternehmen mit ihren Betriebssportgruppen aufeinander. Und entgegen der Formkurven der letzten Wochen triumphierte der AC.

Matchwinner war wie schon gegen Napoli der Brasilianer Pato mit einem Doppelpack. Manchmal sind es ja die Dinge abseits des Platzes, die über eine Meisterschaft entscheiden.

Die Heimatverschickung von Ronaldinho in Richtung Copacabana hatte im Januar einen tiefergehenden Zweck: der Partykönig hatte begonnen, bei seinen Streifzügen den jungen Pato in Schlepptau zu nehmen.

Gefiel den Gallianis und Berlusconis überhaupt nicht. Nun ist Pato wieder kreuzbrav, drei Kilo leichter und entschlackt.

Auch bei Wayne Rooney schien ein Läuterungsprozess im Gange. Nach all den Schlagzeilen in der Hinrunde war das Auswärtsspiel bei West Ham sportlich gesehen der langersehnte Befreiungsschlag.

Das war endlich wieder der Rooney aus der Vorsaison. Hattrick innerhalb von 14 Minuten, nach 0:2-Rückstand doch noch die wichtigen drei Zähler.

Ein Rooney in Topform, dazu ein von Selbstzweifeln geplagter FC Arsenal, die Meisterschaft in England hätte entschieden sein können.

Doch in Wayne Rooney schlummert ein Franz Moor. Völlig ohne Grund pöbelte der Ehrgeizzerfressene beim Torjubel in Richtung Fernsehkameras. Wo Kameras stehen, sind meist auch Mikrophone...

Nun ermittelt der englische Verband gegen Rooney wegen Gebrauchs unflätiger Worte. Ob das Titelrennen noch einmal spannend wird, entscheidet sich im Verhandlungssaal der FA. Kommt Rooney glimpflich davon, dürfte Manchester United durch sein.

Entschieden ist das Titelrennen bereits in Spanien, Real Madrid helfen auch keine Petitionen mehr.

Das Ende der historischen Serie von Jose Mourinho kam äußerst banal daher. Nach über neun Jahren und genau 150 Ligaheimspielen ohne Niederlage setzte es ein 0:1. Gegen Sporting Gijon!

Kein heldenhafter Kampf unter Titanen, nein, ein trivialer Fallstrick namens Sporting Gijon.

Typisch, das Ende großer Männer hat häufig etwas Beschämendes. Nehmen Sie mal James Cook. Dreimal die Welt umsegelt, als Erster die Inseln des Pazifik genau kartographiert.

Und bereits 150 Jahre bevor Wissenschaftler die Vitamine entdeckten, wusste Cook schon intuitiv, was das ist. Wie ein Mourinho stellte sich der englische Kapitän vor seine Mannschaft, forderte von der Marine gezuckerte Zitronen als Verpflegung ein. Horrend teuer - aber auf den Schiffen von James Cook gab es keinerlei Fälle von Skorbut oder Beri-Beri.

Sein Sporting Gijon erlebte der große Seefahrer dann auf Hawaii. Cook schipperte in einem kleinen Beiboot in eine Bucht, mit Geschenken beladen und nur vier Mann Geleitschutz wollte er den Einheimischen demonstrieren: Hey, peace, ich bin doch euer Bruder.

Keine so gute Idee. Das Ganze endete in einem fürchterlichen Gemetzel. Erst nach fünf Tagen erhielt die Besatzung des Mutterschiffs die frikassierten Überreste der Männer um Cook ausgehändigt.

Was das alles mit Jose Mourinho zu tun hat?

Nun, auch wenn die spanische Inquisition abgeschafft ist: Sollte der Trainer mit Real gänzlich ohne Titel bleiben, wird er das wahre Ich der Madrider Presse schon noch kennenlernen. Also, eher Eingeborenenstamm als ein Franz Moor...

Bis nächste Woche,Euer Uwe Morawe

Zum Forum - hier mitdiskutieren!Zurück zur Startseite

teilentwitternteilenE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel