Bei einem Blick in die Vergangenheit stellt Uwe Morawe diese Woche den vielleicht besten Fußballer der letzten 20 Jahre vor.

Dieses Wochende war ein Luftholen vor dem Saisonendspurt.

In den Topligen Europas passierte im Meisterschaftskampf so gut wie nichts, die Spitzenmannschaften in England, Spanien und Italien erledigten allesamt ihre Pflichtaufgaben.

Gelegenheit, den Blick auf ein historisches Fußballspiel zu richten.

Sommer 1987. Auf dem Trainingsgelände von Manchester United empfängt die vereinseigene C-Jugend die Schulauswahl einer Satellitenstadt, die Salford Boys. Hinter der Glasscheibe seines Büros betrachtet Trainer Alex Ferguson die Partie.

[image id="5948f012-647d-11e5-acef-f80f41fc6a62" class="half_size"]

Im Fokus seines Interesses nicht etwa der eigene Nachwuchs, nein, Ferguson steht auf schräge Geschichten. Ein stinknormaler Stadionordner im Old Trafford, ein Mann mit dem profanen Namen Harold Wood, hatte ihn jüngst von der Seite angehauen.

Er habe schon dreimal an den Verein geschrieben, keine Antwort. Es gebe da einen Jungen, phantastisch, niemals dürfe sich United dieses Talent entgehen lassen.

Tipps dieser Art gibt es zwar viele. Doch wenn jemand so viel Mut zusammennimmt, direkt am Panzer des knorrigen Schotten zu kratzen, kann man zumindest ja mal hinschauen. Und Ferguson haut's das Chewing Gum aus dem Kiefer.

Dieser Ryan Joseph Wilson erzielt für die Provinzler tatsächlich drei Tore gegen den Nachwuchs von ManUnited.

Den einen Gedanken, die gesamte Scouting-Abteilung des Vereins fristlos zu entlassen, lässt Ferguson nach kurzer Überlegung fallen, den anderen setzt er schnellstmöglich um.

In England dürfen Vorverträge für Profis erst im Alter von 14 Jahren von den Eltern unterschrieben werden. Am 14. Geburtstag, 9 Uhr morgens, steht Alex Ferguson höchstpersönlich auf der Fußmatte.

Der Beginn der größten Vater-Sohn-Beziehung des modernen Fußballs.

Mit seinem leiblichen Vater bricht Ryan Joseph Wilson kurz darauf. Vom Papa - ein walisischer Rugbynationalspieler mit Vorfahren aus Sierra Leone - hatte Wilson den dunklen Teint und die Athletik geerbt.

Doch weil der Vater seine Aggressionen auch zu Hause nicht zügeln kann, empfindet der junge Ryan nur noch Verachtung. Er nimmt den Namen seiner Mutter an. Aus Wilson wurde Giggs und der erfolgreichste Fußballer aller Zeiten im englischen Fußball.

Skurrilerweise stellten gerade seine Mannschaftserfolge den Blick auf die Tatsache zu, dass Ryan Giggs vielleicht auch der beste Fußballer der letzten 20 Jahre war, und zwar weltweit.

Elf Mal Meister, vier Mal FA-Cup-Sieger, zwei Mal Champions League Gewinner. Ryan Giggs nahm all diese Triumphe mit einer Bescheidenheit und Normalität entgegen, daß viele kaum wahrnahmen, wie außergewöhnlich das alles ist.

Zu Beginn seiner Karriere hochgejubelt als Nachfolger von George Best, landesweiter Teenieschwarm, private Beziehungen zu Starlets, das Konterfei auf den Titelseiten der Yellow Press.

Doch Mitte der 90er Jahre bricht Giggs mit diesem Lebensstil, überläßt die Rolle des Glamourboys seinem Kollegen David Beckham und konzentriert sich auf das, was ihm am meisten Spaß macht: Fußball.

Heute gibt es kaum noch öfftentliche Auftritte abseits des Rasens. Die offizielle Homepage von Ryan Giggs ist ein Torso.

Irgendein Vereinsangestellter verlinkt dort Artikel von der Manchester-United-Page, aber klickt man auf Sektionen wie Profile, Bio, Story, Photos erscheint immer der selbe Text: "this page is under construction".

Manch einer wird sagen, wie unprofessionell für eine Person der Öffentlichkeit. Ich meine: wie wohltuend uneitel in Zeiten, in denen die Straßen und Facebook gepflastert sind von genau dem Durchschnittstyp, der sich für die Ausnahme hält.

Dass Ryan Giggs niemals auch nur in die engere Auswahl zum Fußballer Europas oder zum Weltfußballer kam, ist inhaltlich ein Skandal, doch irgendwie logisch.

Er verweigert sich zum Teil dem Business, von dem er lebt.

Da ist allein schon sein falscher Ausrüstervertrag. Seit 15 Jahren spielen sich adidas und Nike den Weltfußballer-Titel pingpongmäßig hin und her.

Da gab es von vornherein nie eine echte Chance für Spieler, die anderswo unter Vertrag stehen wie Batistuta, Bergkamp, Seedorf, Eto'o oder eben Giggs.

Naivlinge werfen zur Entgegnung dieser These immer ein, der Weltfußballer werde doch von allen Nationaltrainer der Erde gewählt.

Bingo!

Die Stimme aus Tansania und Turkmenistan zählt genauso wie die von Capello und Löw. Und was glauben Sie, wie einfach es für die beiden Branchenriesen ist, den Nationalcoach von Vanuatu mal kurz zur Seite zu nehmen, nachdem man ihm 30 Trikotsätze in die Hand gedrückt hat?

Gegenüber Mechanismen dieser Art hat sich Ryan Giggs längst verschlossen. Ihm dürfte eine andere Wahl viel wichtiger gewesen sein.

Giggs wurde unlängst von den Fans von Manchester United zum besten Spieler der Vereinsgeschichte gekürt. Vor Größen wie Bobby Charlton, Denis Law, George Best, Bryan Robson, Roy Keane oder Eric Cantona.

Und nebenbei bastelt Ryan Giggs am Trainerschein. Denn so war es doch in der guten alten Zeit, oder?

Irgendwann übergibt der Vater die Geschäfte an seinen Sohn.

Bis nächste Woche,Euer Uwe Morawe

Zum Forum - hier mitdiskutieren!Zurück zur Startseite

teilentwitternteilenE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel