In seiner Kolumne zeigt Uwe Morawe, warum der neuerdings so stille Jose Mourinho sich spielerisch an Bertolt Brecht orientiert.

Routinierte Zuschauer von Kriminalfilmen wissen genau, wenn beim Verhör der Verdächtige stammelt: "Ich sage nichts mehr ohne meinen Anwalt...", dann erfolgt ein Schnitt, Wechsel von Ort und Handlung.

Höchstens in schwedischen Experimentalfilmen in Tradition eines Ingmar Bergman verharrt die Kamera in langen Einstellungen im Verhörzimmer.

20 Minuten Warten auf die Ankunft des Anwalts in quälender Stummheit, Schweißperlen in Großaufnahme, fixierte Blicke, die Stille unterbrochen nur durch das Klopfen des Regens.

Dramaturgisch ist so etwas der letzte Heuler, der Kinosaal wäre fix geleert, der Regisseur, der uns derartiges zumutete, der geheimste aller cineastischen Geheimtipps.

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Nun, Jose Mourinho besitzt offensichtlich einen DVD-Giftschrank mit ausgesuchten skandinavischen Filmperlen. Die Pressekonferenz des Portugiesen vor dem Clasico geriet zur minimalistischen Inszenierung eines Performancekünstlers.

Hätte Mourinho ausrichten lassen, er benötige die volle Konzentration auf das Barca-Spiel, und wäre überhaupt nicht erschienen - okay, geschenkt.

Aber Co-Trainer Aitor Karanka als lebende Handpuppe auftreten zu lassen, war ein Geniestreich. Der medienunerprobte Assistent verkündete, daß nur er selbst Fragen beantworten werde. Und Mourinho saß stummfeixend daneben, ließ seine Augen kreisen, grinste und schwieg. Großartig!

Mit Worten hatte Mourinho die Presse schon häufig provoziert, zur Weißglut trieb er die Journalisten nun als menschgewordener Fisch.

Mit dickem Hals und leerem Zettelblock verließ ein ganzer Berufstand den Presseraum. Wir sind gespannt auf die Fortsetzung dieses Machtkampfs a la Hollywood und erinnern daran, daß Filmgrößen wie Charlie Chaplin, Alfred Hitchcock, Orson Welles oder Ingmar Bergman nie den Ocar für die beste Regie erhielten.

Wie den genannten Künstlern ist auch Mourinho die inhaltliche Arbeit wichtiger als die öffentliche Anerkennung des Mainstreams.

Und er hat klare Vorstellungen davon, was seine Schauspieler zu leisten haben. Keine spontanen Einfälle, nein, die strikte Einhaltung von Vorgaben zeichnet Mourinhos Aufführungen aus.

Da wird Innenverteidiger Pepe als dritter Defensivmann in Mittelfeld beordert, das lustvolle Spiel eines Mesut Özil war gegen einen Gegner wie der FC Barcelona nicht gefragt. Und der Zuschauer im Santiago Bernabeu konnte beobachten, in wie kurzer Zeit schon verdammt viel Chelsea und Inter in dem neuen Real Madrid steckt.

Mit eiserner Selbstdisziplin wurden die Sponti-Künstler von Barca beackert. Da die Meisterschaft eh schon entschieden war, wurde dieser erste der vier Teile im Dauerclassico zu einem Entwerfen der kommenden Handlungsstränge.

Der FC Barcelona vertraut dabei ganz auf seine Könnerschaft. Jonglieren mit elf Bällen gleichzeitig, faszinierend und unerreicht.

Das ist das Method Acting von Lee Strasberg, Barcas Spieler erinnern an elf Robert de Niros, die Akteure gehen voll und ganz in ihrer Rolle auf und erzielen durch ihr eindringliches Spiel Wirkung beim Publikum.

Mourinho dagegen hat das Epische Theater von Bertolt Brecht wiederentdeckt. Sein Effekt ist nicht das Mitfühlen und Mitempfinden. Hier ist die distanzierte Analyse des Schauspielers gefragt.

Durch bewußte Zurücknahme beim Rollenspiel soll im Publikum ein Lernzprozess freigesetzt werden. Und das ausgerechnet im Theater Santiago Bernabeu, wo man bisher leichte Operette gewöhnt war...

Zwei völlig verschiedene Ansätze in der großen Welt der Fußballästhetik. Was einem besser gefällt ist reine Geschmackssache. Und auch die Antwort auf die Frage, wer von den beiden nach dem 1:1 denn nun für die kommenden Duelle im Vorteil sei, kann nicht eindeutig ausfallen.

Barca hatte es nach der Führung lediglich versäumt, sein ureigenes Spiel weiter fortzuführen, um das zweite Tor nachzulegen. Guardiola Co. wissen also, was sie zu tun haben: noch mehr Barca sein, noch intensiver, immer noch intensiver.

Und bei Real wird Mourinho darauf hinweisen, daß nur durch die einzige Undiszipliniertheit - das Elfmeterfoul von Raul Albiol -, nur durch diese einzige Abweichung vom vorgebenen Storyboard der Sieg verschenkt wurde.

Real weiß also, was es zu tun hat: noch bewußtere Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle, noch mehr Mourinho sein, immer noch mehr Mourinho.

Wir machen es uns derweil im Kinosessel gemütlich und erwarten gespannt das weitere Geschehen in dieser faszinierenden Quadrologie.

Bis nächste Woche,Euer Uwe Morawe

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