In seiner Kolumne nimmt Uwe Morawe die Bibel zu Hilfe und stellt Schalkes Raul mit ManUniteds Wayne Rooney gegenüber.

Im Alten Testament heißt es im Dritten Buch Mose 19,28 : "Geätzte Schrift sollt Ihr an Euch nicht machen. Ich bin der Herr".

Wer bitteschön liest heutzutage noch das Dritte Buch Mose?

Kaum ein anderes Phänomen spiegelt den Wertewandel unserer Gesellschaft in den letzten 20 Jahren so gestochen scharf wider wie die Tätowierung.

Über Jahrhunderte vom Christentum verboten war der eingetackerte Anker Erkennungszeichen einiger weniger Outlaws oder echt fieser Kerle, vornehmlich Matrosen oder Sträflinge.

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Spätestens mit David Beckham verkam der einstige Ausdruck des Bösen zur beliebigen Massenmodeerscheinung der Lockernehmer-Generation.

In heutigen Zeiten, in denen uns auch ein Rene Klingbeil von Erzgebirge Aue auf ausladenden Armlandschaften von seinem Leben erzählt, sterben die bewussten Tätowierungsverweigerer unter den Fußballern ebenso aus wie die wirklich toughen Oldschool-Boys.

Allein schon deswegen freuen wir uns auf das Duell zwischen Schalke 04 gegen Manchester United, auf das Aufeinandertreffen zweier Welten: Raul gegen Wayne Rooney.

Der Spanier heißt ja nicht umsonst Raul Gonzalez Blanco. Der Name ist Programm, die Haut bleibt weiß, ein Tattoo an diesem Körper einfach undenkbar.

Fünf Kinder mit ein und der selben Frau, außereheliche Affären sind nicht überliefert, auch außerhalb des Platzes erscheint Raul als katholischer Vorzeigeprofi.

Wie kaum ein anderer Topfußballer verbindet Raul seinen persönlichen Spielstil mit seinem grundeigenen Charakter: er ist der Ministrant unter den Profikickern.

Stets schleichend und schwebend verrichtet Raul seinen Dienst an einem höheren Gut, das Trikot trägt er stolz wie ein liturgisches Gewand, und seine Tore liefert er so unprätentiös wie beim Abendmahl der Messdiener dem Pfarrer den Kelch.

Zweimal schon wurde Raul auf stillose Art aus einer Glaubensgemeinschaft ausgestoßen, 2006 aus der Nationalmannschaft, im Vorjahr bei Real Madrid.

Nichts hatte er sich zu Schulden kommen lassen, absolut gar nichts. Ihm wurde die Möglichkeit genommen, ins Himmelreich zu kommen, sprich Welt- und Europameister zu werden.

Als lebende Ikone wurde er von seinem Verein vom Sockel gestoßen. Und dennoch werden Sie von Raul niemals ein böses Wort über diese Zurückweisungen hören.

Einen wahrhaft Gläubigen erkennt man an der Qualität des Verzeihenkönnens. In Rauls jetzigem Exil, der Arena auf Schalke, gibt es eine kleine Kapelle.

Schauen Sie mal vorbei, könnte gut sein, dass dort ein bescheidender Mann sitzt und im Dritten Buch Mose blättert.

Bücher lesen, nicht die Welt des Wayne Rooney

"Just enough education to perform". Dieses Lebensmotto prangt auf seinem Unterarm. Ein Mindestmaß an Bildung braucht man also schon: um sich Fleisch zu besorgen - Steaks und Frauen.

Zuviel Bildung allerdings schadet und tötet die eigenen Instinkte ab. So die Matrosendenke eines Wayne Rooney.

Auch Rooney wurde als Kind einst zurückgewiesen. Beim Probetraining als Neunjähriger beim FC Liverpool. Weil die Lieblingsfarbe des kleinen Wayne allerdings Blau war, erschien Rooney im Trikot des Lokalrivalen FC Everton.

Das Vorspielen endete noch vor dem ersten Ballkontakt, die Jugendtrainer der Reds verscheuchten den kleinen Knirps mit grimmen Blicken und deftigen Schmähungen vom Vereinsgelände.

Dieses traumatische Schlüsselerlebnis ist bis heute die Triebfeder des Rooney'schen Handelns.

Da er zu wenig "Education" besaß, um verzeihen zu können, griff ein anderes alttestamentarisches Wort aus dem Zweiten Buch Mose: Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Trotz, Wut, immer besser und stärker sein als die anderen. Wayne Rooney agiert auf dem Rasen wie ein animalisches Wesen, Instinkt statt Intelligenz prägen sein Spiel.

Das ist keineswegs abfällig gemeint, setzt es doch eine einzigartige physische Ausstrahlung frei.

Man mag es kaum glauben, aber Rooney ist exakt genauso groß wie Raul: beide messen 178 Zentimeter.

Doch die Aura der beiden könnte unterschiedlicher nicht sein. Raul macht sich klein und schleicht sich an. Rooney dagegen wirkt groß, laut und stark.

Bis nächste Woche,Euer Uwe Morawe

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