In seiner Kolumne nimmt Uwe Morawe die Auswüchse des Real-Coachs unter die Lupe und zieht den Vergleich mit einer Trainerlegende.

Por que? - Mit melodramatrischem Tremolo in der Stimme ließ José Mourinho als Schlußwort das "Warum" erklingen. Es sollte nachhallen und Wirkung erzeugen. Tat es, ja, das tat es...

Gerade hatte der Portugiese auf der Pressekonferenz nach dem Champions-League-Spiel sein Weltverschwörungstheorem ausgebreitet.

Die UEFA und der FC Barcelona würden seit Jahren in konspirativer Art und Weise den internationalen Fußball manipulieren.

Die Schiedsrichtergilde Europas habe nur ein übergeordnetes Ziel: Barca auf den Thron zu heben.

Da lebt jemand offensichtlich in seiner eigenen Welt.

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Mal eben vergessen, dass im letzten Jahr Inter Mailand den FC Barcelona zwar taktisch dominierte, aber dennoch nur aufgrund dreier Fehlentscheidungen ins Finale einzog - der profitierende Trainer hieß Jose Mourinho.

Por que hatte Real Madrid in einem Heimspiel nicht eine einzige nennenswerte Torchance?

Por que versuchte Mourinho nicht, den nach der Pokalniederlage verunsicherten Gegner weiter zu verunsichern?

Por que brachte "The Special One" zur zweiten Hälfte den unspezialisiertesten Stürmer für sein ganz spezielles System: Adebayor statt Kaka oder Higuain? Welch kapitaler Fehlgriff.

Und vor allem: Por que willst Du, Jose Mourinho, alle Fußballfans Europas mit Deinem hanebüchenem Auftritt auf der Pressekonferenz für dumm verkaufen?

Zurück bleibt der Eindruck eines selbstgefälligen Mannes, der den Bezug zur Realität verloren hat.

Das Mourinho'sche "Por que?" steht in seiner Entrücktheit schon jetzt in einer Reihe mit "ich tue dies, weil ich ein absolut reines Gewissen habe..." oder dem sagenhaften Gestammel eines Erich Mielke: "Ich liebe, ich liebe doch alle... alle Menschen. Ich setze mich doch dafür ein."

Und dieses "Por que?" könnte das Ende der einzigartigen Stellung des portugiesischen Startrainers bedeuten.

Normalerweise gestaltet sich die Trainersuche der Vereine ja wie die ersten Puzzle-Versuche eines Vierjährigen.

Da haben wir Teil A (Klub und die Spieler) und Teil B (Trainer). Mit patschigen Händchen werden die beiden Stücke zusammengepresst, auch wenn sie gar nicht füreinander bestimmt sind.

Muss doch passen; passt oft aber gar nicht.

Dann gibt es den bedeutend selteneren Fall, dass ein Trainer sich selbst beliebige Klubs aussucht, um sich und der Welt zu beweisen, was man alles mit bescheidenen Mitteln gegen das Establishment erreichen kann.

Hat eine klassenkämpferische Note.

Fulvio Bernardini war so einer - nach dem Zweiten Weltkrieg Meister mit Florenz und Bologna -, der legendäre Brian Clough gehört in diese Kategorie - er führte die Zwergenvereine Derby County und Nottingham Forest zu Meisterschaft und Europapokalsieg - oder Otto Rehhagel. Vielleicht auch Jürgen Klopp, warten wir mal ab.

Und dann haben wir noch die Blaue Mauritius unter der Trainergilde. Da hat ein Coach sich die Aura des bedingungslosen Erfolgs erschaffen, so dass die Klubs bereit sind, sich ihm total zu unterwerfen. Oh Caesar, wir folgen Dir!

Ein Louis van Gaal kratzte an dieser Ehrenkategorie, kam jedoch nicht zum Gipfel.

Derart ausgeprägt wie in diesen Tagen bei Jose Mourinho gab es dieses Phänomen in der Geschichte erst einmal. Der ultimative Vorgänger von Mourinho hieß Helenio Herrera.

Herrera war der erste Coach, der zu Spielen in edelstem Zwirn und feinsten Lederschuhen erschien, Aura!

Zu Beginn seiner Karriere führte er 1950 und 1951 Atletico Madrid zweimal zum Titel, wurde danach mit dem FC Sevilla Vizemeister.

Und lauthals verkündete er, dass diese Erfolge ausschließlich auf seiner Arbeit beruhten.

Neue Methoden zogen in den Fußball ein, Herrera kontrollierte seine Spieler in bis dahin unbekannter Weise.

Überwachung des Freizeitverhaltens, ausgewogene Ernährung, Trainingslager vor jedem Heimspiel, dazu eine unfehlbare Defensivtaktik, die Titelgewinne garantierte, so lange man ihm - Herrera! - die richtigen Spieler zur Verfügung stelle.

Schnell wurde Helenio Herrera der erste Trainer überhaupt, der überhöhte Spitznamen bekam.

"Mago", der Magische, oder einfach nur die Initialen "HH", das allein passt schon zu "Special One".

Um die Vorherrschaft von Real Madrid zu brechen, verpflichtete ihn 1958 der FC Barcelona. Barca machte Herrera zum bestbezahlten Trainer der Welt.

HH bekam alles was er verlangte, das Supertalent Luis Suarez aus La Coruna, die ungarischen Spitzenstars Kocsis und Czibor. Auf Anhieb wurde Herrera zweimal Meister vor Real.

Nutzte nichts, Herrera wurde entlassen, weil er gegen die "Königlichen" das Europapokal-Halbfinale 1960 verlor und sich mit Vereins-Ikone Luis Kubala überworfen hatte.

Egal, Inter Mailand hieß der nächste Verein, der sich dem Diktat Herreras unterwarf. Noch mehr Gehalt, noch mehr Defensivtaktik, noch mehr Erfolge.

Der Catenaccio und Grande Inter waren geboren.

Die beste Mannschaft ihrer Zeit war auch die meistgehasste - und untrennbar mit dem Namen Herrera verbunden. Sein Wort war Gesetz.

So wurde zum Beispiel ein Akteur von Herrera suspendiert, weil er gesagt hatte: "Wir sind nach Rom gekommen, um ein gutes Spiel zu machen", anstatt: "Wir sind nach Rom gekommen, um zu gewinnen".

Herrera schien unfehlbar.

Bis zum 25.Mai 1967. Da ging Inter im Europapokal-Finale gegen Celtic Glasgow unter, Götterdämmerung war nichts dagegen.

Die junge Celtic-Mannschaft fegte wie ein Orkan über die Mailänder hinweg, zerfetzte mit begeisterndem Offensivspiel nicht nur den Catenaccio, sondern zugleich den Mythos Helenio Herrera.

Die Magie des Mago war verflogen, der Zauber gebrochen. Herrera errang nie wieder einen Meistertitel.

Und wir fragen uns, wie konnte es dazu nur kommen: Por que?

Bis nächste Woche,Euer Uwe Morawe

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