In seiner Kolumne blickt Uwe Morawe auf die "Loser"-Historie von Stoke City zurück und kürt Englands Verlierer der Saison.

Der Löffel war mir immer schon das sympathischste der drei klassischen Werkzeuge zur Nahrungsaufnahme. Der menschlichen Hand nachempfunden, urtümlicher geht es nicht.

Zu Hause einen Topf Nudeln oder Reis gekocht und herrlich mit dem Löffel archaisch in sich hineingemampft.

In Gesellschaft erscheint derart als unfein, dort gilt es mit wortwörtlich spießiger Gabel das naturgegebene männliche Esstempo zu drosseln.

Der hungrige Magen fordert, was die zivilisierte Hand nur in verzögerter Form liefert - diesen Unwohlsein verursachenden Widerspruch könnnen oft auch schöne Frauenaugen auf der anderen Seite des Tisches nicht komplett auflösen.

Als anno 1890 die allererste Ligasaison in England beendet war, bekam nicht nur der Meister einen Pokal, sondern auch der Tabellenletzte ein ganz spezielles Präsent.

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Da zunächst kein Auf- und Abstieg vorgesehen war, erhielt das Schlußlicht Stoke City in schlichter Zeremonie einen Holzlöffel überreicht, das Symbol armer Leute.

Es blieb ein Unikat, denn als Stoke zwölf Monate später erneut Letzter geworden war, existierte dummerweise bereits eine Zweite Liga und der Verein mußte das Oberhaus verlassen. Geschenke gab es keine mehr.

Der offiziell benannte "Wooden Spoon Award" blieb eine einmalige Sache - doch wie ein Damokleslöffel schwebt seitdem die Aura der Erfolglosigkeit über dem sympathischen Stoke City.

Am letzten Samstag hätte man den Holzlöffelfluch endlich besiegen können, doch im ersten FA-Cup-Finale der 148-jährigen Loservereinsgeschichte blieb Stoke City sich wieder einmal treu.

Nervös und ängstlich war man beim 0:1 gegen Manchester City, chancenloser als es das Ergebnis aussagt. Ist irgendwo auch gut so, denn ein Pokaltriumph wäre ein Bruch mit der stolzen Klubhistorie voller Schnurren gewesen.

Selbst glückliche Fügungen konnte dieser Verein nie entscheidend nutzen. Wie ein Gottesgeschenk war in den 30er Jahren ein Bursche namens Stanley Matthews aus der eigenen Jugend hervorgekommen und entwickelte sich zu einem besten Spieler der Welt. Und was machte das Präsidium? Es verscherbelte sein Juwel, drei Spieltage vor Schluss der Saison 1946/47.

Mit 32 Lenzen wurde der Superstar als zu alt erachtet. Am Ende der Spielzeit fehlten nur zwei Zähler zum Meisterschaftsgewinn - mit Matthews hätte Stoke City diese beiden Punkte höchstwahrscheinlich geholt.

14 Jahre später kam es zur spektakulären Rückholaktion. Stoke City, mittlerweile in der Zweiten Liga vom Abstieg bedroht, verpflichtete den verlorenen Sohn Stan Matthews. Klingt nicht außergewöhnlich - aber der Fußballer Europas von 1956 war inzwischen 46 Jahre alt!

Der Oldie sorgte nicht nur für den Klassenerhalt, sondern führte in der Folgesaison den Club sogar zum Aufstieg. Erst kurz nach seinem 50. Geburtstag beendete der inzwischen geadelte Sir Stanley Matthews seine Karriere in der Ersten Liga.

Und noch heute ist Matthews lange nach seinem Tod alle zwei Wochen mittendrin statt nur dabei. Als der Sir im Jahr 2000 seinen Löffel für immer abgab, erfüllte ihm Stoke City seinen letzten Wunsch. Die Urne mit Stanley Matthews Asche wurde vergraben - genau unter dem Mittelpunkt des Brittania-Stadiums! Also Obacht beim Verlegen des neuen Rollrasens...

Da die schrulligen Engländer den "Wooden Spoon Award" leider nicht mehr vergeben, müssen wir es dann eben selbst tun: "And the loser is:... Avram Grant!!!!"

Wie einst Stoke City brachte der triefäugige Israeli das Kunststück fertig, zweimal in Folge Tabellenletzter zu werden.

Konnte er im Vorjahr beim FC Portsmouth noch die drohende Insolvenz zur Entschuldigung anführen, ist der diesjährige Abstieg mit West Ham United schlichtweg ein Vollversagen des Trainers, der vor nur drei Jahren beinahe die Championsleague mit Chelsea gewonnen hätte.

Robert Green, die gehörnte Heulsuse Wayne Bridge, Matthew Upson, Scott Parker, Hitz the Hammer, Carlton Cole, Robbie Keane oder Demba Ba - mit solch einer Ansammlung von gestandenen Profis nur 33 Punkte aus 37 Spielen zu holen; dieses Kunststück muss belohnt werden.

So bekam Avram Grant am Sonntag noch im Spielertunnel von Vereinspräsident David Sullivan die Entlassung ins Gesicht geschleudert. Zumindest in England dürfte die Trainerkarriere Avram Grants beendet sein, wir empfehlen eine Umschulung zur Schauspielerei. Gerüchten zufolge plant Steven Spielberg eine Neuverfilmung von "Nosferatu".

Bei seinem Ex-Präsidenten David Sullivan dagegen dürfte Grant wohl keine Rolle mehr spielen. Pech gehabt, Sullivan ist im Geschäftsleben ein erfolgreicher Pornoproduzent...

Bis nächste Woche,Euer Uwe Morawe

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