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Bin Hammam ist seit 1996 Mitglied des FIFA Exekutiv-Komitees © getty

Bin Hammam und Vize-Präsident Warner werden suspendiert, wehren sich aber noch. Der Weg für die Wiederwahl Blatters ist frei.

Zürich/Köln - FIFA-Präsident Joseph S. Blatter ist aus dem Chaos beim Fußball-Weltverband als strahlender Triumphator hervorgegangen.

Der Wiederwahl des Schweizers am kommenden Mittwoch steht nach dem Freibrief durch das hauseigene Ethik-Komitee und dem Rückzug seines Herausforderers Mohamed Bin Hammam jetzt nichts mehr im Wege.

Die FIFA entging damit in der wohl größten Krise in ihrer 107-jährigen Geschichte dem Super-GAU.

Der wäre eingetreten, wenn die Sittenwächter auch Blatter als möglicherweise korrupt eingestuft hätten und damit kein Kandidat mehr zur Verfügung gestanden hätte.

Blatter aber wurde von allen Vorwürfen entlastet, Bin Hammam und Vizepräsident Jack Warner dagegen vorläufig suspendiert.

Bin Hammam wirft Handtuch

Der Katari Bin Hammam hatte wegen der gegen ihn gerichteten Bestechungsvorwürfe am Sonntag schon wenige Stunden vor der Anhörung vor dem Ethik-Komitee das Handtuch geworfen.

Zu der Anhörung waren Blatter, Bin Hammam und Warner erschienen, dazu zwei Vertreter des karibischen Verbandes, die ebenfalls suspendiert wurden.

Unmittelbar nach dem Spruch des Komitees bestätigte FIFA-Generalsekretär Jerome Valcke, dass die Präsidentenwahl am 1. Juni in Zürich wie geplant stattfinden werde und Blatter einziger Kandidat sei.

"ich kann es nicht zulassen"

"Die jüngsten Vorfälle haben mich in offizieller und privater Hinsicht verletzt und enttäuscht", heißt es in einem Statement des Katarers Bin Hammam zu seinem Verzicht auf die Kandidatur:

"Ich kann es nicht zulassen, dass das Ansehen der FIFA mehr und mehr in den Schmutz gezogen wird. Deshalb habe ich beschlossen, meine Kandidatur zurückzuziehen."

Bin Hamman betet

Als Schuldeingeständnis will er seinen Rückzug nicht verstanden wissen.

"Ich bete, dass mein Rücktritt nicht mit der Untersuchung der FIFA-Ethikkommission verknüpft wird, wo ich erscheinen werde, um mit den grundlosen Anschuldigungen, die gegen mich erhoben worden sind, aufzuräumen", schrieb der 62 Jahre alte Geschäftsmann.

Beinahe kein Kandidat

Wäre auch noch Blatter über die Affäre gestolpert, hätte es am kommenden Mittwoch beim offiziellen Wahltermin keinen Kandidaten gegeben.

Michel Platini, Präsident der Europäischen Fußball-Union (UEFA), hätte auf keinen Fall zur Verfügung gestanden.

Eine Kandidatur sei "ausgeschlossen", sagte Platini, der auch FIFA-Vizepräsident und Mitglied der FIFA-Exekutive ist, der BBC am Rande des Champions-League-Endspiels in London.

Platini bleibt bei UEFA

Er werde seine vierjährige Amtszeit als UEFA-Präsident, die er im März dieses Jahres angetreten hatte, erfüllen.

Schon seit langem kursieren Gerüchte, dass Blatter im Falle einer Wahl nur noch zwei Jahre im Amt bleiben wird und dann für Platini den Weg frei macht.

Die UEFA hatte Blatter im Wahlkampf unterstützt.

Lob vom DFB

Theo Zwanziger, DFB-Präsident und FIFA-Exekutivmitglied, hatte vor dem Rückzug Bin Hammams der Bild am Sonntag gesagt:

"Wir werden selbstverständlich wie alle anderen die Ergebnisse der Ethik-Kommission abwarten und in enger Abstimmung mit der UEFA bewerten," so Zwanziger und fügte an:

"Unabhängig davon bleibe ich bei meiner Auffassung, dass bei aller Kritik, die die FIFA derzeit einstecken muss, die Fußball-Entwicklung weltweit gerade auch unter der Führung von Sepp Blatter gut vorangekommen ist."

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Zwanziger sieht Imageproblem

Unabhängig attestierte Zwanziger der FIFA in der "Welt am Sonntag" "ein Imageproblem" und brachte die Installierung einer externen FIFA-Untersuchungskommission ins Spiel:

"Es ist wichtig, dass man bei bestimmten Entscheidungen die Verantwortung auslagern kann. Es braucht eine sichtbare Gewaltenteilung innerhalb der Organisation und, in schweren Fällen, eine unabhängige Kommission außerhalb der FIFA."

Noch als unschuldig angesehen

Für die Anhörung hatte Warner, ein Vertrauter Bin Hammams, einen "Fußball-Tsunami" angekündigt, der "die FIFA und die Welt treffen und schockieren wird".

Das Komitee zog dennoch ihn und Bin Hammam bis zum Abschluss einer weiteren Untersuchung verbandsintern aus dem Verkehr, betonte aber, dass sie bis zum Beweis einer Schuld als unschuldig angesehen würden.

Warner begründet Vorwürfe

Warner wird vorgeworfen, dass es im Zuge der anstehenden Präsidentschaftswahl bei einem von ihm organisierten Treffen des Fußball-Verbandes der Karibik (CFU) am 10. und 11. Mai in Trinidad zu Bestechungsabsprachen zugunsten von Bin Hammam gekommen sei.

Warner erklärte, dass die Vorwürfe auf Neid beruhen: "Ich bin seit 29 Jahren ununterbrochen für die FIFA tätig. Ich bin der erste Farbige, der es jemals so weit im Weltverband gebracht hat."

"Dank an Freund Warner"

Bin Hammam hatte wiederum Blatter vorgeworfen, von den Zahlungen, die auch ihm zum Verhängnis wurden, gewusst und diese toleriert zu haben.

Eine Passage in Bin Hammams Stellungnahme nach seinem Rückzug dürfte Blatter wohl als Drohung aufgefasst haben:

"Ein besonderer Dank geht an meinen Freund und Kollegen Jack Warner für seine uneingeschränkte Unterstützung. Es tut mir leid mitanzusehen, dass er wegen mir leiden muss, aber ich verspreche ihm, dass ich mit ihm den ganzen Weg durch dick und dünn gehen werde."

Beckenbauer unterstützt Blatter

Unterstützung erhielt Blatter von Franz Beckenbauer.

"Blatter macht einen wunderbaren Job. Die FIFA ist wie die Vereinten Nationen. Wir haben 208 Mitglieder, das ist nicht einfach zu handhaben", sagte der "Kaiser" in London zu "Radio 5 Live".

Beckenbauer, der sich aus der FIFA-Exekutive zurückgezogen hat, hält die jüngste Korruptionsaffäre allerdings für ein "Desaster für den Fußball".

Er hoffe, dass mit der Wahl alle Diskussionen über Korruption beendet seien und die FIFA zur Tagesordnung übergehen könne: "Ich weiß nicht, was noch alles passieren wird. Aber schon jetzt ist es aus meiner Sicht sehr, sehr schlecht".

Neue Vorwürfe

Neue Vorwürfe gegen Bin Hammam und Warner kamen am Sonntag aus England.

Der "Telegraph" berichtet, dass beide insgesamt 25 FIFA-Vertretern aus der Karibik insgesamt eine Million Dollar angeboten haben sollen, damit diese bei der Wahl Bin Hammam unterstützen.

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