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Sepp Blatter ist seit 1998 Präsident der FIFA © getty

Vor der Wiederwahl von Joseph Blatter versinkt der Weltverband im Chaos. Der FIFA-Chef aber sieht sich nicht in einer Krise.

Von Martin Hoffmann

München - Der Herausforderer ist unter Korruptions-Vorwürfen suspendiert, der mitabservierte Vize schlägt mit ebenso schweren Anschuldigungen zurück, der Generalsekretär mailt, dass die WM-Vergabe nach Katar "gekauft" gewesen wäre.

Der Fußball-Weltverband FIFA mit seinem Chef Joseph S. Blatter ist in die womöglich größte und schmutzigste Krise seiner Geschichte geraten.

Eine Krise, von der Blatter jedoch nichts wissen will: "Wir stecken nicht in einer Krise. Wir haben nur ein paar Schwierigkeiten und die werden gelöst - und zwar innerhalb der Familie."

Es war die Kernaussage einer Pressekonferenz des Schweizers in Zürich am Montagabend - die im Eklat endete, als er kritische Nachfragen ignorierte und merklich gereizt das Podium verließ.

"Großen Schaden genommen"

Ein Auftritt, der verstärken dürfte, was Blatter zuvor selbst diagnostizierte: "Das Image der FIFA hat in den vergangenen Tagen großen Schaden genommen. Ich bereue, was passiert ist. Ich habe mit vielen Fans gesprochen, die alle sehr enttäuscht sind."

Sorgen über das Image der FIFA äußerten am Montag auch Sprecher mehrerer Großsponsoren des Verbands.

An Blatters Plänen, sich am Mittwoch zur Wahl zu stellen, hat sich derweil nichts geändert: "Ich freue mich auf vier weitere Jahre als Präsident."

Vorher allerdings kommt am Dienstagnachmittag der nächste Hammer auf die FIFA zu.

20 Millionen Schmiergeld?

Um 14 Uhr findet im Züricher Nobelhotel "The Grand Dolder" wohl eine Pressekonferenz statt, auf der vier Exekutivmitglieder beschuldigt werden, für die umstrittene Vergabe der Weltmeisterschaft 2022 an Katar insgesamt 20 Millionen Dollar an Bestechungsgeldern kassiert zu haben.

Ein ehemaliger FIFA-Offizieller will am Dienstag die Namen der vier Mitglieder nennen.

Zudem sollen Dokumente und Bankkonten veröffentlicht werden, die die Geldflüsse beweisen sollen. Blatter ging am Montagabend noch nicht auf diese neuen Vorwürfe ein.

Hammam wehrt sich

Blatters Herausforderer Mohamad bin Hammam kündigte indes an, gegen seine Suspendierung Einspruch einlegen zu wollen.

Dies gab der Präsident der Asiatischen Fußball-Konföderation (AFC) am Montag bekannt.

"Die Entscheidung hatte mit rechtsstaatlichen Prinzipien nichts zu tun", sagte. "Ich werde bestraft, bevor ich schuldig gesprochen bin. Das war ein abgekartetes Spiel. Und ich befürchte, dass auch die weiteren Ermittlungen beeinflusst und manipuliert werden."

Die Wirren um den Weltverband werden immer komplexer. SPORT1 beantwortet die wichtigsten Fragen zum Thema.

Wer sind die Hauptfiguren der Affäre?

Joseph Blatter (75, Schweiz), seit 1998 Präsident der FIFA.

Mohamad bin Hammam (62, Katar), Präsident der asiatischen Fußball-Konföderation (AFC) und bis Sonntag Herausforderer Blatters. Unterstützte Blatter bei den Wahlen 1998 und 2002, seit einem Bruch 2007 Widersacher.

Jack Warner (68, Trinidad), von diversen Affären umwitterter Präsident des nordamerikanischen und karibischen Kontinentalverbands CONCACAF. Außerdem ist er Präsident der Caribbean Football Union.

Chuck Blazer (66, USA), CONCACAF-Generalsekretär und Belastungszeuge gegen Bin Hammam.

Jerome Valcke (50, Frankreich), seit 2007 Generalsekretär der FIFA

Was werfen sich Blatter und Bin Hammam vor?

Bei einem Treffen der Karibischen Fußball-Union (CFU) am 10. und 11. Mai soll Bin Hammam gemeinsam mit Warner versucht haben, Stimmen für ein Bin-Hammam-Votum zu kaufen.

Bin Hammam weist dies wie Warner zurück und wirft Blatter seinerseits vor, angeblich über Zahlungen an Mitglieder der CONCACAF Bescheid gewusst, aber nichts unternommen zu haben.

Die FIFA-Ethik-Kommission hat Bin Hammam und Warner für 30 Tage von ihren Ämtern suspendiert - was offiziell keinen Schuldspruch darstellt, Bin Hammams Kandidatur aber effektiv verhinderte.

Blatter wurde dagegen von allen Vorwürfen freigesprochen.

Bin Hammam zog die Kandidatur vor dem Entschluss der Kommission zurück, womöglich hatte er Signale erhalten, was auf ihn zukommen würde.

Blazer, der den Stein gegen Bin Hammam und Warner ins Rollen brachte, behauptet nun, der angebliche Stimmenkauf sei "von Anfang an eine Verschwörung" zu Ungunsten Blatters gewesen.

Bin Hammam und Warner sehen sich wiederum selbst als Verschwörungsopfer - und kaltgestellt von einem voreingenommenen Gremium.

FIFA-Ethikkommission - Was ist das?

Die Ethikkommission zählt zu den 25 ständigen Ausschüssen der FIFA, der der Weltverband "eine kritische Rolle" zugedacht hat.

Ihre Entscheidungen werden vom übergeordneten Exekutivkomitee des Weltverbands ratifiziert ? deren Vorsitzender FIFA-Chef Joseph S. Blatter ist.

Kritiker vermissen da Distanz und Unabhängigkeit. Warner verdammt die Kommission gar als "voreingenommen" und von Blatter "handverlesen".

Aber auch DFB-Präsident Theo Zwanziger, der an Blatters Seite steht, sähe in heiklen Fällen lieber "eine unabhängige Kommission außerhalb der FIFA". Hiervon kann man bei der Ethikkommission nicht sprechen.

Was hat es mit dem "Fußball-Tsunami" auf sich?

Warner beantwortete seine Suspendierung mit der Ankündigung, mit Gegen-Enthüllungen einen "Tsunami" zu entfachen.

Der angeblich nur erste Teil des angeblichen Tsunamis: Warners Vorwurf, Blatter habe der CONCACAF "eine Spende von einer Million Dollar zur freien Verwendung" zukommen lassen.

UEFA-Präsidenten Michel Platini habe protestiert, das Finanzkomitee habe keine Zustimmung für diese Zahlung erteilt. Valcke soll laut Warner erwidert haben, er werde schon "Geld für Blatter finden".

Platini bestätigte den Dialog, erklärte aber, seine Entrüstung gegenüber Blatter sei scherzhaft gemeint gewesen, und verwies auf ein privates Präsidenten-Budget, mit dem Blatter "ein oder zwei Projekte" unterstützen könne.

Außerdem präsentierte Warner eine E-Mail von FIFA-Generalsekretär Jerome Valcke, die die WM-Vergabe 2022 an Katar als "gekauft" bezeichnet: Valcke schrieb, dass bin Hammam womöglich geglaubt habe, "dass man die FIFA kaufen könnte, so wie sie die WM gekauft haben".

Valcke ist in Bedrängnis, denn er musste schon zugeben, dass die E-Mail echt ist. Mit dem Zusatz, sie sei "privat", nimmt er das Problem ganz auf sich.

Warum wird die Wahl wegen all dieser Wirren nicht verschoben?

Das WM-OK weist das zurück und droht rechtliche Schritte an - während Nick Xenophon, Senator im unterlegenen Bewerberland Australien, die FIFA aufforderte, die Kosten der WM-Bewerbung seines Landes zurückzuerstatten.

Nun ist für den morgigen Dienstag (14 Uhr) eine Pressekonferenz angekündigt, auf der ein ungenannter ehemaliger FIFA-Offizieller die Namen von vier Exekutivmitgliedern bekannt gegeben werden will - und Beweise für deren illegale Machenschaften.

Sie werden beschuldigt, für die Vergabe der WM 2022 an Katar insgesamt 20 Millionen Dollar an Bestechungsgeldern kassiert zu haben.

Valckes Gegenfrage: "Warum? Weil die Medien und ein paar Leute das so wollen??

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