Viel Zeit hat Barcelona benötigt, um seine Stars zu einem Ensamble werden zu lassen. Jetzt ist das Meisterwerk vollbracht.

In den letzten Tagen war häufig von Perfektion die Rede.

Nein, nein, wehrte Pep Guardiola nach der rauschenden Ballnacht von London in Bescheidenheit ab, das perfekte Spiel gäbe es nicht. Definitionssache.

Abgesehen davon, dass schon der Begriff der Perfektion vom Menschen stammt - und demnach gewissen Zeitläufen und Subjektivitäten unterliegt - liegt das als vollkommen Empfundene auch im Auge des Betrachters.

Und so dürfen Kunstwerke wie Da Vincis "Abendmahl", Rembrandts "Nachtwache" oder Picassos "Guernica" durchaus als perfekt bezeichnet werden. Auch wenn nie zufriedenzustellende Kritikaster den einen oder anderen Pinselstrich zu finden meinen, den man noch besser hätte setzten können.

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Perfektion gilt seit der Antike als das finale Ergebnis von ständigen Verbesserungen, in dem alle einzelnen Teile in einer übergeordneten Zweckmäßigkeit und Ganzheit aufgehen. Bingo, der alte Aristoteles saß im VIP-Raum von Wembley!

Besser geht es nicht. Beim 3:1 über Manchester United hat der FC Barcelona seinen seit Jahrzehnten formulierten Anspruch vom schönen Spiel in Vollkommenheit erfüllt. Und mehr noch: seinen eigenen Minderwertigkeitskomplex überwunden.

Die ewige Litanei von der Bevorzugung Real Madrids, das genußvolle Baden im Selbstmitleid - Real mag erfolgreicher sein, aber wir wollen nur schön siegen - und das Hadern mit dem Schicksal haben seit Samstagabend endgültig ein Ende.

Die Geschichte muss umgeschrieben werden: Hannibal hat gegen die Römer doch gesiegt!

Eine Entwicklung ist abgeschlossen, die sich in allen Champions-League-Endspielen der Vereinsgeschichte widerspiegelt.

1961 hatte man höchstselbst Di Stefanos Real Madrid ausgeschaltet, um im Finale an Benfica auf tragische Art und Weise zu scheitern. Superstar Luis Kubala traf in der Schlüsselszene der Partie mit einem einzigen Schuss erst den linken und dann den rechten Innenpfosten und raus. Bei den viereckigen Holzlatten von damals physikalisch eigentlich nicht machbar. Kubala und Barca schafften es. Die Legende von Barca als ewiger Pechmarie unter Europas Topklubs war geboren.

Beim zweiten Versuch 1986 kam die herbe Note der Versagensangst hinzu. Als haushoher Favorit gegen Steaua Bukarest scheiterte man kläglich an No-Name Helmuth Duckadam. Weder in 120 Minuten noch im Elferschießen konnte Barca den rumänischen Torhüter bezwingen. Gleich vier Schützen versagten beim Strafstoß.

1992 der erste Triumph in Europas Königsklasse. Vordergründig war das Trauma, den Henkelpokal niemals gewinnen zu können, überwunden. Doch trotz des Jubels blieb ein blinder Fleck zurück.

Das Goldene Tor gegen Sampdoria hatte der holländische Holzfäller Ronald Koeman mit einem brachialen Gewaltakt erzielt. Das hätte zu einem englischen oder deutschen Verein gepasst, war aber eigentlich nicht die Ästhetik des "Mas que un club".

Zwei Jahre später wollte man auch im Stil überzeugen. Und erlebte ein Waterloo und das Ende der Ära Johan Cruyff. Die angeblichen Maurer des AC Mailand drehten gegen die selbsternannten Offensivkünstler von Barca den Spieß um und demontierten Cruyffs Philosophie mit einem sensationellen 4:0.

Über ein Jahrzehnt brauchte Barca, um sich von diesem Schock zu erholen. Mit dem Erfolg über Arsenal 2006 erfüllte der Verein erstmals ansatzweise sein Ideal. Doch noch war das Haus getragen von den Einzelkönnern Ronaldinho und Eto'o.

Unter Pep Guardiola gibt es nun keine Stützpfeiler mehr, das Spiel des FC Barcelona ist eine selbsttragende Konstruktion. 2009 war es schon zu erkennen, jetzt ist es im vollen Blütestand: Weder bestimmt die Taktik das Vorgehen der einzelnen Spieler, noch bestimmen die Spieler die Taktik, sie ergänzen sich. Ergänzen im Sinne von: das Ganze.

Man hat das richtige System für die Schlüsselspieler Xavi/Iniesta/Messi gefunden, man hat mit Xavi/Iniesta/Messi die richtigen Leute für das System gefunden - der FC Barcelona hat sich selbst gefunden.

Oder um mit Aristoteles zu sprechen, die fußballerische Definition von: perfekt!

Bis nächste Woche,Euer Uwe Morawe

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