Vor 114 Jahren war der englische Supercup eher ein Klassenkampf um ein Ungetüm von Trophäe. Uwe Morawe blickt in seiner Kolumne zurück.

Welch wunderbarer Saisonauftakt in England.

Manchester United gewinnt im Supercup nach furioser Aufholjagd gegen den Stadtrivalen Manchester City in letzter Sekunde noch mit 3:2 (VIDEO) und erzielt dabei sein zweites Tor in ganz großem Stil.

Bei dieser fliegenden Kombination dürfte selbst dem Erfinder dieses Wettbewerbs, Lord Thomas Dewar, der Sargdeckel kurz gelüftet worden sein.

Heutzutage ist das Community Shield der mit Abstand unbedeutendste Titel auf der Insel. War nicht immer so.

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Als Lord Dewar 1897 für ein Jahr zum Sheriff of London gewählt wurde, hatte er eine Idee. Als Sheriff of London ist man ausschließlich repräsentativ tätig, da hat man jede Menge Zeit nachzudenken.

Die Zielsetzung war klar: die beste Fußballmannschaft des Landes zu finden. Die Antwort auf diese Frage war vor 114 Jahren duch Pokal und Meisterschaft nämlich keineswegs schon gefunden. Denn in diesen Wettbewerben spielten nur die Profiteams.

Und Profi war am Ende des 19.Jahrhunderts noch etwas völlig anderes als heute. Das waren allesamt ehemalige Arbeiter, die für das Kicken kaum mehr Lohn bekamen als ihre werkelnden Kollegen.

Der Anreiz bestand darin, an der frischen Luft zu trainieren anstatt für 12 Stunden in den Schacht zu fahren - und zugegeben: auf das weibliche Geschlecht wirkte das Balltreten auch attraktiver als Kesselflicken.

Darüberhinaus gab es aber noch die absolute Übermannschaft der oberen Bürgerschicht und des Adels: den legendären Corinthian Football Club. Im Sommer spielten die Mitglieder Cricket oder Polo, im Winter Fußball. Finanziell abgesichert, wohlgenährt und austrainiert.

Diese feinen Herren interessierten sich nur für Ruhm und Ehre. Wettbewerbsspiele um Punkte kamen für diese Zylinderfraktion am Ball nicht in Frage. Keinesfalls hätten sie einem Mannschaftskameraden einen Bückling ins Auto geworfen. Sie hätten allerdings auch nie ungehobelte Gesellen wie Mario Balotelli in ihren Reihen geduldet.

Lord Dewar fand den entscheidenden Clou, um die Corinthians zu überreden: eine einzige Partie im Jahr zugunsten wohltägiger Zwecke. 1898 kam es erstmals zum Kampf um die Fußballkrone: Profis gegen Amateure, Unter- gegen Oberschicht, das erste Spiel um das Sheriff of London Charity Shield.

Genauso ungetümig wie der Name waren die Dimensionen der Trophäe. Der größte Pokal, der je auf einem Spielfeld überreicht wurde. Wobei "Pokal" und "überreicht" irreführend sind: das Ding war unglaubliche 1,85m hoch und 1,50m breit. Passte in keinen Mannschaftsbus.

Die erste Austragung endete wie das Hornberger Schießen. Der englische Meister Sheffield United und die Corinthian trennten sich 0:0, beide Teams wurden als Gewinner ausgerufen. In den Folgejahren konnten die Corinthians die Profiteams immerhin zweimal bezwingen, doch schon 1907 kam das Ende des Sheriff of London Charity Shields.

Die FA hatte es ihren Profimannschaften untersagt gegen Amateure zu spielen und übernahm den Wettbewerb im Handstreich. Das Erbe des 1939 aufgelösten Corinthian FC lebt aber dennoch bis heute weiter. Zum einen fügten sie Manchester United deren höchste Niederlage aller Zeiten zu: 11:3 im Jahre 1904.

Und zum anderen kam zwei Jahre zuvor eine Anfrage eines neugegründeten Clubs aus Madrid ins Haus geflattert. Ob man höflicherweise zustimmen möge, damit dieser Madrider Verein die Spielkleidung der wohlfeilen Corinthians übernehmen dürfe: weißes Trikot mit weißer Hose, das würde uns schon gefallen...

Von drei bücklingsfarbenen Zierstreifen auf dem Trikot war erwiesenermaßen nicht die Rede.

Bis nächste Woche,Euer Uwe Morawe

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