Uwe Morawe geht dem Dauerzoff zwischen Real und dem Barca auf den Grund. Ein Blick auf die menschliche Abstammungslinie hilft.

In Tokio gibt es das größte Affengehege der Welt. Da kann man was lernen fürs Leben. 600 Makaken drängeln sich dicht auf dicht.

Der Makake ist dem Japaner heilig. Die Rhesusäffchen mit Äpfeln zu füttern bringt Glück, Geld, Gesundheit und einen porentiefen Teint. Der billige Trevi-Brunnen-Nepp zieht auch in Asien. Die 600 kleinen Affen stehen förmlich auf ihrer Nahrung. Dennoch sind sie völlig ausgehungert, übelst zerzaust und stets am Rande des Nervenzusammenbruchs. Klar: wenn ein Äffchen sieht, daß ein anderes gerade in seinen Apfel beißen will, läßt es seinen eigenen fallen und ein Riesenzoff beginnt.

Ein ewiges Gejage und Gezeter. Statt in den Hängemattenmodus zu schalten - hey, ist doch genug für alle da - entbrennt ein nie endender Kampf um den wahrhaft einzigen und seligmachenden Zankapfel.

Sie merken sicherlich schon, wir sind beim Clasico zwischen Real Madrid und dem FC Barcelona.

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Hätte der Homo sapiens nicht weit über 90 Prozent seines genetischen Materials mit dem Rhesusaffen gemeinsam, würden wir als wahrhaft vernunftbegabte Wesen vielleicht sagen: ist ja gut, ihr beide seid so viel besser als alle anderen, wir vergeben die spanische Meisterschaft der Einfachheit halber zweimal. Jeder bekommt seine eigene. Was aber ist Vernunft im Vergleich zum Streben nach Ruhm, Ehre und Äpfeln?

Und so bringen sich zwei der umsatzstärksten Vereine der Welt in den Grenzbereich zum wirtschaftlichen Ruin, nur um herauszufinden, wer der denn nun der Allerbeste bist. Wie die Äffchen. Und wir Zuschauer haben die helle Freude dran.

Interessant war zu beobachten, dass Real Madrid im Hinspiel der Supercopa seine Kampftaktik geändert hat. Obermakake Mourinho verordnete nicht wie noch im Frühjahr Kratzen, Beißen und bewusste Fußtritte, nein, diesesmal sollte der Gegner mit schnellen Finten und einstudierten Laufwegen vom Jäger zum Gejagten gemacht werden. (BERICHT: Real und "Magier" Özil verzweifeln an Barca)

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Barca kam mächtig ins Schwitzen, hatte aber selbst zwei überraschende Ausfallschritte in petto und erkämpfte sich ein glückliches Unentschieden. Zum erstenmal seit dem Championsleague-Halbfinale bei Chelsea 2009 war der FC Barcelona in einem Fußballspiel die deutlich unterlegene Mannschaft. Und dennoch verschafften sie sich für das Rückspiel am Mittwoch die günstigere Ausgangsposition.

Muss frustrierend sein für Real. Andererseits haben die weißen Äffchen seit Sonntag die neugewonnene Erkenntnis auf ihrer Seite, endlich wieder auf Augenhöhe mit dem Konkurrenten zu sein.

Oder etwa doch nicht? Barca hat ja einen neuen, den wunderoberallerschönsten blauroten Apfel für sich entdeckt: Cesc Fabregas! An dem war seit einiger Zeit natürlich auch Real Madrid interessiert. Die "Königlichen" ihrerseits haben neuerdings Heißhunger auf die brasilianische Südfrucht Neymar. Diese Spezialität hat selbstredend auch der Barcelona schon längst erspäht. Wie im Zoo von Tokio!

Das alles geht schon so, seitdem 1953 Alfredo di Stefano zum Zankapfel mutierte. Don Alfredo hatte zeitgleich zwei Verträge unterschrieben: einen in Barcelona (Di Stefano machte sogar zwei Testspiele für Barca) und einen bei Real. Die FIFA musste schlichten und sprach ein möchtegern-salomonisches Urteil: Di Stefano sollte die nächsten vier Jahre abwechselnd spielen. Ein Jahr Real, ein Jahr Barca, dann wieder Real und zum Schluss Barca. Eine Farce von einem Schlichterspruch. Die FIFA hatte schon damals keine Streitkultur.

Barcelona schmollte, weil Real Erstzugriffsrecht erhielt, zog sein Vertragsangebot zurück und beschuldigte lieber den Kontrahenten der unerlaubten Einflussnahme. Seither gibt es den Dauerzoff.

Ist also alles gar nicht so schwer zu begreifen, wir bringen die Sache auf einen einfachen Nenner: Fußball verstehen heißt vom Makaken lernen.

Euer Uwe Morawe

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