Uwe Morawe mahnt Arsenal-Coach Arsene Wenger, seine Philosophie zu überdenken. Die "Gunners" seien keine Topadresse mehr.

Das mit dem Mitleid ist ein zweischneidiges Schwert.

Sich selber dem Luxus hehrer Gefühle hinzugeben, dem am Boden liegenden Gegner die ausgestreckte Hand zu reichen, versetzt uns in eine Hochgemütslage.

Mensch, ich bin schon ein doller Hecht, wenn ich im Siege auch noch die Großmut besitze, an den Verlierer zu denken. Bist du aber derjenige, der am Boden liegt, ist Mitleid oft einfach nur bäh!

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Dieser Stoff ist so alt wie die abendländische Kultur. Ilias von Homer sag ich nur. Achilles gibt Priamos, dem bittstellenden König von Troja, seinen getöteten Sohn Hektor heraus.

Wahnsinnsgeste! Mitleid pur! Allerdings erst, nachdem Achill den Leichnam von Hektor 12 Tage am Stück durchs Lager geschleift hatte. Nach einem Blutrausch schmeckt ein edler Tropfen Rotwein so manchem am besten.

In unserer zivilisierten Jetztzeit sind solch rünstigen Rituale verpönt. Da reichen 90 Minuten Fußball und acht erzielte Tore. Ohne dass jemand zu leiblichem Schaden gekommen wäre, ist derselbe Effekt erzielt wie vor Troja.

Nach dem 8:2 Schlachtfest von Old Trafford erlebten wir Sir Alex Ferguson so kameradschaftlich wie selten. Mit breiter Brust warf er sich vor seinen Kollegen Arsene Wenger. Old Shatterhand und Winnetou nichts dagegen.

Wer jetzt auf die Idee käme, Wenger zu kritisieren, sei ein Wicht! Die 15 Jahre unter der Regentschaft des Franzosen seien die besten und erfolgreichsten der Vereinsgeschichte Arsenals, und was bedeuten schon sechs Spielzeiten ohne Titel? Der Gipfel der Solidarität war Fergies Behauptung, Arsenal habe nichts an Qualität eingebüßt.

Bei derart viel Mitleid mit dem ehemaligen Rivalen werde ich zum Wicht und kritisiere. Sechs Jahre ohne Titel sind von erheblicher Bedeutung, basta. Und die erfolgreichste Phase der Vereinsgeschichte der "Gunners" waren immer noch die 30er Jahre unter Trainer Herb Chapman. So viel dazu.

Vor allem das mit der Qualität ist ein Witz. Fängt schon beim Torwart an. Almunia, Fabianski oder Szczesny sind bestenfalls Durchschnitt. Ein Keeper gewinnt dem FC Arsenal ein Spiel - ist seit Jens Lehmann nicht mehr vorgekommen.

Dazu die traditionelle Weigerung Wengers, sich einen echten Goalgetter zu kaufen. Einen Typ wie Edin Dzeko zum Beispiel. So was ist beim Franzosen verpönt.

Wenger steht nur auf vordergründig spielstarke Dribblertypen auf dem Flügel wie Andrey Arshavin, Gervinho, Theo Walcott, Tomas Rosicky. Dazu die ewige Hoffnung, dass Robin van Persie vorne drin mal so stark werde wie einst Thierry Henry. Ist er aber nicht, weder von der Torquote noch von der Persönlichkeit.

Hinzu kommen Transferflops der letzten Jahre. Arshavin spielt seit 18 Monaten nur Müll und Marouane Chamakh hat dem Verein bisher rein gar nichts gebracht.

Das Bedenklichste bei Wenger aber ist der beharrliche Glaube an seine persönliche Vorstellung vom schönen Fußball. Starrsinn bis hin zu Selbstgerechtigkeit. Schuld an Niederlagen haben bei ihm stets äußere Umstände, wie z.B. im März die Schiedsrichter in Barcelona.

Nach dem Debakel von Manchester wies er darauf hin, dass ihm gleich acht Spieler gefehlt hätten. Stimmt. Wusste Wenger aber auch schon vor dem Anpfiff.

Statt defensiv zu agieren, um halbwegs aus der Nummer rauszukommen, verordnete der Übungsleiter aber Harakiri. Damit fügt Wenger seinen jungen Spielertalenten Schaden zu.

Dass Manchester United ohne die verletzten Leistungsträger Ferdinand und Vidic auskommen musste, dass das Durchschnittsalter von United sogar jünger war als das von Arsenal - dies alles ließ Wenger bei seiner Nachbetrachtung unerwähnt.

Dabei hatte ihm Ferguson gerade demonstriert, wie man Toptalente aufbaut. Danny Welbeck und Tom Cleverley sind nach Ausleihgeschäften gereift, Phil Jones war genau der richtige Transfer zum richtigen Zeitpunkt.

Trotz ewiger Rotation schafft es Ferguson, dass immer eine unverkennbare United-Mannschaft auf dem Rasen steht.

Nun ist bei Wenger die große Hektik ausgebrochen. Die Versäumnisse der letzten Jahre sollen an den letzten beiden Tagen des Transferfensters ausgeglichen werden.

Per Mertesacker ist fast sicher verpflichtet, Andre Santos soll noch kommen (Bericht: Mertesacker zu Arsenal). Mario Götze dagegen brauchte keine fünf Sekunden, um die konkrete Anfrage Arsenals abzulehnen.

Das Highbury House in Drayton Park, N5 1BU London, gehört momentan nicht mehr zu den Topadressen Europas.

Noch ist es nicht zu spät, das wieder zu ändern. Der Kader von Arsenal besitzt weiterhin großes Potenzial. Doch Wenger muss sich wandeln. Weg mit den Schablonen, in die er seine Spieler presst.

Sonst könnte es enden wie mit Priamos, dem König von Troja. Der wurde nach dem Fall der Stadt von seinen eigenen Angehörigen niedergemetzelt. Völlig mitleidslos.

Euer Uwe Morawe

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