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Spaniens Topklubs Madrid und Barcelona dominieren die Liga © imago

Um die zunehmende Verschuldung zu stoppen, nehmen sich die europäischen Topligen die Bundesliga und ihre Strukturen zum Vorbild.

München - Schuldenwahn, Preisexplosion und Stadionruinen:

In Spanien, England und Italien herrschen hinter der Fassade des sportlichen Erfolgs das strukturelle Chaos. Vor allem der kriselnden Primera Division droht mittelfristig der Kollaps.

Spaniens Liga soll nun nach dem Vorbild der wirtschaftlich gesunden Bundesliga reformiert werden.

Eine Forderung, die ausgerechnet aus einer Hochburg der Maßlosigkeit kommt. Absender: Sandro Rosell, Präsident des ebenso erfolgreichen wie schuldengeplagten FC Barcelona.

Bundesliga als Vorbild

Rosell propagierte die Verkleinerung der Primera Division auf 18 Teams und die Zentralvermarktung ihrer TV-Rechte - zwei Grundsäulen des Erfolgs der deutschen Eliteklasse.

"So können wir die Liga wettbewerbsfähiger machen", sagte Rosell. Eine Erkenntnis, die spät nach Katalonien vordringt.

Konsens in der Liga ist, dass das Wettrüsten der Topteams Barcelona und Real Madrid im Hinblick auf internationale Erfolge den Wettbewerb in der heimischen Meisterschaft ruiniert.

"Wir töten den spanischen Fußball"

Schon nach der streikbedingten Absage des ersten Spieltags und einem 0:5 gegen Barcelona am zweiten hatte Fernando Roig, Boss des FC Villarreal, erklärt: "Entweder verändert sich etwas, oder wir töten den spanischen Fußball."

Villarreal spielt mit vergleichsweise bescheidenen Mitteln kontinuierlich oben mit, ist aber den beiden Großklubs hoffnungslos unterlegen.

Wo in der oberen Tabellenhälfte der Bundesliga Ausgeglichenheit herrscht, dominieren Barca und Real: Ein Mittelklasseklub wie CA Osasuna wurde mit 0:8 (Barca) und 1:7 (Madrid) zusammengeschossen.

Langeweile an der Spitze

Dies sorgt für Langeweile unter den Zuschauern und für Unmut unter den Konkurrenten, schließlich investieren die beiden Topklubs trotz astronomischer Schulden im Bereich von jeweils einer halben Milliarde Euro munter weiter: Barca gab im Sommer 60 Millionen an Ablöse aus, Madrid 55, nur aufgrund des enormen Umsatzes platzte die Blase (noch) nicht.

Die Konkurrenz kämpft um Anschluss, stürmt dabei aber auf den Abgrund zu: Sieben Erstligisten werden von einem Insolvenzverwalter geführt.

In Deutschland hätte allein dieser Umstand den Zwangsabstieg bedeutet.

Gesundschrumpfen als Lösung

Gesundschrumpfen auf Bundesliga-Niveau soll die Lösung sein: Barca-Boss Rosell fordert künftig 18 Teams, später gar nur noch 16.

Zudem soll der Fernsehkuchen gerechter verteilt werden. Bislang kassieren Real und Barca durch die Möglichkeit, sich selbst zu vermarkten, die Hälfte aller TV-Einnahmen von rund 600 Millionen Euro. Die kleineren Klubs werden mit Bruchteilen abgespeist, die finanzielle Schere geht immer weiter auseinander.

Dass sieben Erstligisten, darunter Valencia und Villarreal, keinen Trikotsponsor fanden, passt ins triste Bild.

Probleme, die in der Bundesliga unbekannt sind: In der Saison 2010/11 kassierte TV-Primus FC Bayern zwar "nur" rund 30 Millionen an Fernsehgeldern, Schlusslicht FC St. Pauli aber immerhin mehr als 13 Millionen. Trikotsponsoren haben sämtliche Erst- und Zweitligisten.

Hohe Ticketpreise in England

Auch in England sind Topklubs hochverschuldet: Der FC Chelsea steht mit 734 Millionen Euro in der Kreide, Manchester United mit 590 Millionen.

So muss vornehmlich der Fan als Melk-Kuh herhalten: Durch Verknappung der Fernsehbilder im Free-TV, durch teures Pay-TV und vor allem durch hohe Ticketpreise.

In der Bundesliga gibt es die günstigste Dauerkarte derzeit im Schnitt für 165 Euro, den günstigen Sitzplatz für 302 Euro.

Billigste Dauerkarte für über 1000 Euro

In der Premier League hingegen, die keine Stehplätze kennt, werden pro Dauerkarte im Schnitt mindestens 465 Pfund (543 Euro) fällig. Die billigste Dauerkarte des FC Arsenal kostet stolze 951 Pfund (1110 Euro).

Dieser Preisirrsinn hat zwar in der Eliteliga größtenteils die Arbeiterklasse aus den Stadien vertrieben, die über viele Jahrzehnte den Fußball auf der Insel geprägt hat. Die Auslastung war 2010/11 mit 92,1 Prozent aber immerhin nahezu auf Bundesliga-Niveau (94,6).

Geringe Zuschauerzahlen in Italien

In der Serie A hat derweil der Fan längst das Handtuch geworfen. Nach einer Verdoppelung der Ticketpreise binnen zehn Jahren sank die Auslastung auf zuletzt rund 60 Prozent.

Mit Preissenkungen wollen die Klubs die Tifosi zurückerobern, jene aber meiden die maroden Stadien: Die 16 ältesten Erstliga-Spielstätten sind durchschnittlich 67 Jahre alt.

Seit der WM 1990 in Italien wurden mit Ausnahme des neuen Turiner Stadions "Juventus Stadium" keine neuen Arenen mehr gebaut - dessen Luxus ist in Deutschland spätestens seit der WM 2006 Standard.

Financial Fair Play verschärft Situation

Im europäischen Vergleich ist die Bundesliga derzeit nur in Sachen internationaler Erfolge rückständig.

Dies dürfte sich bald ändern, wenn die UEFA um Präsident Michel Platini in Sachen Financial Fair Play durchgreift. "Platini wird, wie ich ihn kenne, nicht davor zurückschrecken, auch mal einem Großen die Rote Karte zu zeigen", sagte unlängst Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge der "Süddeutschen Zeitung".

Sein Klub wäre einer der großen Profiteure.

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