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Louis van Gaal war zwischen 1991 und 1997 Cheftrainer von Ajax Amsterdam © getty

Das bizarre Theater um Bayerns Ex-Coach schlägt in öffentliche Zerfleischung um. Johan Cruyff schießt aus allen Rohren.

Amsterdam - Der Machtkampf beim niederländischen Rekordmeister Ajax Amsterdam geht in die nächste Runde:

Nach der Verpflichtung von Louis van Gaal als Generaldirektor droht fast der gesamte Trainerstab den amtierenden Meister zu verlassen (BERICHT: General van Gaal putscht sich an Ajax-Spitze) .

In einem "offenen Brief" erklärte die Sportliche Leitung mit den Coaches Frank de Boer, Dennis Bergkamp und Wim Jonk, dass alle Trainer der Ajax-Fußballschule "De Toekomst" den für fußballerische Angelegenheiten zuständigen Aufsichtsrat "König Johan" Cruyff unterstützen.

Denn schon im Juni 2011 sei mit der Umsetzung der vom Aufsichtsrat beschlossenen und von Cruyff entwickelten Reformen begonnen worden, so die Trainer. Mit großem Erstaunen habe man deshalb die Entscheidung der vier Aufsichtsräte pro van Gaal zur Kenntnis genommen.

Öffentlicher Machtkampf

"Wir sind an dem Entscheidungsprozess überhaupt nicht beteiligt gewesen und haben alles aus den Medien erfahren. Das ist unseriös und nicht zu akzeptieren. Darum distanzieren wir uns von dieser Handlungsweise und rufen die vier Aufsichtsräte auf, dieses Thema mit uns intern zu besprechen", hieß es in dem Brief.

Frank de Boer sprach von einem "Dolch in den Rücken von Cruyff".

Später gab de Boer zu, schon vorher informiert worden zu sein. "Ich bin am Mittwoch gegen 16 Uhr angerufen worden", sagte er auf der Pressekonferenz vor dem Spiel gegen NAC Breda. "Ich habe ihnen gesagt, daß sie mit dieser Entscheidung einen Erdrutsch verursachen werden. Wenn jetzt wirklich fast alle Trainer Ajax verlassen sollten, ist das eine Katastrophe."

Cruyff: "Davids ein Stümper"

Auch Ex-Nationalspieler Marc Overmars hat sich auf Cruyffs Seite gestellt.

Dieser zeigte sich besonders verärgert über seinen Aufsichtsratskollegen Edgar Davids, der gemeinsam mit den anderen Mitgliedern Paul Römer, Marjan Olfers und Steven ten Have heimlich Gespräche mit Ex-Bayern-Trainer van Gaal geführt hatte.

"Er ist ein seltsamer Stümper. Als Praktikant in der Jugendausbildung arbeitet er täglich mit den Trainern zusammen, und hinter unserem Rücken macht er sich für ein anderes System stark. Das geht gar nicht", wetterte Cruyff.

Am selben Abend noch wurde Davids als Praktikant in der Jugendschule fristlos entlassen (DATENCENTER: Eredivisie).

Mündliche Zusage van Gaals

Der Aufsichtsratsvorsitzende ten Have bestätigte der Tageszeitung "AD Sportwereld", dass das Quartett auf Initiative von Davids vier bis fünf intensive Gespräche mit van Gaal geführt habe.

Einen Vertrag habe dieser noch nicht unterschrieben, es seien jedoch verbindliche mündliche Zusagen getroffen worden. Angeblich soll der ehemalige Chefcoach von Rekordmeister FC Bayern einen Fünfjahresvertrag erhalten.

"Van Gaal steht noch in München bis Ende Juni 2012 unter Vertrag. Wir werden mit den Bayern über eine Vertragsauflösung sprechen. Dann wissen wir mehr", sagte Aufsichtrat Römer in einer TV-Talkshow.

Außerdem habe man es eilig gehabt, weil van Gaal und seine Frau in diesen Tagen eine längere Weltreise antreten, fügte er hinzu. Römer gab zu, dass man Cruyff bewusst nicht informiert habe.

"Ajax in Brand gesteckt"

"Ich habe zuerst an einen Scherz gedacht. Aber das war es nicht. Mit ihrer Aktion haben sie Ajax in Brand gesteckt. Das war unter der Gürtellinie", sagte der 64-Jahre alte Cruyff beim TV-Sender "NOS" in Barcelona.

Er könne nicht begreifen, dass sich Menschen, die schon ewig lange für Ajax tätig sind, von Personen, die erst kurz für den Klub arbeiten, missbrauchen lassen. Römer, ten Have und Olfers waren erst im Sommer zu Ajax gekommen, um Cruyff im Aufsichtsrat in nichtballtechnischen Angelegenheiten zu unterstützen.

Cruyff hatte den Auftrag erhalten, eine neue Direktion zusammenzustellen. Unterdessen haben die vier Aufsichtsräte vom erbosten 24-köpfigen Mitgliederrat für Freitag eine Vorladung erhalten, um ihr Handeln zu erläutern.

Auch Hauptsponsor unzufrieden

Kritische Töne kamen derweil auch vom Hauptsponsor, einer Versicherungsgesellschaft (Aegon). "Aus der Sponsorenposition ist klar, dass jegliche Unruhe schädlich ist", teilte das Unternehmen mit.

Das Ende des Ajax-Theaters ist nicht absehbar. Nur der Mitgliederrat kann jetzt noch die Inthronisierung von van Gaal, der seinen Job spätestens zum 1. Juli 2012 antreten soll, verhindern.

Der Ajax-Aktienkurs reagierte am Donnerstag positiv auf die Verpflichtung van Gaals. Er stieg an der Amsterdamer Börse zwischenzeitlich um 3,9 Prozent auf 6,65 Euro pro Aktie.

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