Uwe Morawe vergleicht den FC Barcelona mit dem Römischen Reich, sieht das Barca-Imperium aber noch lange nicht untergehen.

Der Untergang von Imperien hat die Menschheit schon immer fasziniert. So etwas passiert nicht einfach so, meint man. Der Verlust von Herrschaft will ausgeschmückt sein, was ist schon ein Weihnachtsbaum ohne Lametta?

Ein klitzekleiner moralischer Kern bei der bösen Nacktschnecke Darth Vader - schon möge die Macht mit den anderen sein.

Der Diwan und die Weintraube als Sinnbild des Niedergangs des Römischen Reiches. Völliger Blödsinn natürlich. Deren Imperium war einfach zu groß geworden. Irgendwann schauten sich die beherrschten Völker gegenseitig an: "Hallo! Wir sind fünfzig mal mehr als die!" Das war's dann eben mit der römischen Herrlichkeit.

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Oder Samson. Nicht der aus der Sesamstrasse, sondern der aus der Bibel. Selbstredend war dessen Ende kein schnöder Putsch gegen Willkürherrschaft. Nö. Magische Locken mussten von der fiesen Intrigantin Delila abgeschnitten werden. Anders war der böse Zauber nicht zu durchbrechen.

Kein Wunder also, dass bereits die ersten Arbeitsthesen für den bevorstehenden tiefen Fall des FC Barcelona im Umlauf sind. Jeder will die Wüste als erstes mit mahnenden Worten erschüttert haben.

In fünf von 13 Ligaspielen Punkte liegen gelassen, eine Horrorbilanz!

Bereits sechs Zähler Rückstand auf Real Madrid, bei ausstehenden 25 Partien schlichtweg unaufholbar!

Niederlage beim FC Getafe. Die hatten vor fünf Jahren nicht mal einen Fanshop, Schals mußten in der Apotheke gegenüber des Stadions gekauft werden. Ein Sinnbild des Untergangs!

Das alles beherrschende Imperium der letzten drei Spielzeiten wird zu den Lehman Brothers!

Gemach, gemach, noch besitzt Carlos Puyol - Spitzname Samson - seine Lockenpracht.

Doch das übersehen die Auguren. Von Titelmüdigkeit ist schnell die Rede. Da haben wir wieder den Diwan und die Weintraube. Andere Teams seien hungriger auf Lorbeer. Laut dieser These ist Ungarn nach zwei verlorenen WM-Finals 1938 und 1954 aber mal überreif für den Fußball-Thron...

Die Gründe für Barcelonas Mini-Mini-Krise sind weit profanerer Natur. Pep Guardiola hat bereits vor Monaten die Saisonvorbereitung in Übersee als auslaugend bezeichnet. Er beugte sich dem wirtschaftlichen Diktat, Barca brauchte dieses Geld.

Hinzu kamen Verletzungen von Schlüsselspielern wie zunächst Xavi und gegenwärtig Iniesta. Auch die ersehnte Heimkehr des verlorenen Sohns Cesc Fabregas ging noch nicht völlig auf. Kein Wunder, Fabregas ist im Gegensatz zu den restlichen Mittelfeldakteuren kein Ein-Kontakt-Kicker, das braucht eben seine Zeit zur Feinabstimmung.

Der Clasico bei Real Madrid am 10. Dezember wird ein phantastischer Schlagabtausch - aber keineswegs eine Zeitenwende. Barcelona besitzt weiterhin alle Möglichkeiten, seine Kritiker verstummen zu lassen.

Und andernfalls wäre es nichts Übernatürliches, wenn Real Madrid bei ähnlichem Etat, ähnlicher Qualität im Kader und einem ähnlich guten Trainer mal wieder Spanischer Meister würde.

Von Wachablösung zu reden wäre selbst in diesem Fall totaler Nonsens. Auch wenn Barca in diesem Jahr nur Zweiter werden sollte und kein Champions-League-Sieger, ist der Verein derart aufgestellt, um sich in der nächsten Saison alles wieder zurückzuholen.

Die ewige Rivalität der beiden Weltklubs wird uns in den nächsten Jahren als Duell auf Augenhöhe begleiten. Da gehen keine Imperien unter. Dennoch ist für reichlich Lametta gesorgt.

Allein schon durch Jose Mourinho. Die Verschwörungstheorien im Falle eines Scheiterns will ich hören. Oder das Eigenlob im Falle des Triumphs - die Erschaffung der Sieben Weltwunder ein Klacks gegenüber der Mourinhoschen Herkulesaufgabe, den teuersten Kader der Welt zu Pokalen zu führen.

Der Mann hat wirklich überall die Finger drin und ist ein Ausschmücker vor dem Herren.

Neuestes Beispiel: Mourinho habe im Vereinsinteresse Zwist in der spanischen Nationalmannschaft gesäht. Sollte im Sommer jemand anderes als Spanien den EM-Titel holen, liegt es nur an der Aushöhlungsarbeit des Real-Trainers.

Aufgepasst, Jogi Löw, auf deine Meriten. Sonst titelt noch die "Bild": "Untergang des iberischen Imperiums - Mourinho macht Deutschland zum Europameister!"

Euer Uwe Morawe

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