Uwe Morawe über den neuen englischen Nationalcoach Harry Redknapp und einen langersehnten Meistertitel von Tottenham Hotspur.

Der Engländer ist ein bekanntermaßen ein vergangenheitsverherrlichender Quertreiber.

Da stört schon mal Premier Cameron die rotweinselige Untergangsstimmung auf dem Brüsseler Politgipfel.

"Ey, Sarkozy, was prangt auf dem britischen Pfund? Richtig, die Queen, weiß jeder. Und nun zu Ihnen, Frau Merkel. Augen zu und beschreiben Sie, was auf den Euroscheinen abgebildet ist! Nichtssagende Brücken und Kirchenfenster! Was ein blödes Geld, wollen wir nicht dabei sein!"

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Auch im Fußball beharrt der Angelsachse auf Eigenständigkeit und hängt seine ehemaligen Erfolge hoch unter die Decke.

Der WM-Triumph von 1966 ist der stilvoll errungenste aller Zeiten, logo, und ohne die britische Pionierarbeit würde man auf dem Kontinent den runden Ball ja überhaupt nicht kennen. Schön und gut - doch lange her.

Der letzte englische Trainer, der ein Finale der Champions League erreichte, hieß Terry Venables. 1986 mit dem FC Barcelona. Seit Jahrzehnten muß taktische Innovationskraft importiert werden.

Was bei den Vereinen noch funktionierte, ging bei der Nationalmannschaft bisher schief. Ein englischer Nationalcoach, der nicht einmal am Strand von Rimini einen Sonnenbrand bekommt? Nein, Fabio Capello ist nicht beliebt.

Nun steht einer in den Startlöchern, mit dessen Rotstich sich jeder Hellhäutige auf der Insel identifizieren kann: Harry Redknapp!

Auch mit 64 Jahren pflügt Dirty Harry duch die Wogen wie einst die englische Flotte. Dass er zuletzt wegen Steuerhinterziehung vor Gericht stand (Redknapp wurde freigesprochen, Anm. d. R.), ficht so einen Mann nicht an. Schließlich hat er bereits drei Prozesse wegen illegaler Handgeldzahlungen vor dem Sportgericht der FA überstanden. So what!

Redknapp ist auf einem guten Weg, Tottenham Hotspur zur ersten Meisterschaft seit 1961 zu führen. Ehrgeiz und Tatendrang dieses Mannes scheinen sich mit jedem Jahr zu steigern - ein Wettlauf mit seinem Bruder im Geiste, Sir Alex Ferguson. Und erstmals hat Redknapp einen Kader zur Verfügung, mit dem er sich diesem Rennen stellen kann.

Dabei wollte er es nach seiner Spielerkarriere ganz gemütlich angehen lassen. Trainerjob beim unterklassigen AFC Bournemouth, kein Stress bitte. 1990 erfolgte dann die Initialzündung. Als Insasse eines Busses überlebte Redknapp schwerverletzt einen Horror-Crash mit sieben Toten. Dabei verlor Redknapp seinen Geruchssinn, gewann aber eine neue Lebenseinstellung. Mir kann keiner was!

Die Arbeitsweise ist aus altem Schrot und Doppelkorn. Taktik interessiert Redknapp nur in Maßen, gibt er unumwunden zu. Er will gute Spieler verpflichten, die zusammen passen - und Harry Redknapp ist der Boss. Wer ausschert, ist raus.

So erging es einst Robbie Keane. Der organisierte heimlich eine Weihnachtsfeier für die Mannschaft: Butterfahrt auf der irischen See mit Heizdeckenverkauf und Stangentanz. Redknapp bekam Wind von der Sache und schmiss Keane hochkant raus. Wohlgemerkt nur, weil er als Trainer nicht eingeladen worden war...

Natürlich werden es sich die Anzugs- und Bedenkenträger beim Verband nicht leicht machen, einen etwaigig vorbestraften und derart ungehobelten Kerl zum Nationaltrainer zu berufen. Die Rückendeckung der meisten Fans hätte Redknapp allemal. Denn in England heißt es momentan nicht nur in der Politik: Do it the good old hard way!

Euer Uwe Morawe

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