Uwe Morawe kritisiert in seiner Kolumne das respektlose Verhalten von Luis Suarez, der das Erbe berühmter Landsleute beschmutzt.

Luis Suarez kann es einfach nicht lassen. Am Donnerstag will er seinen Ex-Club Ajax Amsterdam live auf der Tribüne unterstützen. Im Old Trafford. Dem Ort, an dem er Patrice Evra den Handschlag verweigerte.

Die überhitzte Debatte um den Stürmer des FC Liverpool wird nur schwerlich zur Ruhe kommen. Die Frage, ob der Disput zwischen Suarez und Evra nur eine persönliche Abneigung zwischen zwei Männern oder doch rassistisch motiviert ist, kann noch nicht endgültig beantwortet werden.

Die Indizienkette hinsichtlich Taktlosigkeit und Dummheit ist hingegen lückenlos.

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Ja, er habe Evra im Oktober einen "negro" genannt, gab Suarez vor dem Sportgericht des englischen Verbandes zu. Doch dieses Wort sei im südamerikanischen Spanisch eher mit "Kumpel" gleichzusetzen. Das war alles in Sachen Verteidigungsstrategie.

Als ob dieser Ausdruck in aggressiv geschrieener Art und Weise freundschaftlich aufgefasst werden könne. Die acht Spiele Sperre waren ein angemessenes Strafmaß.

Doch viel schlimmer war der verweigerte Handschlag beim Wiedersehen. Eine Unsportlichkeit erheblich größeren Ausmaßes als der auch hier vieldiskutierte Tritt von Pepe auf die Hand von Messi.

Suarez demonstrierte mit dieser Geste, dass er seinen Berufskollegen Evra nicht als Seinesgleichen akzeptiert. Und er beleidigte nicht nur Evra aufs Übelste. Sondern auch den guten Ruf des FC Liverpool sowie seinen Trainer Kenny Daglish, dem er vorher noch versichert hatte, dass er Evra selbstverständlich die Hand reichen werde.

Und Suarez beleidigte das fußballhistorische Erbe seines Landes Uruguay. Irgendwie schwer vorstellbar, dass ein Fußballrassist ausgerechnet aus Uruguay kommen soll.

In keiner anderen Nation waren Spieler unterschiedlicher Hautfarbe so früh gemeinsam am Ball wie in Uruguay. Ohne jegliche Ressentiments.

Zum Vergleich: Im heute so echauffierten England gab der erste schwarze Spieler erst 1978 sein Nationalmannschaftsdebüt. Er hieß Viv Anderson und war jahrelang zuvor bei fast jedem Auswärtsspiel mit Bananen beworfen worden.

Da war Uruguay in Sachen Integration längst schon weiter. Die ersten schwarzen Superstars des Weltfussballs kamen aus diesem kleinen Land und erhielten in der Heimat uneingeschränkte Verehrung.

Jose Andrade (genannt "das schwarze Wunder") führte Uruguay 1924 bis 1930 zu zwei Olympiasiegen und dem Gewinn der Weltmeisterschaft.

Beim zweiten WM-Triumph 1950 war auch Andrades Neffe Victor im Team. Angeführt wurde dieses legendäre Team von einem weiteren Schwarzen - Ubdilio Varela. Sein Spitzname "el negro jefe" ("der schwarze Chef") sagt alles.

Noch heute kennt jeder fußballbegeisterte Junge in Uruguay die Geschichte von der Vorbereitung auf das entscheidende Spiel im Maracana. Mannschaftskapitän Varela hatte beim morgendlichen Spaziergang die brasilianischen Zeitungen gesehen: voller Arroganz auf Seite 1 abgebildet das Team Brasiliens mit der Unterschrift "Weltmeister!". Die Brasilianer nahmen Uruguay nicht einmal ernst...

Varela stinksauer, kauft 20 Ausgaben und legt sie im Bad seines Hotelzimmers aus. Daraufhin versammelt der Kapitän die gesamte Mannschaft und fordert jeden einzelnen auf, auf die Zeitungen der siegessicheren Brasilianer zu urinieren.

Ein Initiationsritus! Der krasse Außenseiter Uruguay gewann sensationell mit 2:1, der gefeierte Held mit dem WM-Pokal hieß Ubdilio Varela. El negro jefe!

Auch Luis Suarez dürfte diese Geschichte kennen. Und er sollte sich bewußt machen: Mit seinem derzeitigen Verhalten macht er mit den großen Legenden seiner Heimat das, was die Urus mit den Zeitungen der Brasilianer machten: Er pisst auf das stolze Erbe der Andrades und Varelas.

Eine inzwischen erfolgte, schlappe Entschuldigung in Richtung Patrice Evra ist in Sachen Wiedergutmachung sicher nicht genug...

Euer Uwe Morawe

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