Uwe Morawe zeigt sich in seiner Kolumne fasziniert vom schicksalsgeprägten Duell der Gerrards im Finale des Carling Cup.

Der Moment hatte etwas Mystisches. Während alle anderen Liverpool-Spieler an die Eckfahne liefen, um den Sieg im Carling Cup zu feiern, führte der Weg von Kapitän Steven Gerrard in die andere Richtung.

Er ging zu seinem Cousin. Tröstende Worte unter Verwandten. Blut ist wichtiger als silberne Pokale.

Ein Gerrard hatte Liverpool zum Titel geschossen. Aber nicht wie gewohnt die Vereinslegende Steven, sondern mit einem Fehlschuss vom Elferpunkt Anthony - Verteidiger bei Cardiff City.

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Der Glaube an Schicksal, Übersinnliches und Wunder ist bekanntermaßen auf dem Rückzug in der westlichen Welt. Ein brennender Dornbusch in der Wüste - oha, welch' Zeichen! Wäre es in der sibirischen Tundra, ok. Aber bei 45 Grad fängt Holz nun mal zu zündeln an. Wo soll da das Wunder sein...?

Und doch gibt es Geschichten, die sind mit Zufall nicht zu erklären...

Am 16.April 1989 wird der achtjährige Steven Gerrard von seinem Großvater geweckt. Es gibt etwas zu verkünden, etwas Trauriges. Sein zwei Jahre älterer Cousin Jon-Paul Gilhooley ist tot. Als Jüngstes von 96 Opfern von Hillsborough. Jon-Paul war tags zuvor im Schwimmbad von seinem Onkel angesprochen worden: "Hey Junge, ich habe noch eine Karte für's Fußballspiel, willst du mit?" Welch Frage...

Die Gilhooleys erfuhren erst um elf Uhr abends, dass ihr Sohn ins Auto gestiegen war. Sie hatten die schrecklichen Bilder von der Massenpanik im Fernseher betrachtet, ohne zu wissen, dass Jon-Paul unter den zu Tode Getrampelten war.

Steven Gerrard hatte seinen Cousin und Spielkameraden verloren, und doch begleitete der Tote den ehrgeizigen Jungen auf seinem Weg. Vor seinem ersten Profispiel sprachen ihm die Gilhooleys Mut zu: "Jon-Paul wäre so stolz auf Dich!" Das Buch von Gerrard endet mit den Worten: "I play for Jon-Paul".

Der fünf Jahre jüngere Anthony hat keine aktiven Erinnerungen an den Schicksalsschlag von 1989. Und doch wuchs er im Bewusstsein dieser Tragödie auf. Von den älteren Jungs um Stevie wurde er beim Bolzen als Kleinster ins Tor gesteckt, der Klassiker.

Anschließend im Garten der Großmutter Schusstraining. Das Vorbild der beiden Cousins hieß Hristo Stoichkov, wie Kinder halt so sind. Und doch blieb bei aller Unbeschwertheit ein blinder Fleck. Einer fehlte, der bestimmt dabei gewesen wäre...

Die Karriere von Anthony verlief nicht so geradlinig wie die des Älteren. Er bekam einen Platz in der Nachwuchsabteilung des FC Everton. Sein Mannschaftskapitän in der Jugend hieß Wayne Rooney. Anthony Gerrard unterstützte von nun an die Blauen und die Roten in der Stadt, keine so große Ausnahme im fußballverrückten Liverpool.

Als 18-Jähriger der Sprung in den Profikader, Auswärtsfahrten nach London und Manchester, das Warten auf den ersten Einsatz. Am Ende der Schnuppersaison bei den Profis der Schock. Die nachhallenden Worte von Trainer David Moyes: "Anthony, bei Dir reicht es nicht..."

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Der Traum vom Profivertrag geplatzt. Während im Jahr 2005 Cousin Steven den Champions-League-Pokal in den Himmel von Istanbul reckt, ist Anthony im Urlaub. Frustsaufen in Mexiko. Gedanken an einen Studiumsbeginn. Doch aus all den Caipirinhas erwächst der Trotz. Das kann es nicht gewesen sein.

Über den Viertligisten Walsall arbeitet sich Gerrard wieder nach oben. 2009 der Wechsel zum ambitionierten Zweitliga-Club Cardiff City, immerhin. Und in dieser Saison der parallele Weg der beiden Cousins ins Finale im Carling Cup. Liverpool und Cardiff spielen in Wembley. Der Fußballtempel Englands als würdiger Schauplatz für das allererste Duell zweier Gerrards im Profifußball.

In der Woche vorher das übliche Telefonieren und SMS-Schreiben. Unterstehe dich, Dein Trikot einem anderen zu geben. Die Familie hat 80 Karten geordert, darunter auch für die Gilhooleys...

Bei der Mannschaftsbesprechung von Cardiff City dann der Nackenschlag für Anthony. Wieder einmal. Sein Name fehlt unter den ersten Elf. Kein Frotzeln mit Stevie im Spielertunnel, kein gegenseitiges Sichhochnehmen wie einst im Garten der Großmutter. Anthony Gerrard sitzt nur auf der Ersatzbank.

In der Verlängerung dann das Zeichen. Kapitän Mark Hudson kann nicht mehr, Einwechslung in der 99.Minute.

Diese letzten Minuten werden ein Wechselbad der Gefühle. Für beide Cousins. Anthonys Rettungstat landet vor den Füssen von Dirk Kuyt, Tor, Liverpool führt 2:1. Doch der krasse Außenseiter schlägt zurück. Später Ausgleich, Elfmeterschießen.

Der sicherste Schütze des FC Liverpool, der Kapitän, die lebende Legende übernimmt den allerersten Elfmeter. Steven Gerrard will die Richtung vorgeben, ein Zeichen setzen. Und vergibt.

Cardiff City hat alle Möglichkeiten auf die Sensation. Wie schon in der regulären Spielzeit. Die Waliser kämpfen bis zu Umfallen, hatten lange geführt und spielen es so, wie ein Underdog es spielen muss. Der Außenseiter hätte es verdient. Doch sie scheitern mehrmals im allerletzten Moment. Als wäre eine unsichtbare Linie gezogen...

Kenny Miller trifft im Elferschießen den rechten Pfosten, Gestede den linken. Der letzte Schütze von Cardiff City heißt Anthony Gerrard. Er muß treffen, sonst hat der FC Liverpool den Pokal. Er macht es wie so oft im Leben genau wie Stevie...

Ich war als Fußballkommentator selten so gebannt von einem Spiel. Das konnte doch kein Zufall sein? Wer bitteschön schreibt denn so ein Drehbuch? Als habe es so kommen müssen.

Zwei Gerrards spielen zum ersten Mal gegeneinander. Unter den Augen der versammelten Familie. Da konnte es wohl nur einen Sieger geben.

Vorherbestimmt, der FC Liverpool. We all play for Jon-Paul!

Euer Uwe Morawe

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