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Schwierige Zeiten: Lothar Matthäus will trotz des Konflikts in Gaza in Israel bleiben © getty

Krieg in Gaza: Lothar Matthäus bleibt dennoch in Israel. Die Bundesliga reizt ihn trotzdem, wie er im Sport1.de-Interview verrät.

Von Conny Konzack

München - In Israel steht derzeit alles andere als der Fußball im Mittelfpunkt.

Seit Ende Dezember befindet sich das Land nach dem Einmarsch im Gazastreifen im Kriegszustand.

Auch für Lothar Matthäus, Trainer des israelischen Erstligisten Maccabi Netanya, ist das ein Ausnahmezustand.

Der Verband hat den Spielbetrieb unterbrochen, der 150-malige deutsche Nationalspieler kann jederzeit gehen, wenn er möchte.

"Fühlen uns absolut sicher"

Noch aber bleibt der 48-Jährige. "Wir fühlen uns absolut sicher", sagt der Weltmeister im Interview der Woche mit Sport1.de.

Matthäus hält sich aber aber alle Optionen offen, behält die Bundesliga im Blick und hat speziell Schalke 04 im Fokus.

Sport1.de: Herr Matthäus, wie gehen Sie mit der aktuellen Situation um?

Lothar Matthäus: Ich sehe den Unruhen mit offenen Augen entgegen und bin alles andere als beruhigt. Ich weiß aber auch, dass in den Berichterstattungen in Europa vieles übertrieben dargestellt wurde und wird.

Sport1.de: Inwiefern?

Matthäus: Ich war über Weihnachten selbst zwei Wochen in Europa und anlässlich meiner Hochzeit auch kurz in Amerika. Wenn ich die Meldungen im Ausland mit den Informationen vergleiche, die ich hier in Israel täglich aus erster Hand bekomme, dann ist da schon ein gewaltiger Unterschied. Der Krieg herrscht ja zum Glück nicht in ganz Israel. Deshalb bleibe ich vorerst.

Sport1.de: Wie beeinflusst der Krieg Ihre Arbeit?

Matthäus: Sehr. In meiner Mannschaft sind drei, vier Spieler, die ständig auf Abruf in Einsatzbereitschaft für die Armee stehen müssen. Und andere Spieler haben Verwandte oder Freunde, die gerade bei der Armee sind.

Sport1.de: Momentan ruht die Liga, wie lange noch?

Matthäus: Das steht nicht sicher fest. Vielleicht dauert unsere Pause noch viel länger als nur das vergangene Wochenende.

Sport1.de: Fühlen Sie und Ihre frisch angetraute Frau Liliana sich denn eine halbe Autostunde nördlich von Tel Aviv sicher?

Matthäus: Ja, absolut. Wir haben in Herzlia eine traumhafte Wohnung mit Blick direkt aufs Meer. Und wenn es den Krieg nicht gäbe, der aber natürlich mit seinen Gefahren allgegenwärtig ist, dann könnte man von einem kleinen Paradies reden.

Sport1.de: Sie wirken dennoch verunsichert...

Matthäus: Wir sind alle verunsichert und ich verschließe meine Augen nicht vor der Realität.

Sport1.de: Warum gehen Sie nicht einfach?

Matthäus: Ich bin freiwillig nach Israel gekommen, weil ich mich dem Lande verbunden fühle. Außerdem wusste ich ja schon vorher, dass die Unruhen um den Gazastreifen schon seit Jahren bestehen und dass Israel nicht nur Freunde und Partner hat.

Sport1.de: Was muss geschehen, dass Sie das Land verlassen?

Matthäus: Wenn ich eine direkte Gefahr für mich und meine Frau sehe. Momentan leben wir wie vor dem Krieg. Liliana absolviert ein Fernstudium und ich bin täglich mit den Spielern im Training.

Sport1.de: Sie geben Ihre sportlichen Ambitionen nicht auf?

Matthäus: Nein. Wir sehen ja noch die große Chance, als Underdog gegen so große Teams wie Maccabi Tel Aviv Platz eins zu erobern. Das wäre für die Mittel, die wir haben, eine Sensation. Aber wer mich und meine Mentalität kennt, der weiß, dass für mich ein Platz zwei eigentlich nicht zufriedenstellend ist.

Sport1.de: Sie verschwenden also keinen Gedanken an eine Rückkehr nach Europa?

Matthäus: Nein, ich kann doch nicht zweigleisig fühlen und denken. Ich arbeite hier, kenne die Verhältnisse und die Gegebenheiten und versuche, das Beste daraus zu machen.

Sport1.de: Gibt es denn Angebote aus Europa?

Matthäus: Oh ja, aber genau diese Diskussion führe ich jetzt nicht. Jeder weiß, dass es mal mein Wunsch ist, in der Bundesliga zu arbeiten. Aber ich habe auch noch Zeit.

Sport1.de: Welches Bundesliga-Thema beschäftigt Sie in der Winterpause am meisten?

Matthäus: Die negativen Schlagzeilen um Schalke. Die machen mir Sorgen. Seien es die vielen Geldstrafen innerhalb des Teams, die negative Darstellung in der Öffentlichkeit, die Kuranyi-Affäre oder andere Probleme, die mir wie hausgemacht vorkommen. Das ist für so diesen Traditionsklub mit seinen tollen Fans und einem super Sponsor jammerschade.

Sport1.de: Zeichnet sich für Sie eine Tendenz ab?

Matthäus: Ich hatte Schalke diese Saison eigentlich als Titelanwärter betrachtet, aber jetzt sind die international überall vorzeitig rausgeflogen, stehen in der Liga weit hinter ihren Möglichkeiten, streiten permanent intern - und dabei hat das Team immer noch eine so hohe Qualität! Es tut mir weh, das alles mitanzusehen.

Sport1.de: Tut es Ihnen auch weh, dass der große FC Bayern nun 1899 Hoffenheim jagen muss?

Matthäus: Abwarten! Ich tippe, dass es eher umgekehrt wird: Hoffenheim wird bald Bayern jagen. Davon bin ich überzeugt. Trotzdem bin ich überzeugt, dass das ganze System Hoffenheim, das auch viele Experten überrascht hat, Schule machen wird. Aber am Ende steht Bayern wieder oben.

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