Weisweiler hatte immer Recht
"Diese Weltmeisterschaft hat taktisch keinerlei neue Erkenntnisse gebracht - außer, dass die Viererkette ein völlig veraltetes System darstellt. Die Zukunft gehört eindeutig dem Libero!"
Lesen bildet. Ab und an sollte man allerdings auf das Erscheinungsdatum achten.
Das obige Zitat stammt aus einem WM-Buch von Hennes Weisweiler aus dem Jahre 1970.
Dummerweise muss Pep Guardiola unter der Woche den ollen Schinken zwischen die Finger bekommen haben. Wie sonst ist es zu erklären, daß der Barca-Trainer ausgerechnet im Clasico die verstaubte Dreierkette wieder auspackte?
Mit dem kleinen und langsamen Mascherano als denkbar ungeeignetem Mittelmann und Busquets als Libero vor der Abwehr? Ging ganz schön in die Hose.
Die Niederlage gegen Real Madrid war das erste Spiel, in dem sich Guardiola in seiner Trainerkarriere böse vercoacht hat.
Respekt dafür, dass das erst nach fast vier Jahren passierte. Andere Übungsleiter bekommen das lässig alle sieben Tage hin.
Die heftig diskutierte Maßnahme, mit Tiago und Tello zwei unerfahrene Youngster zu zu bringen, war riskant, aus meiner Sicht jedoch nicht entscheidend für das meisterschaftsentscheidende 1:2.
Die beiden Jungs haben ihre Sache ordentlich gemacht.
Die Ursache für den Verlust der Meisterschaft liegt tiefer. Der FC Barcelona hat sich einen Tick zu lang einen Tick zu viel an seinem Tiki-Taka berauscht. Der Ballbesitz ist zum Selbstzweck verkommen.
Im 244. Pflichtspiel in Folge mehr Spielanteile als der Gegner - phänomale Serie, bringt aber allein noch nicht die wichtigen Punkte.
Am Samstag waren es 72 Prozent Ballbesitz gegen Real Madrid - die erste Ecke gab es aber erst in der 66. Minute. Lassen Sie diese Zahlen mal wirken...
Auch im Rückspiel gegen Chelsea am Dienstagabend rannte Barca ebenfalls vergeblich gegen Roberto Di Matteos Abwehrbollwerk an.
So langsam sind die Gegner dem System Barcelona auf die Schliche gekommen. Zentrum mit einem Möbelwagen zuparken, die Außenbahnen anbieten, sollen sie doch flanken auf ihre 1,70-Meter-Stürmer im verwaisten Sturmzentrum.
Mit dieser Taktik und Gottvertrauen sahen diese Saison auch einige kleinere Klubs in Heimspielen gegen Barca gut aus.
Als größter Fehler der jüngeren Vergangenheit könnte sich mit Zeitverzögerung der Verkauf von Samuel Eto'o herausstellen: Seine Dynamik und Geradlinigkeit fehlte nicht nur am vergangenen Wochenende.
Das taktische System ohne echten Mittelstürmer war zwei Jahre lang ein Buch mit sieben Siegeln für die Gegner.
Nun sind die ersten Abwehrstrategien entwickelt. Und wenn Barca mal zurückliegt und unter Zeitdruck ein spätes Tor braucht, fehlt spätestens seit der Verletzung von David Villa eine zielgerichtete Alternative.
Gegen Chelsea musste gar Seydou Keita in den letzten halben Stunde Mittelstürmer spielen.

Seit 1995 ist Uwe Morawe aus der SPORT1-Fußball-Berichterstattung nicht wegzudenken.
Der internationale Fußball ist dabei sein Spezialgebiet.
Lange kommentierte er die Kultsendung "LaOla".
Auch in der 1. und 2. Bundesliga sowie im Europacup war er mittlerweile bei hunderten von Begegnungen am Mikrofon zu hören.
In dieser Saison betrachtet er wöchentlich das Geschehen im internationalen Fußball in einer Kolumne mit leichtem Augenzwinkern.
Oder verknappt ausgedrückt: Die schmalen Schultern des herausragenden Messi mussten diese Saison etwas arg viel Last tragen.
Es ist ein Armutszeugnis für die Transferpolitik eines solchen Klubs. Die Aktivitäten auf dem Spielermarkt waren in letzter Zeit wohl zu sehr auf das Kurzpassspiel der Katalanen ausgelegt.
Nicht, das wir uns falsch verstehen: Das soll keineswegs einen Abgesang auf den FC Barcelona darstellen.
Im Sommer einen Stürmertypen wie Fernando Llorente verpflichten, mehr braucht es nicht, und die leichte Unwucht ist verschwunden.
Und was die Dreierkette plus Libero betrifft: Das wird schon. Die außergewöhnlichen Torquoten von Ronaldo/Messi/van Persie/Huntelaar/Gomez deuten darauf hin, das das überall praktizierte 4-2-3-1 mittlerweile ausgeguckt ist.
Guardiola war mit seinem überhasteten Feldversuch einfach zu früh dran.
Wir werden die Wiedergeburt des Liberos noch erleben, bin ich mir sicher. Denn Weisweiler hatte immer Recht.
Euer Uwe Morawe