General van Gaal soll für frischen Wind sorgen
Amsterdam - Bei seiner Vorstellung wirkte Louis van Gaal, als wäre er in einen Jungbrunnen gefallen.
Lebhaft, frisch, dynamisch - so stellt sich ganz Oranje auch den Fußball unter dem neuen Bondscoach vor.
Doch ob ausgerechnet der 60-Jährige dem maroden niederländischen Spiel neues Leben einhauchen kann, ist mit Blick auf seine Vergangenheit zumindest fraglich.
Van Gaal soll Spielart verändern
Zweifel hatte Ralf Rangnick bereits geäußert, als der zurückgetretene Bert van Marwijk noch für die Oranje-Elf verantwortlich gewesen war.
"Allgemein spielt Holland einen sehr ähnlichen Fußball, wie ihn Louis van Gaal bei Bayern München spielen ließ", analysierte der "Fußball-Professor" nach der peinlichen 0:1-Auftaktpleite gegen Dänemark und brachte die Gründe für die niederländische EM-Misere auf den Punkt:
Kaum Positionswechsel, wenig Überraschungsmomente, zerstückeltes Spiel. Dies ändern soll nun ausgerechnet einer, der schon zu Bayern-Zeiten wegen seines statischen Positionsspiels heftig kritisiert worden war.
Motzende Stars
Fraglich ist außerdem, wie "General" van Gaal mit der Ansammlung von Stars zurecht kommt. Als Bayern-Trainer von 2009 bis 2011 wurde ihm unter anderem sein angeknackstes Verhältnis mit launischen Spielertypen wie Franck Ribery zum Verhängnis.
Ähnlich schwierige Verhältnisse erwarten van Gaal im Oranje-Team. Während der EM moserten Bundesliga-Torschützenkönig Klaas-Jan Huntelaar und Ex-HSV-Star Rafael van der Vaart über ihre Reservistenrolle.
Auch Regisseur Wesley Sneijder forderte öffentlich Veränderungen in der Start-Elf.
Überraschte Presse
Dementsprechend skeptisch reagierte die niederländische Presse auf das Comeback van Gaals. "Mit der Entscheidung für den Alt-Trainer von Ajax, FC Barcelona, AZ, Bayern München und Oranje überrascht der KNVB", schreibt "De Telegraf":
"Van Gaal ist in seiner Karriere nicht wirklich bekannt geworden als jemand, der leicht mit Stars umgehen kann."
Auch de Volkskrant wirft die Frage auf, "wie er mit den erfahrenen Spielern umgeht", da er bislang "am besten mit gehorsamen, jungen Spielern" zurechtgekommen sei.
Intimfeind Cruyff schweigt
Marco van Basten, Bondscoach von 2004 bis 2008, war "überrascht" von der Entscheidung des niederländischen Verbandes KNVB. Die Stürmerlegende hält van Gaal jedoch für "eine gute Wahl".
Dick Advocaat begrüßte die Verpflichtung. "Louis ist der beste niederländische Trainer, den wir haben, er ist also die beste Wahl", sagte der ehemalige Bundesligatrainer von Borussia Mönchengladbach.
Der ehemalige Nationalmannschaftskapitän Ruud Gullit, der selbst mit dem Posten geliebäugelt hatte ("Es wäre eine enorme Ehre für mich"), gratulierte van Gaal ebenso wie die Ex-Oranje-Spieler Frank und Ronald de Boer.
Noch nicht geäußert hat sich unterdessen Intimfeind Johan Cruyff, der Ende 2011 van Gaals Engagement als Sportdirektor bei Ajax Amsterdam gerichtlich verhindert hatte.
Verpasste WM 2002
Van Gaal, der am Freitagabend offiziell zum neuen Bondscoach ernannt wurde, wirkte nicht nur deutlich schlanker, sondern auch hochmotiviert.
"Das ist die Herausforderung, auf die ich gewartet habe", sagte van Gaal, der bereits zwischen 2000 und 2002 als Bondscoach gearbeitet hatte.
Eines ist sicher: Nach der verpassten WM-Teilnahme 2002 während seiner ersten Amtszeit wird man van Gaal ganz genau auf die Finger schauen.
Danny Blind wird Co-Trainer
Offiziell vorgestellt wird er am 10. August in Zeist. Nur fünf Tage später sitzt er beim Freundschaftsspiel in Brüssel gegen Belgien erstmals auf der Oranje-Bank.
Als Co-Trainer wird Danny Blind arbeiten. Der 50-Jährige hatte 1995 unter van Gaal die Champions League mit Ajax Amsterdam gewonnen - mit einem damals modernen System und zahlreichen jungen, hochtalentierten Spielern.
Vielleicht kann van Gaal sich nach seiner persönlichen Runderneuerung auch als Bondscoach noch einmal neu erfinden.