Die computeranimierte Generation
Sag mir, was du isst, und ich sage Dir, in welcher Zeit du kickst.
"Klaus Stürmer und ich gingen zusammen ins Kino, hörten zusammen Jazzplatten und entwickelten eine gemeinsame Leidenschaft für Bockwürste. Manchmal vertilgte jeder von uns 12 bis 14 Stück!"
Uwe Seelers Vorliebe für Nitritpökelsalz war nur zu verständlich, anfuttern war angesagt in der Nachkriegszeit.
Mit Einführung des Profitums kam bei den Herrschaften in Nockenschuhen schon anderes auf den Gaumen:
Filetsteak mit Pommes Frites und Sauce Bearnaise, das Leibgericht von Franz Beckenbauer.
Hatte noch was von Bodenständigkeit und doch schon Eleganz. 120 Minuten in der Hitze von Mexiko City mit dem Nachgeschmack von Kerbel und Estragon auf der Zunge, großartig!
Nachdem sich die Scampi-Fraktion um Stefan Effenberg bewusst abgehoben und elitär gab, schwimmt der heutige Profi voll im Mainstream der globalen Marken.
Dieselben Handys, dieselben Spielekonsolen, dieselben Tattoos, dieselbe Schein-Individualität in den sozialen Netzwerken.
Von geklonten Fußballern redet keiner mehr, das war in den 90er Jahren. Die heutige Generation kommt computeranimiert daher.
Nehmen wir den zur Zeit aufregendsten Spieler der Premier League, Eden Hazard vom FC Chelsea.
Seinen Wechsel aus Lille verkündete Hazard zunächst auf seiner offiziellen Twitter-Seite, erst dann erfolgte die Bestätigung des Klubs - das gab's vorher noch nie.
Hazards Bewegungen und Dribblings auf dem Platz sind atemberaubend und unberechenbar, aber sie wirken zuweilen, als spiele er sich selbst auf der Playstation nach.
Sinnigerweise fand Hazards entscheidender Karriereschritt in einer Fast-Food-Filiale statt.
Länderspiel Belgien gegen Türkei im Juni 20011: Das herausragende Talent Eden Hazard wartet auch nach 20 Länderspielen noch auf sein erstes Tor und enttäuscht erneut.
Auswechslung in der 60.Minute.
Hazard stampft stinkesauer in die Kabine - und noch etwas weiter. Noch während die Partie läuft, sitzt der Fußballprofi bereits beim Frust-Fressen im McDonalds und schiebt sich Billigburger rein.
In der heutigen Handy-Foto-Zeit natürlich nicht unbemerkt...

Seit 1995 ist Uwe Morawe aus der SPORT1-Fußball-Berichterstattung nicht wegzudenken.
Der internationale Fußball ist dabei sein Spezialgebiet.
Lange kommentierte er die Kultsendung "LaOla".
Auch in der 1. und 2. Bundesliga sowie im Europacup war er mittlerweile bei hunderten von Begegnungen am Mikrofon zu hören.
In dieser Saison betrachtet er wöchentlich das Geschehen im internationalen Fußball in einer Kolumne mit leichtem Augenzwinkern.
Die Affäre "Burgergate" beschäftigt daraufhin den belgischen Fußball. Der Nationaltrainer suspendiert Hazard für drei Partien. Und das Erstaunliche: er begreift!
Aus dem Jungen wird ein Mann, aus dem Talent ein Führungsspieler. Hazard verdreifacht im Verein seine Torquote, trifft auf einmal auch in der Nationalmannschaft.
Seine Aktionen dienen nicht mehr der Steigerung des Marktwerts sondern dem Mannschaftserfolg.
Und auch beim neuen Klub FC Chelsea wird Hazard auf Anhieb das Gesicht des Umbruchs und ist bislang an fast jedem Tor des Champions-League-Siegers beteiligt.
Tolle Story, toller Spieler, gibt es kaum was auszusetzen.
Doch mir fehlt in diesem Spannungsfeld von Twitter/Playstation/McDonalds ein wenig die persönliche Note. Das sympathisch Unsichere und menschlich Anrührende früherer Tage.
So wie einst bei Gerd Müller, der seine Uschi in einer Bahnhofsbäckerei mit folgenden Worten ansprach: "Willst Du mal von meinem Hörnchen probieren...?"
Euer Uwe Morawe