Fly me to the moon!
Arsene Wenger gilt als hochgebildeter und akribisch planender Fußballtrainer.
Wie nutzt solch ein Mann die durch die Länderspielpause entstehenden Mußestunden? Richtig, er informiert sich allumfassend über den nächsten Gegner.
Eingehüllt im Samtmantel begibt sich Monsieur Arsene in den schweren Ohrensessel am Kamin und blättert in der Encyclopaedia Britannica.
Norwich, Wissenswertes über Norwich.
Sieh mal einer an. Dieses auf den ersten Blick unscheinbare Gemeinwesen war bis zur industriellen Revolution die zweitgrößte Stadt des Landes hinter London.
Flämische Einwanderer brachten neben Kenntnissen in der Tuchmacherei auch Kanarienvögel als Haustiere in die Region, die von der einheimischen Bevölkerung als Glücksbringer begrüßt wurden. Jahre später erwählte der ortsansässige Fußballklub Norwich City die Canaries zu seinem Wappentier.
Mit Einsetzen der Industrialisierung verlor Norwich entscheidend an Bedeutung, denn es liegt weder an einem Fluss noch am Meer. Güter konnten nur mühsam und zeitraubend auf dem Landweg transportiert werden. Von London aus gelangte man schneller nach Amsterdam als in das nur 170 Kilometer entfernte Norwich.
Fatalerweise war an dieser mörderspannenden Stelle des Lexikoneintrags der von Madame Wenger zubereitete Tee durchgezogen. Wie das halt so geht im anregenden Ehealltag: man verplaudert sich, der wuchtige Bücherband wandert zurück ins Regal.
Das Resultat dieses beschaulichen Wengerschen Nachmittags war die unsinnigste Reiseplanung, die der moderne Fußball je gesehen hat. Der FC Arsenal mietete für das Auswärtsspiel in Norwich eine Chartermaschine!
Man ist eben schneller in Amsterdam als in Norwich, hatte der Trainer irgendwo noch im Hinterkopf.
Mit dem Reservemannschaftsbus quer durch London zum Flughafen fahren, Gepäck ein- und ausladen, sich in Norwich vom eigentlichen Mannschaftsbus abholen lassen, ab ins Stadion.
Und dazwischen war der Tross des FC Arsenal sage und schreibe 14 Minuten in der Luft!
Das sind genau 4 Minuten und 47 Sekunden länger als Felix Baumgartner für seinen Sprung aus der Stratosphäre brauchte. Hut ab, Arsene Wenger. Das nenne ich mal mit Kanonen auf Kanaries schießen.
Kein Wunder, dass die völlig irritierte Mannschaft der "Gunners" eine hochnotpeinliche Leistung ablieferte.

Seit 1995 ist Uwe Morawe aus der SPORT1-Fußball-Berichterstattung nicht wegzudenken.
Der internationale Fußball ist dabei sein Spezialgebiet.
Lange kommentierte er die Kultsendung "LaOla".
Auch in der 1. und 2. Bundesliga sowie im Europacup war er mittlerweile bei hunderten von Begegnungen am Mikrofon zu hören.
In dieser Saison betrachtet er wöchentlich das Geschehen im internationalen Fußball in einer Kolumne mit leichtem Augenzwinkern.
Norwich City kam gegen den haushohen Favoriten zu seinem ersten Saisonsieg, weil Podolski & Co. während der Partie permanent mit der Frage beschäftigt waren: ist unser Trainer jetzt komplett durchgeknallt; mietet Wenger für die Rückreise eine Raumkapsel an?
Das kriegst du nicht raus aus den Spielerköpfen. Da ist der derart vielen Eindrücken ausgelieferte Profifußballer von heute nicht in der Lage, seine Leistung abzurufen. Oder war es einfach nur der Jetlag?
Zumindest wurde allen kommenden Gegnern die Strategie offenbart, wie man Arsenal schlagen kann. Man schenke Arsene Wenger einen Bildband mit der eigenen Stadtgeschichte.
Auf geht's, Huub Stevens!
Schnell ist dem lesehungrigen Franzosen das als Begrüßungsgeschenk getarnte U-Boot überreicht: Gelsenkirchen besitzt aufgrund der vielen Fackeln, über die die Kokereien einst das überschüssige Koksofengas abbrannten, auch den Beinamen "Stadt der 1000 Feuer..."
Und schon hat der FC Schalke 04 in der Champions League gegen die erstmals in feuerfesten Raumanzügen antretenden Arsenal-Profis leichtes Spiel...
Euer Uwe Morawe