Knusper, knusper, Knäuschen
Was in Zeiten von Navigationsgeräten, Handys und GPS unmöglich erschien, hat der englische Fußball tatsächlich geschafft. Er hat sich komplett verrannt und verirrt.
Kein Wochenende ohne überhitzte Diskussionen über Schiedsrichterentscheidungen und Rassismus. Und jetzt auch noch beides zusammen!
Wo bitteschön bleibt die taditionell britische Gelassenheit? Dieser bewundernswerte angelsächsische Ansatz, ernste Themen mit einer Prise Humor zu entspannen?
Hektisch und hilflos wie Hänsel und Gretel wird durch den Wald gepflügt, dass man den Eindruck gewinnt: Abholzkommando einzige Lösung.
Anstatt über ein fantastisches Fußballspiel Chelsea gegen Manchester United zu diskutieren, redet man sich die Köpfe heiß, wer was wann zum wem gesagt haben könnte.
Und diesmal ist es kein Spieler, der in der Hitze des Gefechts eine rassistische Äußerung getätigt haben soll, sondern Schiedsrichter Mark Clattenburg. Der FC Chelsea hat offiziell Beschwerde bei der FA eingereicht.
Und damit ist das Hexenhäuschen erreicht, es beginnt das gefährliche Spiel mit dem Feuer.
Ist es wirklich vorstellbar, dass ein Unparteiischer nach all den Vorkommnissen der letzten Monate um Luis Suarez und John Terry so unfassbar dämlich sein sollte, John Obi Mikel rassistisch zu beleidigen?
Wenn ja, war es das letzte Spiel für den FIFA-Referee, logisch, da kann es keine zwei Meinungen geben.
Doch spielen wir mal den umgekehrten Fall durch.
Welche Strafe erhielte der FC Chelsea eigentlich dafür, wenn sich herausstellen sollte, dass der Verein diese weitreichende Anklage irrigerweise in die Welt gesetzt hat? Wahrscheinlich gar keine.
Etwas ähnliches hatten wir schon einmal. 2005 beschuldigte der damalige Chelsea-Trainer Jose Mourinho nach einer Niederlage gegen den FC Barcelona den Schweden Anders Frisk, dass er als Schiedsrichter den gegnerischen Trainer Frank Rijkaard in der Halbzeit empfangen habe.
Frisk sah sich gezwungen, aufgrund zahlreicher Morddrohungen seine Karriere zu beenden.
Die Anschuldigungen Mourinhos erwiesen sich als völlig haltlos. Für diesen Rufmord musste er für zwei Partien auf die Tribüne, das war's.
Und nun geht es um den weitaus schwerwiegenderen Vorwurf einer rassistisch motivierten Äußerung. Wie soll Mark Clattenburg aus dieser Nummer unbeschadet rauskommen?
Die Unschuldsvermutung scheint beim englischen Verband außer Kraft gesetzt: Clattenburg wurde suspendiert, so lange die Vorfälle nicht aufgeklärt sind. Riecht nach Vorverurteilung ohne Prüfung der Sachlage.
Dieses Wochenende ist der bisherige Höhepunkt einer besorgniserregenden Entwicklung.
Schiedsrichter werden in der Premier League mehr und mehr zum Freiwild erklärt.
Bezeichnend, dass ausgerechnet John Terry - der sich vor der Partie im Stadionheft für seine Fehler entschuldigte und von nun an respektvolles Auftreten versprach - nach Abpfiff von der Tribüne polternd in die Schiedsrichterkabine stürmte.
Und es ist kein Zufall, dass neben Chelsea auch Manchester United beteiligt war. Sir Alex Ferguson schießt seit Jahren beim Vorgehen, den eigenen Verein wie eine Glucke zu schützen, über das Ziel hinaus.
Unvergessen sein Feldzug gegen Schiedsrichter Howard Webb, der irgendwann nicht mehr für United-Spiele eingeteilt wurde.
Am Sonntag übertraf der Schotte sich in seiner subjektiven Sicht der Dinge selbst. Nach dem unberechtigten Platzverweis gegen Torres wegen Schwalbe verkündete der Sir: selbst Schuld! Ein echter Stürmer überwindet den Schmerz und läßt sich im Drang, ein Tor zu erzielen, nicht aufhalten.
Das aus unstrittiger Abseitsposition erzielte Siegtor wurde mit dem ältesten aller falschen Fußballargumente gekontert. Schließlich sei man in den letzten Jahren oft an der Stamford Bridge benachteiligt worden.
Ob das so überhaupt stimmt, sei mal dahingestellt.
Fest steht allerdings, dass es für einen Trainer eine unsägliche Einstellung ist, wie ein Gläubiger ein Kreditkonto gegenüber Schiedsrichterentscheidungen zu führen.

Seit 1995 ist Uwe Morawe aus der SPORT1-Fußball-Berichterstattung nicht wegzudenken.
Der internationale Fußball ist dabei sein Spezialgebiet.
Lange kommentierte er die Kultsendung "LaOla".
Auch in der 1. und 2. Bundesliga sowie im Europacup war er mittlerweile bei hunderten von Begegnungen am Mikrofon zu hören.
In dieser Saison betrachtet er wöchentlich das Geschehen im internationalen Fußball in einer Kolumne mit leichtem Augenzwinkern.
Ferguson lebt die felsenfeste, aber falsche Überzeugung: gegen diesen Gegner wurden wir beim letzten Mal über den Tisch gezogen - jetzt haben wir alles Anrecht der Welt, nach Strich und Faden bevorzugt zu werden.
Einst definierten die Engländer die Regeln des Fair Play.
Heutzutage finden wir fast keine unterlegenen Spieler und Trainer mehr, die eine Niederlage ohne Kommentar über angebliche Fehlentscheidungen hinnehmen.
Das liegt auch daran, dass das Schiedsrichterwesen in der Premier League keine geschlossene Gruppierung und Interessenvertretung mehr ist - so wie in Deutschland unter dem Dach des DFB.
Auf der Insel sind die Unparteiischen als Profis in erster Linie Alleinunternehmer. Und wie man sieht: wenn es dumm kommt, als Einzelner dem Druck der großen Vereine schutzlos ausgeliefert.
Das von Sepp Blatter immer wieder geforderte Profitum für Schiedsrichter hat spätestens an diesem Wochenende seine Schwachstelle im System offenbart.
Darüber gilt es nachzudenken - unabhängig davon, wie sich der Einzelfall Clattenburg weiterentwickelt.
Euer Uwe Morawe