Uwe Morawe macht sich in seiner Kolumne Gedanken über Mario Balotelli und fragt sich, warum Milans Neuer immer so böse sein will.

Das lateinische Wort Furor bedeutet Wut. Die Steigerung von Zorn, weil Aggressionen zusätzlich eng mit dem Ich verknüpft sind. Wut ist negativ behaftet.

Interessanterweise ist die demselben Wortstamm entlehnte Redewendung Furore machen etwas Positives. Aufsehen erregen und Beifall erringen.

Und mittendrin in diesen beiden Gefühlswelten des Furors: Mario Balotelli.

Warum nur ist der junge Mann so wütend? Brad Pritt in "Sieben" die wahre Selbstbeherrschung dagegen.

Man hätte den Vereinswechsel von Manchester City zu Milan ja auch ganz nüchtern durchziehen können. Der abgebende Verein kommt aufgrund einiger Vorfälle in der Vergangenheit dem Interessenten bei den Ablösemodalitäten entgegen.

Der neue Arbeitgeber erhält einen Spieler mit Perspektive. Und der Fußballer selbst geht beim Neuaufbau eines Weltklubs positiv motiviert voran.

Funktioniert nicht bei Mario Balotelli.

[image id="7140665b-63e3-11e5-acef-f80f41fc6a62" class="half_size"]

Da muss wütend nachgetreten werden. England sei ein einziger Graus, schlechtes Wetter, noch schlechteres Essen und unfreundliche Menschen bis zum Abwinken. Sagt Balotelli.

Na, na, na. Was ist denn mit dem zuvorkommenden Taxifahrer, der in seinem Bentley von Manchester nach London vorangefahren ist, damit Balotelli sich nicht verirrt? Wenn er schon zu dämlich ist, sein Navigationsgerät zu bedienen.

Dass Balotelli keinen Zugang zum sympathischen Wesen des Engländers gefunden hat, kein Vorwurf.

Aber warum dann dieser Torjubel beim Debüt für Milan gegen Udinese? Statt positiver Körpersprache verschränkte Balotelli nach dem 1:0 wie ein Kind in der Trotzphase die Arme und ließ keinen der neuen Mannschaftskameraden an sich heran.

Alleine und grimmig jubeln, das hat er nach Treffern schon immer gemacht. Suchen Sie mal einen Balotelli-Jubel mit kindlicher Freude und gelösten Gesichtszügen...

Wo kommt sie her, diese unerklärliche tiefe Wut?

Und warum ist Balotelli mit dieser Grundmotivation Stürmer geworden und nicht wie alle anderen dieses Schlages ein fies tretender Innenverteidiger?

Hobbypsychologen werden kommen und uns erklären: Zerrissenheit in der Jugend.

Um sein eigenes Kind mit Ex-Freundin Raffaela Fico kümmert sich Balotelli übrigens nicht die Bohne. Er soll es noch nicht einmal gesehen haben. Da drängt sich der Eindruck auf, eigene Kindheitserfahrungen werden nochmal durchlebt.

Sein Trainer Roberto Mancini hat immer wieder betont, er wolle Balotelli ein Vater sein, weil er an ihn glaube. Das meinte er über den Fußball hinaus. Doch was brauchte Balotelli einen weiteren Vater, davon hat er doch schon zwei...

Und so wurde Mancini von Balotelli verstoßen - und nicht etwa umgekehrt, wie es vordergründig erscheinen könnte.

Bisher ging dieser junge Mann voller Wut seinen eigenen Weg.

Doch nur wenn Balotelli sich anderen öffnet und seine Aggressionen in positive Energie umwandelt, kann er über den Status des Ausnahmetalents hinauskommen. Dieser Fußballer ist ein riesengroßes Versprechen - hat es allerdings nur ansatzweise eingelöst und noch nie mehr als 13 Saisontore erzielt.

Am Wochenende beim zweiten Treffer für Milan gab es zumindest einen Hoffnungsschimmer.

Nach dem entscheidenden Elfmeter in der Nachspielzeit verschränkte Balotelli nicht wie gewohnt seine Arme, nein, er öffnete sie weit. Nanu, anschließend sogar ein minimaler Anflug eines Lächelns und eine ganz kurze Umarmung mit Sturmpartner Stephan El Shaarawy.

Vielleicht schafft es Balotelli endlich, sich im neuen Umfeld von seiner Wut zu befreien und nachhaltig für Furore zu sorgen.

Euer Uwe Morawe

teilentwitternteilenE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel