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Unter Jürgen Klinsmann kassierte die DFB-Elf im Frühjahr 2006 eine bittere Testspiel-Niederlage. Wenige Monate vor der Heim-WM war Italien den Deutschen beim 1:4 in allen Belangen überlegen, die Fußballnation war beunruhigt. Doch mit dem Sommermärchen wurde schließlich alles noch gut...
Seit Juli 2011 Trainer der US-Nationalmannschaft: Jürgen Klinsmann © getty

US-Trainer Jürgen Klinsmann steht vor den WM-Qualifikationsspielen unter Beschuss. Anonyme Heckenschützen sägen an seinem Stuhl.

Von Tom Vaagt und Martina Farmbauer

München/Denver - Die Überschriften klingen bekannt.

"Chaos im Camp Klinsmann", titelte die Homepage des US-Senders "NBC". "Kritik an Klinsmann spaltet die Mannschaft", schrieb die USA Today. Und sogar das "Forbes"-Magazin meldete sich zu Wort: "Zwei Niederlagen in den nächsten beiden Spielen könnten schon das Ende der seltsamen Ära Klinsmann bedeuten."

Kurzum: Der Druck auf US-Nationaltrainer Jürgen Klinsmann könnte vor den möglicherweise bereits vorentscheidenden WM-Qualifikationsspielen in der Nacht zum Samstag gegen Costa Rica und vier Tage später in Mexiko kaum größer sein.

Neben der sportlich angespannten Lage macht dem früheren DFB-Teamchef auch ein Deja-vu zu schaffen: Die an seinen Methoden geäußerte Kritik gleicht den Attacken zum Ende seiner Zeit beim FC Bayern frappierend.

Klinsmann im "Friendly Fire"

Die jüngste Welle der Unruhe hatte sich nach einem Bericht des Magazins "Sporting News" über Klinsmann ergossen. Insgesamt 22 Spieler und Betreuer waren vom Autor zu Klinsmann und dessen Arbeitsweise befragt worden. Die Kronzeugen blieben anonym, ihr Urteil hätte deutlicher nicht sein können.

Klinsmann habe keine Ahnung von Taktik oder könne seine Vorstellungen nicht so recht vermitteln. Die Inhalte seiner Trainingsinhalte ließen sich nur schwierig auf die Spiele übertragen. Und vor allem: Die zunehmenden Berufungen von in Deutschland geborenen Spielern bringe die gewachsene Hierachie durcheinander.

"Friendly Fire", war der Artikel übertitelt. Beschuss aus den eigenen Reihen also. Doch in manchen Passagen wirkten die Aussagen eher wie ein verbaler Bombenhagel.

Coach bleibt gelassen

Klinsmann selbst reagierte gelassen. Das Team sei im Umbruch, da komme so etwas schon einmal vor. Er werde sich nicht von seiner Linie abbringen lassen.

Doch bei der Lektüre dürfte auch dem chronisch gut gelaunten Schwaben so manches Lachen vergangenen sein. Zumal ihn auch seine Vergangenheit einholte.

Als der Journalist der "Sporting News" von einem seiner Protagonisten wissen wollte, welche taktischen Probleme unter Klinsmann und Co-Trainer Martin Vasquez herrschen, lautete die lapidare Antwort: "Haben Sie das Buch von Philipp Lahm gelesen?"

Kritik auch von Hoeneß

Der DFB-Kapitän hatte in seiner Autobiografie "Der feine Unterschied" Klinsmanns taktische Mängel angeprangert.

Auch Vasquez, bereits beim FCB am Klinsmanns Seite, bekam von den anonymen Heckenschützen sein Fett weg. Er sei "ein netter Kerl, aber überfordert", hieß es. Da passt es ins Bild, dass zuletzt auch noch Uli Hoeneß das Feuer eröffnete.

"Wir hatten viele gute Trainer: Udo Lattek, Ottmar Hitzfeld, Jupp Heynckes. Louis van Gaal war ein sehr guter Trainer, Klinsmann ein sehr schlechter. Es fiel nicht so leicht, den Klub nach Klinsmann in die Spur zu bringen", sagte der Bayern-Präsident im "kicker" und schickte einen Gruß in die USA.

USA verlieren Geduld

Dort verliert man angesichts des verpatzten Auftakts in die Endrunde der WM-Qualifikation zunehmend die Geduld. 1:2 in Honduras hieß es zum Start im vergangenen Monat. Klinsmann hatte bei dem Duell mit dem Außenseiter Geoff Cameron und Omar Gonzalez ins Abwehrzentrum gestellt. Ein Duo, das noch nie zusammengespielt hatte.

Dafür war Kapitän Carlos Bocanegra aus der ersten Elf geflogen. Für die anstehenden Partien wurde der Routinier von Klinsmann nun überhaupt nicht mehr berücksichtigt.

Mit Ausnahme des Schalkers Jermaine Jones fehlen dieses Mal auch die Bundesliga-Legionäre im US-Aufgebot - allerdings verletzungsbedingt.

"Beschämend und Peinlich"

Doch bei aller Kritik, bei allen Sorgen und Nöten hat Klinsmann auch noch Fürsprecher.

"Ich habe ihn gesehen", sagte Mittelfeldspieler Michael Bradley auf die Frage, ob er den "Sporting News"-Artikel gelesen habe: "Ich denke, er ist beschämend und peinlich."

Dann legte der frühere Gladbacher Bundesligaprofi nach: "Wenn man in einer Mannschaft spielt, muss man immer alles geben. Dazu gehört auch: Man muss die Eier haben, um den Leuten die Dinge ins Gesicht zu sagen."

"Must-Win-Situation"

Vor den Qualifikationsspielen gibt es im amerikanischen Quartier also noch einiges zu bereden.

Das Team scheint gespalten. Klinsmanns Motivationsmethoden, die im vergangenen Jahr noch die ersten US-Siege in Mexiko und Italien überhaupt einbrachten, zeigen nun auch jenseits des Atlantiks erste Abnutzungserscheinungen.

Klinsmann versucht es dennoch unbeirrt weiter. Man stehe vor einer "Must-Win-Situation", ließ er die US-Medien wissen. Dies gilt für seine Mannschaft - vor allem aber für ihn selbst.

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