Für Morawe ist das Charisma von Buffon wie in Stein gemeißelt. Er sieht gar Parallelen zu einem Meisterwerk. Die Bayern warnt er.

Hallo Fußball-Freunde,

40 Jahre lang hatte der riesige Stein nutzlos mitten in Florenz herumgestanden. Fast sechs Meter hoch, ein Trumm von einem Marmorblock.

Der exzentrische Bildhauer Agostino di Duccio hatte sich mal wieder völlig überschätzt. Unsummen der Medicis waren ausgegeben worden, um den Felsen aus Carrara in die Stadt zu bringen. Für nichts.

Der überforderte Künstler meißelte ein paar Macken in den Quader und gab auf. Dieser Marmorstein war schlichtweg nicht zu modellieren, zu hart, zu groß.

[image id="5e05e944-63dd-11e5-acef-f80f41fc6a62" class="half_size"]

Dieses Material weigerte sich, von einem Jedermann bearbeitet zu werden und wartete vier Jahrzehnte in der toskanischen Sonne auf seinen Meister. Im Jahr 1502 kam Michelangelo nach Florenz, sah das weißglänzende Ungetüm und schuf die berühmteste Skulptur der Kunstgeschichte - den David.

Diese Statue stellte eine Sensation dar. Nicht nur von der Dimension her, es war vor allem der bis dahin nicht gesehene Ausdruck der gelassenen Gespanntheit.

Der Moment der inneren Ruhe vor dem entscheidenden Wurf auf den Riesen Goliath. Die Schleuder lässig auf der Schulter, die immense Anspannung ausschließlich an den überdeutlich hervortretenden Adern der rechten Hand zu erkennen, die den Wurfstein umklammert.

Dazu die Erhabenheit des Werkstoffs. Der David von Michelangelo machte auch den Marmor aus Carrara weltberühmt.

Gianluigi Buffon stammt aus Carrara. Buffon kennt seit Kindestagen die Geschichte des berühmtesten Steins aus seiner Heimat. Und mittlerweile besitzt er als Torhüter genau eben diese Aura wie Michelangelos Meisterwerk. Jeder Weltklassekeeper hat ja sein ganz spezielles Charisma.

Lew Jaschin war der menschgewordene russische Bär zwischen den Pfosten. Sepp Maier hatte die unnachahmliche Lockerheit irgendwo zwischen Schuhplattler und Goofy. Dino Zoff war der Verkehrspolizist, der dem neapolitanischen Treiben zumindest ein klein wenig Struktur gab.

Edwin van der Sar saß im Fünfmeterraum auf dem Deich und trank friesischen Tee. Und Oliver Kahn selbstredend der keulenschwingende Hermann der Cherusker. Weiter, immer weiter, muss das Spiel allein entscheiden.

Buffon dagegen: erhabene Marmorstatue. Kommt ja nicht von ungefähr. Seine Mutter war italienische Meisterin im Diskuswurf, sein Vater Gewichtheber. Zwei Sportarten aus der Antike.

Bemerkenswert, mit welch Souveränität Buffon auf die Kritik von Franz Beckenbauer reagierte, er habe bei den beiden Toren in München wie ein Rentner ausgesehen. Jeder andere hätte angemerkt, erstes Tor abgefälscht, zweites Tor Abseits - wer von uns ist denn nun der Rentner, Beckenbauer oder ich?

Nichts da. Gigi Buffon gab dem Kaiser in allen Punkten recht und entschuldigte sich beim Team für seine außergewöhnlich schwache Leistung. Doch das war mitnichten ein schwachbrüstiges Klein-Beigeben.

Buffon erstickte damit bewusst jegliches ablenkendes Nebengeräusch. Volle Konzentration aufs Rückspiel. Buffon weiß im Gegensatz zu Kahn, dass er diese Partie nicht allein gewinnen kann. Doch Juve kann nur gewinnen, wenn Buffon zu Null bleibt. Die Bayern sollten sich nicht täuschen lassen.

Gianluigi Buffon wird wie immer ganz entspannt zur Musik der Champions League auflaufen. Sein Frottee-Handtuch wie Davids Steinschleuder lässig über die linke Schulter geworfen. Nur die hervortretenden Adern unterm rechten Torwarthandschuh, die sieht man nicht...

Euer Uwe Morawe

teilentwitternE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel