Uwe Morawe leidet mit den Fans von Newcastle United. Klubchef und Manager der Magpies kennen sich aus - nur nicht im Fußball.

Hallo Fußball-Freunde,

es war der 9. September 1925. Wie jeder der 60.000 Zuschauer im St.James' Park empfand auch George Harrison diesen Nachmittag als absoluten Tiefpunkt. 1:7 gegen die Blackburn Rovers. Gegen Blackburn!

Harrison, Jahrgang 1899, hatte als kleiner Junge die großen Erfolge von Newcastle United miterlebt. Drei Meisterschaften in fünf Jahren von 1905 bis 1909. Dann über 15 Jahre nichts. Und jetzt das Debakel gegen Blackburn. Wie lange sollte er denn noch warten auf die nächste Meisterschaft?

Das Wunder geschah und hatte einen Namen: Hughie Gallagher!

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Die Magpies verpflichteten den kleinen schottischen Stürmer, der den kleinen Airdrieonians FC zum Pokalsieg geschossen hatte, und es fluppte. In der Folgesaison 1926/27 gewann Newcastle unter den Augen von George Harrison 19 der 21 Heimspiele, die Meisterschaft und Gallagher die Torjägerkanone.

Könige Englands! Keiner würde nunmehr die Vormachtstellung von Newcastle United mehr brechen können. Nun, es kam anders...

Im Jahre 2002 wartete George Harrison immer noch. Diesmal seit 75 Jahren.

Mittlerweile 102 Lenze, aber widerstandsfähig wie ein nordenglisches Moorhuhn, wurde das älteste noch lebende Vereinsmitglied vom Club eingeladen. Treffen mit Manschaftskapitän Alan Shearer. Die Partie gegen Arsenal stand an, bei einem Sieg wäre für Newcastle die erste Meisterschaft seit 1927 noch möglich gewesen.

Was als kurzer Fototermin mit einem noch lebenden Zeitzeugen geplant war, wurde eine halbstündige Plauderstunde. Der rüstige Rentner Harrison unterrichtete Alan Shearer von neun Jahrzehnten Fußball, die er mitverfolgt hatte.

Shearer war selten so gerührt, wie bei den Worten des über Hundertjährigen: "Ich bewundere Sie, Mister Shearer. Sie sind der zweitgrößte Spieler, der jemals unser schwarz-weißes Trikot trug. Aber Hughie Gallagher war noch ein Stückchen besser als Sie..."

Gegen Arsenal saß George Hamilton als Ehrengast in der Präsidentenloge. Er ahnte wohl, was kommen würde. Dennis Bergkamp schoss für die Gäste sein schönstes von vielen schönen Toren, Newcastle verlor mit 0:2.

Wie schon in den 90ern unter Kevin Keegan, als die Magpies den attraktivsten Fußball Englands spielten, hatte es nicht gereicht. Seit diesem Abend im Jahr 2002 hat Newcastle nie wieder ein ernstes Wort um die Meisterschaft mitgesprochen.

Monate später ging in Schottland der Airdrieonians FC bankrott. Hughie Gallagher war da schon lange tot. Nach dem Karriereende konnte es der Stürmer nicht verkraften, nicht mehr im Mittelpunkt zu stehen und warf sich vor einen Zug.

Auch das Herz von George Harrison war nun des Wartens überdrüssig und hörte auf zu schlagen.

Der Rest des Anhangs pilgert weiterhin in den St. James Park.

Was heißt hier Rest? Selbst in der Zweitligasaison 2009/10 wies Newcastle United den drittgrößten Zuschauerschnitt in England auf. Dieses phantastische Publikum hat Besseres verdient.

Als Präsident wirkt heutzutage Mike Ashley. Ein Selfmade-Milliadär, der noch nie im Leben ein Interview gegeben hat und abgeschottet von der Öffentlichkeit lebt. Manager Derek Llambias war zuvor Geschäftsführer des teuersten Privatclubs von Londons, kennt Größen aus Wirtschaft, Adel und Politik - im Fußball dagegen hat er keinerlei Erfahrung.

Stellen Sie sich vor, Karl Albrecht von Aldi würde zusammen mit Karl Lagerfeld den FC Schalke leiten. So ungefähr ist es in Newcastle.

So kann es nicht verwundern, dass man vom Abstieg bedroht ist. Die 65 Millionen Euro aus den Verkäufen von Andy Carroll und Demba Ba wurden unsinnig reinvestiert. Mittlerweile tummeln sich zehn Franzosen im Kader, das Verständnis mit den britischen Spielern ist auf und außerhalb des Platzes offenkundig mangelhaft.

Trainer Alan Pardew wurde mit einem hanebüchenem Acht-Jahresvertrag ausgestattet, kann aber zum Beispiel überhaupt kein Französisch, um seine Legionäre zu integrieren.

Nach der demütigenden Derby-Niederlage gegen Sunderland setzte es am Wochenende ein 0:6 gegen Liverpool. Die höchste Heimniederlage seit über 87 Jahren, seit dem 1:7 gegen Blackburn.

Der absolute Tiefpunkt. Und weit und breit kein Hughie Gallagher in Sicht...

Euer Uwe Morawe

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