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Carlo Ancelotti (l.) gewann 2003 und 2007 mit Milan die Champions League © getty

Milan steckt nach dem Aus im UEFA-Cup und mäßigen Leistungen in der Serie A in tiefer Depression. Zudem muss der Klub kräftig sparen.

Von Mathias Frohnapfel

München/Mailand - Bei anderen Klubs würden sie jetzt Trainingsschicht an Trainingsschicht reihen. Sich den Kopf zerbrechen über die Startformation und Fehler der Vergangenheit. Doch der AC Mailand ist im Moment der tiefen sportlichen Krise am Mittwoch nach Katar geflogen.

Zugegeben: Das Freundschaftsspiel gegen den Al Sadd Sports Clubs war schon länger angesetzt.

Dennoch verrät es viel über die Denkweise der Mailänder, die 2007 in Athen noch die Champions-League-Trophäe spazierentrugen wie eine ihnen selbstverständliche zustehende Auszeichnung.ad

Platz drei ist jetzt das Nonplusultra

Das Aus im UEFA-Cup gegen Werder Bremen sei ein - nun ja - bedauerlicher Betriebsunfall gewesen, beeilen sich die Verantwortlichen um Trainer Carlo Ancelotti zu versichern. Bald werde es sicher wieder bergauf gehen.

Dabei gilt mittlerweile der dritte Platz in der Serie A als das Maximalziel der "Rossoneri" (zur Tabelle). Und nach der jüngsten 1:2-Niederlage bei Sampdoria Genua klangen die Durchhalteparolen noch schaler als zuvor.

"Das ist keine Tragödie", meinte Klub-Mäzen Silvio Berlusconi.

"Heikler Moment"

Carlo Ancelotti sagte: "Das ist ein heikler Moment, aber wir haben eine intakte Mannschaft. In ein paar Wochen, wenn einige der Verletzten ins Team zurückgekehrt sind, werden wir eines anderes Team sein."

Ebenso wie Vizepräsident Adriano Galliani klammert sich auch Berlusconi an die Hoffnung, dass die Verletzten-Misere hauptverantwortlich ist für den Niedergang des ruhmreichen AC. "Wir haben eine komplette Mannschaft auf Krankenstation und wenn Stars wie Kaka nicht spielen können, wird es schwierig."

In der Tat fallen derzeit neben Mittelfeldregisseur Kaka auch Ronaldinho, Alessandro Nesta und Marco Borriello aus, jedoch besonders schwer wiegt das Fehlen von Gennaro Gattuso.

Gattusos Fehlen tut besonders weh

Der Mittelfeldrackerer (Kreuzbandriss) hätte sicher nicht tatenlos zugesehen, wie Milan gegen Werder noch eine 2:0-Führung aus der Hand gegeben hat.

Stattdessen hätte er seine Mitspieler derart angeschnauzt, dass die nur so gerannt wären.

Zu abwartend, zu zögerlich agierten die Milan-Profis auch gegen Sampdoria.

Ancelotti in der Kritik

Und die Krise lässt den Job von Carlo Ancelotti wacklig erscheinen - allen Treuebekundungen des Vereinsbosse zum Trotz.

Zwar findet die Transferpolitik ohne großen Einfluss des Trainers statt. Dennoch muss er für Stars wie Kaka, Ronaldinho, Pato und Co. ein geeignetes System finden.

Seit 2001 hat der ehemalige Nationalspieler das Sagen und steht für eine unheimlich erfolgreiche Ära mit zwei gewonnenen CL-Pokalen.

Aktuell beobachten allerdings nicht nur die Fans jede seiner Entscheidungen mit großer Skepsis.

Auswechslungen werden gerne mit langanhaltenden Pfiffen bedacht wie im Spiel gegen Cagliari, als Ancelotti kurz vor Schluss den einzigen Stürmer Filippo Inzaghi durch den Mittelfeldmann Massimo Ambrosini ersetzte.

Umbruch ist nicht geglückt

Unbestritten ist: Milan (zum Kader) hat den Umbruch immer noch nicht geschafft. Nachdem die "Rossoneri" 2008 zum ersten Mal seit Jahren einen Champions-League-Platz verfehlt hatten, war der lautsprecherisch angekündigt worden.

Hinzu kommen finanzielle Sorgen: Als Reaktion auf die internationale Wirtschaftskrise wird Milan offenbar die Spielergehälter um 30 Prozent kürzen.

Milan muss jetzt sparen

Den Beschluss habe Klubbesitzer Silvio Berlusconi wegen der zunehmenden Verschuldung des Vereins gefasst, berichtete die "Gazzetta dello Sport" am Mittwoch.

Deshalb hat Milan wohl auch die Verhandlungen um den Dänen Daniel Agger vom FC Liverpool eingefroren, da die verlangten acht Millionen Euro als zu hoch angesehen werden.

Milan lässt sich seine Profis jährlich 120 Millionen Euro kosten und belegt damit Platz eins im Ranking der Serie-A-Klubs. Mit den Einsparungen sollen die Kosten auf 85 Millionen Euro gesenkt werden.

Wird Dida verkauft?

Um die Kosten einzudämmen, will der Klub auch die Zahl der Spieler reduzieren. Mindestens drei Profis sollen verkauft werden. Auf der Verkaufsliste steht unter anderem der brasilianische Torhüter Dida.

Im Sommer 2008 wurde - statt die Mannschaft mit hungrigen, aufstrebenden Spielern zu verstärken - ein Altstar wie Andrej Schewtschenko (vom FC Chelsea ausgeliehen) und ein teurer (Ex-)Champion wie Ronaldinho geholt.

Zirka 20 Millionen Euro zahlte Milan für den Brasilianer an den FC Barcelona. Ob sich die Ausgabe gelohnt hat, darüber lässt sich trotz einiger guter Partien sehr wohl streiten.

Der Mittelfeld-Könner Matthieu Flamini, der im Frühjahr 2008 auch vom FC Bayern umworben wurde, spielt hingegen viel zu selten.

Hackordnung weiter unverändert

Die Hackordnung im Team bestimmen derweil weiter die Leitwölfe um Paolo Maldini, Andrea Pirlo und Clarence Seedorf.

Und nun sind die Mailänder erstmal in Katar unterwegs.

Dort gewann Milan immerhin den Freundschaftskick in Katar mit 2:1 (Tore: Pato, Luca Antonini). Auch die Antrittsgage - die Rede ist von einer Millionen Euro - dürfte den "Rossoneri" den Kurztrip versüßt haben.

Doch schon bei der nächsten Bewährungsprobe am Sonntag gegen den Tabellenneunten Atalanta Bergamo könnte sich die Krise noch einmal verschärfen.

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