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Der Etat für die WM 2022 wird drastisch gekürzt
Katar bekam den Zuschlag für die Weltmeisterschaft 2022 im Dezember 2010 © getty

Der Bauboom in Katar führt angeblich zu katastrophalen unter Gastarbeitern. 44 Menschen sollen gestorben sein.

München - Sommer oder Winter, das war bisher die leidenschaftlichste Diskussion über die WM 2022 in Katar.

Nun aber kommen weit schwerere Vorwürfe ans Licht als Korruption, und die Frage, ob Profis oder Zuschauern Fußball bei 50 Grad Celsius zuzumuten ist, erscheint geradezu lächerlich.

Es geht um Leben und Tod, moderne Sklaverei und die offenbar katastrophale Lage Hunderttausender Gastarbeiter im Emirat am Persischen Golf.

Laut einer Recherche der englischen Tageszeitung "Guardian" führt der gewaltige Bauboom in Katar vor der Austragung der Endrunde zu Ausbeutung, Hunger und Tod.

Innerhalb von zwei Monaten sollen 44 nepalesische Arbeiter gestorben sein - die Hälfte davon an Herzversagen aufgrund von unmenschlichen Bedingungen oder bei Arbeitsunfällen.

Bei einem "großen Bauprojekt" für die WM soll gar Zwangsarbeit im Spiel sein. Die Zeitung bezieht sich auf Dokumente der nepalesischen Botschaft.

600 Todesfälle pro Jahr?

Der Internationale Gewerkschaftsbund IGB hat laut "Guardian" über zwei Jahre den Tod von Gastarbeitern untersucht, die auf dem Weg zur WM in Stärke von bis zu 2,2 Millionen Menschen erwartet werden, vor allem aus Nepal, Sri Lanka und Indien.

"Wir glauben, dass sich die Lage in Katar wegen der WM verschlimmern wird. Wir rechnen bis zur WM mit 4000 Toten", sagte Makbule Sahan vom IGB im Gespräch mit SPORT1.fm: "Die WM sollte woanders durchgeführt werden, falls es keine Veränderungen gibt. Die WM darf nicht auf Kosten von Menschenleben in Katar durchgeführt werden."

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Zu erwarten sind nach Angaben des "Guardian"-Berichts schlimmstenfalls sogar 600 Todesfälle pro Jahr, falls die Regierung nicht umgehend handle.

Der IGB verweist zudem auf harte, gefährliche Bedingungen und slumähnliche Unterkünfte. Krankheiten und Hunger seien an der Tagesordnung.

"Behörden tun nichts"

"Die katarischen Behörden tun in dieser Sache nichts, was Substanz hat", wird die IGB-Generalsekretärin Sharan Burrow (Australien) zitiert.

Die Zahlen zeigten, dass "mindestens ein Gastarbeiter pro Tag in Katar stirbt. Beim Ausbleiben von echten Maßnahmen wird der Anstieg der ausländischen Kräfte um 50 Prozent mit einem Anstieg der Todesfälle einhergehen".

Laut IGB befinden sich derzeit 1,2 Millionen ausländische Arbeiter in Katar, eine weitere Million wird das Emirat wohl benötigen, um die WM termingerecht auf die Beine zu stellen.

FIFA unter Zugzwang

Die IGB appellierte an die FIFA, eine Botschaft auszusenden, dass "sie nicht erlaubt, die WM auf dem Rücken eines Systems moderner Sklaverei aufzubauen. Das ist derzeit die Realität Hunderttausender Gastarbeiter".

Die FIFA teilte am Donnerstag zunächst via Twitter mit, sie sei "sehr besorgt" über Berichte bezüglich Arbeitsbedingungen in Lusail City.

Auf dem Areal nördlich von Doha sollen eine am Reißbrett entworfene Stadt und das größte WM-Stadion entstehen. Der Weltverband will das Thema auf die Agenda für seine Exekutivkomitee-Sitzung in Zürich Anfang Oktober setzen.

Gesundheit und Sicherheit "von größter Wichtigkeit"

Das Organisationskomitee der WM reagierte "entsetzt" auf den Vorwürfe.

"Wie jeder, der die Bilder und Videos sieht und den entsprechenden Artikel liest, sind wir entsetzt über den Befund des Guardian-Berichts. Es gibt keine Entschuldigung dafür, dass Arbeiter in Katar oder sonstwo so behandelt werden", teilte das WM-OK mit.

"Die Gesundheit, Sicherheit und das Wohlbefinden eines jeden Arbeiters in der Vorbereitung auf die WM 2022 ist für das OK von größter Wichtigkeit. Das Turnier soll dabei helfen, eine Verbesserung des Lebens der Arbeiter in Katar herbeizuführen", hieß es weiter.

Kein Wasser, kein Geld

Bereits im März hatte IGB-Chefin Burrow der "Bild" gesagt, Katar sei ein "Sklavenhändler-Staat. Um die Infrastruktur zu bauen, werden wahrscheinlich mehr Arbeiter sterben als die 736 Fußballer, die bei der WM auf dem Rasen stehen".

Der "Guardian" hat recherchiert, dass zwischen 4. Juni und 8. August 44 nepalesische Arbeiter gestorben sind.

Zudem sollen viele Arbeitgeber Löhne zurückhalten, Pässe einziehen und den Arbeitern Gratis-Wasser verweigern.

"Die Arbeiter haben keine Möglichkeit, der unmenschlichen Behandlung zu entgehen", sagte Sahan zu SPORT1.fm.

Die indische Botschaft berichtet von 82 toten Landsleuten von Januar bis Mai dieses Jahres, 1480 Menschen hätten sich in der Botschaft beschwert. Von 2010 bis 2012 sollen mehr als 700 indische Arbeiter ums Leben gekommen sein.

Nepal beruft Botschafterin ab

Der Skandal schlägt auch politisch Wellen, allerdings anders als erwartet.

Die nepalesische Botschafterin Maya Kumari Sharma wurde abberufen - nicht, um gegenüber Katar ein Zeichen zu setzen, sondern, weil sie Katar offen kritisiert hatte.

Sie hatte schon vor Monaten gesagt, Nepalesen seien im Katar im "offenen Vollzug". Damit sei sie nicht mehr tragbar, befand das Informationsministerium.

Aidan McQuade, Vorsitzender der Menschenrechtsorganisation Anti-Slavery International, sagte der französischen Nachrichtenagentur "AFP", es gebe Beweise für Zwangsarbeitsverhältnisse. "Das ist ein offenes Geheimnis, und Katar trifft keine abgestimmten Maßnahmen, dies zu stoppen", sagte er.

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