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Bülent Uygun wurde 1993/94 als Spieler von Fenerbahce Torschützenkönig © getty

Der Türkei steht Historisches bevor: Mit Sivasspor könnte ein Meister erstmals nicht aus Istanbul oder Trabzon kommen.

Von Demir Malik

München - Mecnun Otyakmaz hat Sorgen. Einer seiner wenigen nachdenklichen Augenblicke in den letzten Monaten. ?Wenn wir in der Champions League spielen sollten, gibt es in der Stadt kein Fünf-Sterne-Hotel für die Gäste. Das ist nicht gut.? Doch soweit zu den Sorgen des 44-Jährigen.

Für Otyakmaz ist es ein Segen, dass er sich über die Rahmenbedingungen eines Champions-League-Spiels Gedanken machen darf. Er ist Präsident des türkischen Emporkömmlings Sivasspor. Der Herbstmeister der Saison 2007/08. Der Herbstmeister der aktuellen Saison.

Spitzenreiter in der Süperlig

Doch während in der vergangenen Saison die Meisterschaft kurz vor dem Ende der türkischen Turkcell Süperlig verpasst wurde, sieht es für seine Mannschaft in der laufenden Spielzeit gut aus: Sechs Spieltage vor dem Ende Platz eins vor Besiktas, Trabzonspor, Galatasaray und Fenerbahce.

Das Quartett, das die Titelvergabe in der türkischen Fußball-Historie immer allein unter sich ausmachte, hat ernsthafte Konkurrenz bekommen. Doch während andere Überraschungsklubs - wie etwa 1899 Hoffenheim in Deutschland - größtenteils mithilfe von großen Investitionen auf sich aufmerksam machen konnten, ist es bei Sivasspor eine schier unglaubliche Geschichte.

Sivas-Trainer ? ein neuer Fatih Terim?

Denn der Verein verfügt über einen der niedrigsten Etats in der türkischen Liga. Stars hat die Mannschaft nicht, die Transferausgaben in den vergangenen zwei Jahren belaufen sich auf zirka 700.000 Euro und Geldgeber gibt es auch keine.

Das Erfolgsgeheimnis des Klubs ist wohl der große Zusammenhalt. Der erst 44 Jahre Präsident Otyakmaz und sein erst 37 Jahre alter Trainer Bülent Uygun haben den die Mannschaft gemeinsam zu einem Titelaspiranten geformt.

Wenn man einen Star bei Sivas nennen will, ist es Uygun. Der frühere Stürmer von Fenerbahce war zunächst dreieinhalb Jahre lang Manager der Durchstarter. Seit 2006 fungiert er nun als Trainer.

Uygun wird schon mit Nationaltrainer Fatih Terim verglichen. Gemeinsam ist ihnen in jedem Fall die extrovertierte Art. Uygun nimmt selten einen Blatt vor dem Mund, ist - wie Terim -äußerst selbstbewusst.

Keine Sauftouren

Noch eine Ähnlichkeit mit dem "Imperator": Der Respekt der Spieler ist ihm sicher. "Wir sind seine Soldaten", sagt Sivas-Kapitän Mehmet Yildiz. Der Angreifer, der auch als Ringer eine gute Figur abgeben würde, lächelt nicht, während er das sagt.

Uygun hat seine Spieler unter Kontrolle: "Wenn jemand nachts irgendwo auf Sauftour geht, werde ich informiert. Sämtliche Türsteher haben meine Nummer."

Als Uygun jüngst bei einer Podiumsdiskussion sagte, seine Mannschaft sei erfolgreich, weil das Nachtleben in Sivas nicht so toll sei wie in Istanbul, war der Aufschrei groß.

Aber Uygun versteht es, gezielte Nadelstiche gegen die Rivalen aus Istanbul zu setzen. Stets betont er, wie groß und stark die Kader von Besiktas, Fenerbahce und Galatasaray seien und dass Sivas die geringsten Mittel hat.

?Kein Zufall!?

Klingt nach Understatement, ist es aber nicht. Uygun will vielmehr klar machen, was Sivas in der Türkei seit zwei Jahren leistet. Wurde der Verein im vergangenen Jahr noch hier und da belächelt, wird er inzwischen ernst genommen. "Jeder hat gesehen, dass es kein Zufall ist, dass wir um den Titel mitspielen", sagt Uygun.

Wurden im vergangenen Jahr noch die Heimspiele gegen Galatasaray, Fenerbahce und Besiktas verloren, holte Sivas in diesem Jahr sieben Punkte aus diesen Duellen.

Am Sonntag ist Trabzonspor, der Tabellendritte, zu Gast. "Wenn wir Trabzon schlagen, kommen wir dem Titel einen großen Schritt näher", meint Uygun, dessen Team einen Zähler Vorsprung auf Besiktas und vier Punkte auf Trabzon hat.

Die türkischen Fußball-Fans, vor allem in Anatolien, drücken dem Klub die Daumen. Selbst Fans von Fenerbahce und Galatasaray hegen aus gutem Grund Sympathien für Sivas.

Sivas will Geschichte schreiben

Die Titelchancen der beiden Großklubs sind gering bis nicht vorhanden, da drückt man lieber Sivas die Daumen als Besiktas oder Trabzonspor. Ob die Funktionäre genauso denken, ist allerdings fraglich. Der Großteil der Fernsehgelder wurde bislang artig zwischen den vier Klubs verteilt. Sollte Sivasspor erstmals Meister werden, werden die Kuchenstücke für die Großen kleiner.

"Wir haben bewiesen, dass ein kleiner Klub in Anatolien um den Titel mitspielen und ihn auch holen kann", sagt Uygun. "Wir wollen Geschichte schreiben", so sein Stürmer Mehmet Yildiz.

Und Präsident Mecnun Otyakmaz prognostiziert im türkischen Fußball "eine neue Zeitrechnung". Vielleicht gibt es in dieser dann auch Fünf-Sterne-Hotels in Sivas und Otyakmaz hätte eine Sorge weniger?

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