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Talentiertes Streitobjekt: Gael Kakuta wurde vom FC Chelsea dem RC Lens abgeworben © getty

Die Transfer-Sperre für den FC Chelsea hält die Fußballwelt in Atem. Sport1.de beantwortet die wichtigsten Fragen zum Thema.

Von Martin Hoffmann

München - Bis Donnerstag war Gael Kakuta ein Name, der nur Fachleuten und Hardcore-Fans des internationalen Jugendfußballs etwas sagte.

Jetzt ist der 18-jährige Stürmer jedem Fußballfan Europas ein Begriff.

Weil der FC Chelsea ihn zum Vertragsbruch animiert haben soll, hat die FIFA den Klub von Michael Ballack zu einer einjährigen Transfersperre verurteilt.

Ein Erdbeben, das nicht nur den Klub von Roman Abramowitsch, sondern die ganze Fußballwelt erschüttert - und pikante Einblicke in das Geschäftsgebaren der internationalen Topklubs liefert (Auch ManUnited droht Ärger).

Sport1.de beantwortet die wichtigsten Fragen zu der spektakulären Entwicklung.

Was genau wird Chelsea vorgeworfen?

Chelsea hat den damals 16-jährigen Kakuta von RC Lens im Jahr 2007 verpflichtet.

Nach Angaben der Franzosen haben die Blues die Verpflichtung schon vorangetrieben, als Kakuta noch 15 war. Laut FIFA-Statuten sind internationale Vereinswechsel erst ab 16 erlaubt.

Im Kern geht es aber darum, dass Kakuta einen gültigen (Vor-)Vertrag mit Lens hatte, aus dem ihn Chelsea hätte herauskaufen müssen. Lens forderte fünf Millionen Euro, Chelsea lehnte das ab und machte ein Gegenangebot, das Lens' damaliger Geschäftsführer Francois Collado "lächerlich" nannte.

Die beiden Vereine gingen ohne Einigung auseinander und Kakuta schloss sich Chelsea an - obwohl Collado den Klub nach eigenen Angaben warnte, dass sie damit eine FIFA-Strafe riskierten.

"Ich habe gesagt, wenn Ihr eurer Sache sicher seid, gehe ich zur FIFA und wir werden sehen, ob Ihr nicht bestraft werdet", schildert Collado die Begegnung: "Sie haben gesagt, es gäbe keinen Bedarf für ein weiteres Treffen."

Wird die Strafe Bestand haben?

Chelsea will alles versuchen, das zu verhindern und hat schon angekündigt, die "stärkstmöglichen Rechtsmittel" einzulegen.

Der Klub wird in Berufung gehen und das höchste Sportgericht, den CAS in Lausanne anrufen und hofft auf eine Entscheidung vor Öffnung des Wintertransferfensters.

Das CAS hat die FIFA in ähnlichen Fällen aber meistens bestärkt. Eine Berufung des Klubs Al Kuwait, das ebenfalls eine Transfersperre wegen Ermunterung zum Vertragsbruch auferlegt bekommen hatte, haben die Richter abgeschmettert.

Im Falle des AS Rom, der bei der Verpflichtung von Philippe Mexes ähnlich vorging, wurde die Sperre 2004 aber zumindest um eine Transferperiode verkürzt.

Wie sehr trifft die Strafe den Verein?

Härter jedenfalls als jede Geldstrafe es hätte tun können. Die hätte der Abramowitsch-Klub schließlich leicht verkraften können.

Chelsea kann mehr als ein Jahr keine Spieler mehr kaufen und auch nicht ausleihen, er kann höchstens selbst ausgeliehene Akteure zurückholen.

Als Folge werden die Blues kaum geneigt sein, Spieler abzugeben - obwohl sie einige alternde Angestellte in ihren Reihen haben. Darunter der bald 33-jährige Michael Ballack, dessen Verhandlungsposition für eine Verlängerung nach Auslauf seines Vertrags 2010 plötzlich enorm gestärkt ist.

Wer muss bei Chelsea die Verantwortung übernehmen?

In den Blickpunkt sind vor allem Geschäftsführer Peter Kenyon und Sportdirektor Frank Arnesen - 2007 noch Chefscout - geraten. Die beiden haben damals das Gespräch mit Lens geführt und haben die Warnungen von Collado in den Wind geschlagen.

Besonders Arnesen steht im Fokus, da ihn der Vorwurf, junge Spieler illegal abzuwerben, nicht das erste Mal trifft.

2006 stellte Leeds United ihn deswegen an den Pranger, ein Jahr vorher zeigte die BBC ein heimlich gefilmtes Video wie er einem 15-jährigen Jungkicker aus Middlesbrough 150.000 Pfund bot.

Chelsea hat hat stets jedes angebliche Fehlverhalten Arnesens bestritten, jetzt wo es quasi offiziell verbrieft ist, könnte es aber eng für ihn werden.

Was sind die Hintergedanken der FIFA?

Der Fall Kakuta berührt ein Thema, dass bei FIFA-Chef Joseph Blatter ganz oben auf der Agenda steht. Blatter fordert immer wieder, dass die Klubs, die ein Talent ausbilden, auch davon profitieren sollen, anstatt von Topklubs ausgebootet zu werden.

Das Verschachern Minderjähriger generell auf dem internationalen Transfermarkt ist ihm ein Dorn in Auge, er will es am liebsten ganz verbieten. Im EU-Raum geht das bei Spielern ab 16 allerdings nicht, weil das gegen europäisches Arbeitsrecht verstoßen würde.

Die Anliegen Blatters bekommen nun jedenfalls mehr Aufmerksamkeit als nach jeder wohlformulierten Kongressrede.

Wie fallen die Reaktionen in England aus?

Gemischt. Es gibt viel Empörung über die Härte des Urteils, gerade natürlich bei Chelsea-Anhängern. Es kursieren auch Verschwörungstheorien, die Sanktion wäre ein Instrument, um die Vormachtstellung des englischen Fußballs in Europa zu schwächen.

Aber seriöse Kommentatoren begrüßen das Urteil als willkommenen Schlag gegen die Angewohnheit der Großklubs, rücksichtslos die europäischen Talentschmieden auszubeuten.

"Die FIFA-Haltung zu Kakuta könnte sie dazu anhalten, ihre räuberischen Praktiken zu zügeln", schreibt der "Daily Telegraph".

Der "Guardian" stimmt zu: "Die FIFA verdient Applaus, dass sie Haltung zeigt, was den Respekt vor Verträgen angeht."

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