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Milliardäre in England: Gudmundsson, Shinawatra, Al Mubarak, Abramowitsch (v.l.) © getty

Die Finanzkrise hält die Welt in Atem. Nur der Fußball schien bisher nicht davon betroffen zu sein. Doch dies könnte sich bald ändern.

Von Thorsten Mesch

München ? Bankenkrise, Immobilienkrise, Aktienkurse im freien Fall. An den Börsen regieren Panik und Angst.

Nur im Fußball herrscht noch heile Welt - ungeachtet der globalen Rezession. Doch diese Seifenblase droht zu platzen.

Vor allem in Europas Top-Ligen, wo seit Jahren mit Millionensummen hantiert wird.

Land der unbegrenzten Möglichkeiten

In Italien muss der AS Rom wegen drohender Pleite der Besitzer vermutlich verkauft werden. In Spanien, wo gleich mehrere Vereine von Unternehmern aus der besonders betroffenen Baubranche geführt werden, stehen mehrere Vereine vor dem Aus.

Am größten könnten die Auswirkungen aber in England sein, das bisher immer als Land der unbegrenzten Möglichkeiten galt.

3,85 Milliarden Euro Schulden

Umgerechnet rund 3,85 Milliarden Euro soll der Schuldenberg der englischen Vereine betragen. Das erklärte David Triesman, der Vorsitzende des nationalen Fußball-Verbandes FA.

Dass dabei ausgerechnet das Top-Quartett Manchester United, Liverpool, Chelsea und FC Arsenal zusammen rund 1,2 Milliarden Euro Schulden angehäuft haben soll, ruft angesichts milliardenschwerer Investoren ungläubiges Staunen hervor. Mehr (noch) nicht.

Rückschlag für West-Ham-Eigner

Akut betroffen von der momentanen Finanzkrise ist bereits West Ham United, das vor etwa zwei Jahren für rund 80 Millionen Pfund vom isländischen Großunternehmer Bjorgolfur Gudmundsson gekauft wurde.

Am Montag musste der Klub-Besitzer jedoch einen finanziellen Tiefschlag hinnehmen. Der isländische Staat übernahm die zweitgrößte isländische Bank "Landsbanki", bei der Gudmundsson Präsident und Hauptaktionär war.

"Gudmundsson wird sein Geld nicht aus dem Verein ziehen, aber diese Ereignisse hemmen unsere Möglichkeiten für weitere Investitionen in diesem Jahr", sagte der Vize-Präsident der Hammers, Asgeir Fridgeirsson, der Tageszeitung "The Times".

Für den Londoner Klub die zweite Hiobsbotschaft, nachdem der Reiseveranstalter XL Leisure Group, bis dahin West Hams Trikot-Sponsor, Konkurs angemeldet hatte. Englische Zeitungen berichten, West Ham solle mittlerweile mit 50 Millionen Pfund in den roten Zahlen stecken.

"Schicksal nicht mehr in den Händen der Vereine"

Doch das Problem sei nicht die Höhe der Schulden, meint FA-Boss und Ex-Minister Triesman. "Das Problem ist vielmehr, dass die Personen hinter den Schulden in ernsthaften Problemen stecken. Damit liegt das Schicksal nicht mehr in den Händen der Vereine."

Ex-West-Ham-Boss Terry Brown soll angeblich schon über eine mögliche Rückkehr nachdenken.

Manchester City das "Modell der Zukunft"?

Jüngstes Beispiel für den fortschreitenden Identitätsverlust im englischen Fußball war die Übernahme von Manchester City durch die Abu Dhabi United Group.

Umgerechnet rund 200 Millionen Euro soll das Unternehmen von Scheich Mansour Bin Zayed Al Nahyan für die Anteile des früheren thailändischen Premierministers Thaksin Shinawatra bezahlt haben.

"Das ist das Modell der Zukunft", erklärte Citizens-Profi und Ex-Nationalspieler Dietmar Hamann im Gespräch mit Sport1.de. "Die Fans sind überglücklich. Für den Klub und auch uns Spieler kann es nur gut sein".

Ob die Fans jedoch wirklich "überglücklich" sind, bleibt dahingestellt. Kritiker befürchten, die neuen Besitzer könnten plötzlich die Lust an ihrem "Spielzeug" verlieren.

Blatter bittet EU um Hilfe

"Es scheint heutzutage, als könne man sich einen Fußball-Verein genauso leicht kaufen wie ein Fußball-Trikot", findet FIFA-Präsident Joseph S. Blatter.

"Es muss etwas getan werden gegen diese Milliardäre", forderte der Schweizer daher. "Deshalb bitte ich darum, dass die UEFA und die EU zusammen arbeiten, um die Regeln zu verschärfen. Ansonsten werden große finanzielle Probleme auf uns zukommen."

UEFA setzt Arbeitskreis an

Die UEFA kündigte die Einsetzung eines Arbeitskreises an. Dieser soll in der kommenden Wochen zusammentreten und Maßnahmen festlegen, um die Kontrolle zu verbessern und gegensteuern zu können.

"Wir müssen zu größerer finanzieller Stabilität zurückfinden, besonders dann, wenn viele Banken in Schwierigkeiten geraten. Regierungen werden vielleicht Banken stützen, aber sie werden nicht Fußball-Klubs unter die Arme greifen", sagte UEFA-Generalsekretär David Taylor.

Newcastle-Boss findet keinen Käufer

Wie schnell ein großer Investor wieder verschwinden kann, zeigt das Beispiel Newcastle United.

Milliardär Mike Ashley, der sich 2007 bei den "Magpies" eingekauft hatte, will sein Engagement beenden. Der Unternehmer hatte sich nach der Entlassung von Teammanager Kevin Keegan mit den Fans überworfen und fürchtet nun um seine Sicherheit.

Eigentlich wollte Ashley den Verein bis zum Dienstag verkauft haben, doch es findet sich kein Interessent.

"Trotz der gegennwärtigen weltweiten Geschehnisse hoffe ich, dass wir ein annhembares Angebot bekommen werden", erklärte Keith Harris von der durch Ashley beauftragten Investment-Bank Seymour Pearce.

Der ehemalige Newcastle-Präsident Freddy Sheperd glaubt nicht, dass Ashley einen großen Profit erzielen wird. "Um das zu sagen, muss man kein Raketenwissenschaftler sein", so Sheperd.

Premier-League-Chef verkennt die Lage

Während Premier-League-Chef Richard Scudamore versucht, die Situation der Profivereine herunterzuspielen, hat FA-Chef Triesman den Ernst der Lage längst erkannt:

"Eins ist sicher: Schulden müssen zurückgezahlt oder refinanziert werden. Man darf nicht denken, dass dies jeden auf der Welt betrifft, nur den Fußball nicht."

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