vergrößernverkleinern
Ein Mann mit Ecken und Kanten: Dean Windass (vorne) ist das Gesicht von Hull © getty

Hull City ist in England die Überraschung der Saison. Erst der fünfte Londoner Klub beendet die unheimliche Serie.

Von Thorsten Mesch und Tobias Schneider

München - "Hull is dull", "Hull ist öde", heißt es in einem Spruch über die 260.000-Einwohnerstadt im Nordosten Englands, die aufgrund ihrer industriellen Struktur zur hässlichsten Stadt Englands gewählt wurde.

Kingston upon Hull, kurz Hull, liegt in der Grafschaft Yorkshire und hatte einst den drittgrößten Hafen Großbritanniens.

Außerhalb Englands war Hull bisher allenfalls deshalb manchen ein Begriff, weil sie Heimat der Band "The Housemartins" ist.

Mittlerweile kennen nicht nur Musikfans die Stadt, denn seit Mitte August mischt das Team von Hull City die Premier League auf.

London das Fürchten gelehrt

"London 0 Hull 4" heißt das Debüt-Album der "Housemartins" - und so lautet auch die makellose Bilanz der Londoner Klubs gegen den Premier-League-Debütanten.

2:1 gegen Fulham, 2:1 beim FC Arsenal, 2:1 bei Tottenham und 1:0 gegen West Ham - das sind die Resultate der "Tigers" gegen die Vereine aus der Hauptstadt.

Als Abstiegskandidat Nummer eins in die Saison gestartet steht Hull vor dem 9. Spieltag auf Platz drei - nur drei Punkte hinter Spitzenreiter FC Liverpool.

Mit einem Sieg gegen den FC Chelsea hätte Hull am Londoner Starensemble des verletzten Michael Ballack vorbeiziehen und der Hauptstadt die nächste Ohrfeige verpassen können.

Doch daraus wurde nichts. Gegen den fünften Londoner Klub war die Siegesserie vorbei, Chelsea behielt nach Toren von Lampard, Anelka und Malouda mit 3:0 die Oberhand.

Ladenhüter für Hull

Beachtenswert: Hull verschleuderte nach dem Aufstieg keine Unsummen für neue Spieler. Es wurden "nur" neun Millionen Euro in Verstärkungen investiert. Für Premier-League-Verhältnisse sind das Peanuts.

Doch die Transferpolitik von Manager Phil Brown hat sich bezahlt gemacht.

Geovanni beispielsweise. Der hochbegabte Brasilianer konnte sich weder beim FC Barcelona (das ihn 2003 für 21 Millionen Euro verpflichtete), noch bei Benfica Lissabon oder später bei Manchester City durchsetzen. Bei Hull hat der ablösefreie Neuzugang schon vier Tore auf dem Konto.

Oder Daniel Cousin (31, Glasgow Rangers), George Boateng (33, Middlesborough) oder auch Anthony Gardner (27, Tottenham), die allesamt für kleines Geld nach Hull gelockt wurden und die Erwartungen mehr als erfüllen.

Ein Relikt aus alten Tagen

Der Kader der "Tigers" ist gespickt mit Charakteren, die man in Englands Eliteliga heute kaum mehr findet.

Grobschlächtige, beinharte Spieler mit unbändigem Siegeswillen, die alles für den Verein in die Waagschale werfen, sich zu 100 Prozent mit dem Klub identifizieren. Ein eingeschworener Haufen, privat wie beruflich.

So gesehen ist Hull ein Relikt aus längst vergangenen Tagen im schnelllebigen Fußballgeschäft.

Symbolfigur Windass

Als gutes Beispiel dient Dean Windass, der mit 39 Jahren nicht nur der älteste Spieler der Liga ist, sondern auch die Symbolfigur schlechthin in Hull.

Windass war es, der für die "Tigers" das entscheidende Tor gegen Bristol zum Aufstieg markierte. Die Belohnung: Ein neuer Ein-Jahres-Vertrag - ein Dankeschön, schließlich ist es Windass' erste Saison in der Premier Leauge.

Die optische Kreuzung aus Wayne Rooney und Paul Gascoigne, obendrein trockener Alkoholiker mit Hang zur gepflegten Kneipenschlägerei, ordnet alles dem Erfolg unter. Von früheren Eskapaden keine Spur.

Britisches Understatement

Trotz all der Euphorie, die Hull bei seinen Anhängern nach dem Traumstart auslöste, bemüht sich Phil Browm um Understatement: "Nach dem nächsten Match haben wir in jedem Fall 20 Punkte aus zehn Spielen."

Eine nette Formulierung, denn diese Anzahl an Punkten hat Hull auch schon nach neun Spielen.

"Wir sind derzeit in Champions-League-Form", frohlockte Brown, fügte aber gleich an: "Aber es ist nur Form, die kann vergehen."

Zum Forum - jetzt mitdiskutieren!

teilentwitternteilenE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel