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Carlo Ancelotti gewann mit dem AC Mailand 2004 und 2007 die Champions League © getty

Der Abramowitsch-Klub entlässt Coach Ancelotti. Sein Nachfolger steht vor einer Mission, die der Quadratur des Kreises gleicht.

Von Martin Hoffmann

München - Carlo Ancelotti traf es nicht unvorbereitet.

Er hatte auch schon laut und öffentlich darüber nachgedacht, wie es nach dem Abgang bei Chelsea für ihn weitergehen würde.

Nachdem frühzeitig klar war, dass die Blues die Saison ohne einen Titel abschließen würden, musste der Trainer mit seinem Aus rechnen.

Am Sonntagabend, nach dem letzten Saisonspiel gegen Everton (0:1) bekamen er und die Öffentlichkeit es schriftlich: Auf seiner Homepage verkündete der Abramowitsch-Klub die Trennung vom 51-Jährigen (DATENCENTER: Premier League).

Unerfüllte Erwartungen

In ihrer Art und Weise war sie dann doch überraschend: Noch auf der Pressekonferenz nach dem Spiel hatte Ancelotti die Erwartung geäußert, sich erst kommende Woche mit den Verantwortlichen zu treffen.

Ein Jahr, nachdem der Italiener die neureichen Londoner zum ersten Double der Klubgeschichte geführt hatte, befand der Klub, dass "in dieser Saison die Erwartungen nicht erfüllt wurden".

Chelsea sah "den richtigen Zeitpunkt, diesen Wechsel vorzunehmen, ehe die Vorbereitung auf die neue Saison beginnt".

Der Klub will sich zur Nachfolge Ancelottis ausschweigen, "bis die Berufung vollzogen ist".

Hiddink? Oder Villas-Boas?

Als Top-Anwärter gilt Ancelottis Vorgänger Guus Hiddink, ein Mann mit der Spezial-Referenz: Der türkische Nationalcoach aus den Niederlanden war der einzige Chelsea-Trainer, den Klubeigner Roman Abramowitsch nicht entlassen hat - und ist als Berater ohnehin noch mit dem Klub verbunden.

Die "BBC" berichtet, dass sich die Blues Hiddink als Trainer und den ehemaligen niederländischen Nationalcoach Marco van Basten als Assistenten wünschen.

Favorit der englischen Wettanbieter ist derweil Andre Villas Boas, der einstige Assistent von Jose Mourinho, der eben durch den Europa-League-Triumph mit Porto für Furore gesorgt hat.

Mourinho selbst wird wegen der Entfremdungs-Erscheinungen bei Real Madrid ebenfalls gehandelt - wie auch Tottenhams Harry Redknapp und der ehemalige ManCity-Coach Mark Hughes. Diese drei Varianten erscheinen aber eher als vage Vorstellungen.

Von United vorgeführt

Ancelotti nimmt seine Ausbootung nach außen hin gleichmütig hin: "Ich akzeptiere und respektiere Chelseas Entscheidung", ließ er verlauten. Schon vorher hatte er erklärt: "Wenn sie es so entscheiden, dann gehe ich eben."

Sechs sieglose Ligaspiele in Folge im Herbst hatten ihn schon an den Rand der Demission gebracht.

Eine Aufholjagd im neuen Jahr endete mit der 1:2-Pleite im direkten Duell mit United, das den Titelverteidiger - wie auch in der Champions League - zeitweise vorführte.

Innerlich gekündigt

Ancelotti wirkte schon längst, als hätte er innerlich gekündigt.

Schon im Herbst wollten englische Medien erfahren haben, dass er zum Saisonende gehen würde, sollte ihm der Klub nicht mit der Entlassung zuvorkommen.

Ancelotti erschien frustriert, dass der Klub wiederholt wichtige Entscheidungen über seinen Kopf hinweg traf.

Zu nenne sind die Entlassung seines Co-Trainers Ray Wilkins, aber auch der Entschluss, den Konsolidierungskurs, für den Ancelotti eigentlich stehen sollte, spektakulär über den Haufen zu werfen.

Teurer Fehlgriff Torres

Für 89 Millionen Euro kaufte Chelsea auf Abramowitschs Betreiben David Luiz und Fernando Torres.

Oder einen untalentierten Zwilling Torres': Wer immer es war, der da auflief, er legte mit nur einem Tor in 13 Spielen ein Katastrophen-Halbjahr hin.

Seine Verpflichtung schuf eine Dauerbaustelle für Ancelotti, der in der Dauerzwickmühle war, durch eine Nicht-Berücksichtigung von Torres entweder Abramowitsch zu verärgern oder durch seine Berücksichtigung einen funktionslosen Fremdkörper auflaufen zu lassen.

Der Coach wirkte spätestens danach nicht mehr als Herr der Lage - weder personell noch taktisch.

Quadratur des Kreises

Sein Nachfolger steht vor der Quadratur des Kreises: Er muss einen Umbruch bewältigen, der die an United so klar gescheiterte Mannschaft besser, zugleich aber billiger machen muss, um den neuen Financial-Fairplay-Auflagen der UEFA gerecht zu werden.

Die auch in ruhigen Jahren horrenden Ausgaben und das hasardierende Transfergebaren a la Abramowitsch müssen die Blues hinter sich lassen, sollten die neuen Regeln konsequent angewandt werden.

Dabei, so betont Chelsea auch jetzt wieder sind die hochtrabenden "Ziele und Ambitionen" - allen voran die Sehnsucht nach dem heiß ersehnten Champions-League-Triumph - "unverändert".

Auf die Frage, wie diese Ziele und Ambitionen ohne die Abramowitsch-Methoden erreicht werden sollen, suchen die Blues nun schon länger eine Antwort.

Gefunden haben sie bislang keine.

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