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Ratlose Gesichter: Ashley Cole (l.) und Frank Lampard © imago

Chelsea büßt seinen Heimnimbus ein. Die Fans protestieren, der Coach landet im Krankenhaus. Und die Portokasse ist auch leer.

Von Tobias Schneider

München - Für Luiz Felipe Scolari war es eine Qual:

90 Minuten lang ackerte der Trainer in Diensten des FC Chelsea die Seitenlinie entlang, fuchtelte wild mit den Armen und schrie unentwegt Anweisungen auf den Rasen - vergebens.

Am Ende stand für den FC Chelsea im Londoner Derby gegen West Ham United nur ein 1:1 zu Buche. Wieder nur ein Remis (Ergebnisse und Tabelle) .

Es war bereits das vierte Unentschieden in dieser Saison an der heimischen Stamford Bridge, der einstigen Festung des Londoner Nobelklubs.

Pfeifkonzert nach Spielende

Wenige Stunden nach Spielende begab sich Scolari ins Krankenhaus, die Nierensteine schmerzten.

Doch was dem Brasilianer wirklich an die Nieren ging, war die erneut schwache Vorstellung seines Teams und das anschließende Pfeifkonzert.

"Für uns scheint zu Hause nicht mehr zu Hause zu sein. Wir schießen nicht genug Tore. Ich weiß nicht, was los ist", sagte Scolari ratlos, äußerte aber Verständnis für die Zuschauer, die ihren Unmut lautstark zum Ausdruck brachten:

"Ich kann die Fans verstehen, sie sollten sich aber auch darüber im Klaren sein, dass die Spieler immer ihr Bestes geben und nicht verlieren wollen oder auf Unentschieden spielen. Manchmal fehlt uns einfach die Qualität."

Top-Klubs schwächeln

Dabei hätte sich Chelsea (37) mit einem Sieg zurück an die Spitze der Premier League setzen können, da Liverpool (38) nicht über ein 2:2 gegen Aufsteiger Hulll City hinauskam.

Auch Manchester United (0:0 gegen Tottenham) und Arsenal (1:1 in Middlesbrough) patzten.

Chelsea nutzte die Steilvorlage aber nicht.

"In den letzten zehn Minuten haben wir unseren Stil verändert, haben nur noch weite Bälle in den Strafraum geschlagen. Das will ich nicht sehen", ging Scolari mit der Kreativabteilung der "Blues" hart ins Gericht.

Ballack erneut ausgewechselt

Für Michael Ballack war die Partie zur Halbzeit bereits beendet. Nur in zwei von acht Ligapartien spielte der von Verletzungen geplagte Kapitän der deutschen Nationalmannschaft (Spielerporträt) durch.

Ein Tor gelang ihm dabei nicht, ebenso wenig wie ein Vorlage.

Nach einer unauffälligen Vorstellung machte Ballack nach 45 Minuten für Didier Drogba Platz, der sich neben Nicholas Anelka in die Sturmzentrale orientierte.

"Nachdem Drogba kam, haben wir das Mittelfeld verloren", monierte Scolari, dessen Kritik insbesondere den portugiesichen Spielmacher Deco traf, der abermals weit unter seinen Möglichkeiten blieb.

Verstärkungen gefordert

Die Rufe nach Verstärkungen werden immer lauter, doch im Angesicht der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise muss Scolari wohl kleinere Brötchen backen.

"Ich gehe nicht davon aus, dass der Klub neue Spieler holt. Ich beschäftige mich nur mit meiner Mannschaft, nicht mit neuen Spielern", sagte der Coach.

Jüngst machten noch Gerüchte um eine Verpflichtung von Michael Owen die Runde.

Portugals U-21-Stürmer Orlando Sa weilte eine Woche im Probetraining, ehe die Chelsea-Bosse den 20-Jährigen prompt wieder ins Flugzeug setzten, nachdem sein Klub Sporting Braga eine Ablöse von rund 6,3 Millionen Euro gefordert hatte.

Die fetten Jahre sind vorbei

Die fetten Jahre scheinen vorbei zu sein, Besitzer Roman Abramowitsch muss den Gürtel enger schnallen.

Trotzdem: Gänzlich hat Scolari die Hoffnung auf zumindest einen Neuzugang aber noch nicht aufgegeben.

"Wenn jemand kommt, dann nur, wenn wir dafür jemanden abgeben", weiß Scolari, der insbesondere die Schnittstelle zwischen Mittelfeld und Sturm neu beleben will.

Attacke an Weihnachten?

Noch liegt Chelsea im Kampf um die Meisterschaft aussichtsreich im Rennen - den Patzern der Konkurrenz sei Dank.

Nichtsdestotrotz sind die Blues in der heißen Phase um Weihnachten und Neujahr zum Siegen verdammt.

Zwei Auswärtsspiele (Everton und Fulham) sowie ein Heimmatch gegen West Bromwich Albion stehen auf dem Programm - durchweg lösbare Aufgaben.

Grundstein für zwei Meistertitel

Unter Ex-Coach Jose Mourinho legte Chelsea gerade in der Phase um den Jahreswechsel den Grundstein für ihre zwei Meistertitel, erinnert sich Torwart Petr Cech.

"In unseren Meisterjahren war das unsere stärkste Phase Wir müssen uns darauf besinnen und im besten Fall alle Spiele gewinnen", forderte der Tscheche.

Dann wird Scolari die Spiele vielleicht etwas gelassener verfolgen können, die Niere und der Doktor im Krankenhaus werden es ihm danken: "Er war richtig glücklich, mich am nächsten Tag entlassen zu dürfen."

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