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Mesut Özil spielte in der Bundesliga für Schalke und Bremen © getty

Mesut Özils Wechsel zum FC Arsenal scheint ein Rückschritt. Paul Breitner relativiert dies. Die Real-Fans trauern ihm nach.

Von Andreas Kloo

München - Jerome Boateng wusste es als einer der Ersten:

Am Montagabend um 21 Uhr posaunte es der Bayern-Verteidiger und Nationalmannschaftskollege von Mesut Özil in die Welt hinaus:

"Alles Gute beim FC Arsenal" schrieb Boateng bei Facebook und postete dazu ein Foto von sich und Özil aus München, wo sich beide derzeit im Kreise der deutschen Nationalmannschaft befinden.

Özil lächelte auf dem Foto in die Kamera - bei der Begründung zu seinem Abschied von Real Madrid klingt jedoch deutliche Enttäuschung durch. (Bericht: Özils Arsenal-Wechsel perfekt)

"Ich bin sicher, dass ich mich bei jedem Klub der Welt durchgesetzt hätte, weil ich von mir überzeugt bin. Aber wenn ich das Vertrauen nicht mehr spüre, dann war es eben so, dass ich den Verein verlassen musste", sagt er bei "dfb.tv".

Dies mache ihn "traurig. Aber so ist eben das Fußball-Geschäft", fügte er hinzu.

Breitner zu Özils Wechsel bei SPORT1.fm

Özils Enttäuschung über die erzwungene Flucht aus Madrid ist verständlich. Der Weg vom glanzvollen Weltklub aus Madrid in die englische Hauptstadt wirkt wie ein Abstieg auf der Karriereleiter. (EINWURF: Vernunft schlägt Liebe)

Der frühere Real-Spieler Paul Breitner relativierte diesen Eindruck allerdings im Interview mit SPORT1.fm. "Wenn man sich eine Treppe vorstellt, dann ist das ein Rücktritt von einer Stufe um fünf Zentimeter", sagte der Weltmeister von 1974.

Er zweifelt gar an der Richtigkeit von Reals Entscheidung: "Ich könnte mir vorstellen, dass Real Madrid ihm noch die eine oder andere Träne hinterher weinen wird."

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Fans trauern Özil nach

Die Real-Fans tun das schon jetzt: Bei einer Umfrage der Real-nahen Zeitung "Marca" bewerteten 77 Prozent der Leser den Transfer als Fehler. (149130DIASHOW: Mesut Özils Karriere)

Der Entschluss Reals, Özil abzugeben, stand offenbar schon länger fest. Im Sommer holten die Madrilenen das spanische Juwel Isco vom FC Malaga - ein direkter Konkurrent für Özils Spielmacherposition.

Und als der Wechsel von 100-Millionen-Mann Gareth Bale immer mehr Konturen annahm, waren Özils Tage bei den "Königlichen" endgültig gezählt.

Breitner überrascht dieses Vorgehen seines Ex-Klubs nicht:

"Real Madrid ist brutal. Wenn sie sich erhoffen, auf der jeweiligen Position über einen anderen Spieler mehr Erfolg haben zu können, dann sagen sie sich 'Bitte suche Dir einen neuen Verein'", sagte er bei SPORT1.fm

Bei Top-Klubs angeboten

Schon in der Vorwoche bot Real nach Informationen spanischer Medien Özil bei mehreren internationalen Top-Klubs an: Paris St. Germain, Manchester United und eben auch dem FC Arsenal.

Özil selbst schien davon noch nichts zu wissen. Am Mittwoch sagte er Bale und Isco noch den Kampf an und verkündete, bei Real bleiben zu wollen.

Aber spätestens am Wochenende wurde dann auch Özil klar, dass er unter Ancelotti bei den "Königlichen" nicht mehr erwünscht ist.

Vor dem Spiel gegen Athletic Bilbao musste er mit dem ebenfalls zum Verkauf stehenden Fabio Coentrao abseits der Mannschaft trainieren, bei der Partie selbst saß er dann 90 Minuten auf der Bank.

Khedira: Ein großer Verlust

Ex-Kollege Sami Khedira verriet bei der Pressekonferenz der Nationalmannschaft in München, dass Özil ihn bereits zwei, drei Tage vom anstehenden Wechsel informiert habe, deswegen sei es für ihn keine große Überraschung mehr gewesen.

"Persönlich bedaure ich den Wechel von Mesut. Wir sind sehr gute Freunde und haben diese Freundschaft in Madrid ausgebaut", sagte Khedira:

"Auch aus sportlicher Sicht kann es auch ein Verlust sein, da Mesut oft den Unterschied ausgemacht hat."

Bewunderung von Wenger

Bei Arsenal und Arsene Wenger wird Özil deshalb ziemlich sicher einen festen Platz im Team haben. Fehlende Kreativität in der Mittelfeldzentrale ist schon länger ein Problem der "Gunners".

Stolze 50 Millionen Euro blätterten die Londoner für den offensiven Mittelfeldspieler hin - eine Rekordsumme in Arsenals Transfergeschichte. In Özils Fünfjahresvertrag ist dem Vernehmen nach ein jährliches Gehalt von 10,5 Millionen Euro festgeschrieben, mehr als er zuvor in Madrid kassierte.

Wenger ist sich sicher, dass Özil dieses Geld auch wert ist: "Er ist ein großartiger Spieler. Wir haben ihn seit einiger Zeit beobachtet und bewundert, er hat alles, wonach ich bei einem Arsenal-Spieler Ausschau halte."

Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff sieht angesichts dieser Wertschätzung nur positive Seiten des Wechsels. "Ich freue mich für Mesut, dass er so einen tollen Verein gefunden hat", sagte Bierhoff.

"Er wird sich sportlich und menschlich in London weiterentwickeln, denn es ist ein neues Land, eine neue Mentalität, eine neue Spielweise und eine Traditionsmannschaft mit einem hervorragenden Trainer."

Deutsche England-Filiale

Özil macht Arsenal endgültig zur deutschen England-Filiale. Lukas Podolskis Begrüßung für seinen Nationalmannschaftskollegen bei "Twitter" konterte Arsenal-Mittelfeldspieler Jack Wilshere mit den augenzwinkernden Worten:

"Noch ein Deutscher! Ich hoffe, er ist nicht genauso verrückt wie Du."

Sechs Deutsche hat Arsenal nun in seinen Reihen: neben den drei Nationalspielern Özil, Podolski, Per Mertesacker auch U-21-Mann Thomas Eisfeld sowie die beiden Youngster Serge Gnabry und Gideon Zelalem.

Lineker begeistert

Englands Presse reagierte begeistert auf den Özil-Transfer: "Arsenal hat den 'deutschen Messi' geholt. Özil ist der kreativste Spieler Europas", verteilte die "Sun" Vorschusslorbeeren. Der "Guardian" feiert den Edeltechniker als "König der Vorlagen".

Experte Gary Lineker jubilierte ebenso:

"Özil ist ein großartiger Transfer. Nicht nur, weil er der Spieler ist, der Arsenal fehlte, sondern auch weil er ein deutliches Statement ist", schrieb der WM-Torschützenkönig von 1986 bei "Twitter".

Deutsche Klubs kassieren

Und nicht nur für die "Gunners" ist der gebürtige Gelsenkirchener ein Gewinn. Auch zwei deutsche Klubs profitieren von dem Transfer.

Schalke 04 erhält aufgrund einer FIFA-Regelung 800.000 Euro Ausbildungsentschädigung, Werder Bremen 500.000 Euro.

Özils Jugendklub Rot-Weiß Essen kassiert ebenfalls 800.000 Euro, ein willkommener Geldsegen für den nicht auf Rosen gebetteten Regionalligisten.

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