Krise bei Real: Mourinho macht die Mannschaft rund
Von Matthias Becker
München/Sevilla - Gemessenen Schrittes ging Jose Mourinho hinüber zum Kollegen Michel vom FC Sevilla.
Mourinho gab Michel die Hand, flüsterte ihm noch ein paar nette Worte ins Ohr und verschwand in den Katakomben des Stadions Ramon Sanchez Pizjuan.
Nach dem 0:1 in Sevilla, der zweiten Niederlage im vierten Saisonspiel, steckt Real Madrid tief in der Krise ( SPIELBERICHT: Madrid patzt in Sevilla).
Die Schuld suchte Mourinho aber nicht beim Gegner, oder - wie früher gerne mal - beim Schiedsrichter.
Stattdessen setzte er nach der ernüchternden Partie und angesichts von schon acht Punkten Rückstand auf Erzrivale FC Barcelona zu einer Generalkritik seiner Mannschaft an, die sich gewaschen hatte ( DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle).
"Ich habe keine Mannschaft"
"Mehr als die Punkte stört mich, dass ich im Moment keine Mannschaft habe", erklärte Mourinho zur Eröffnung und wetterte:
"In der Pause habe ich zwei Spieler ausgewechselt, ich hätte aber lieber sieben rausgenommen."
Einer der beiden Ausgewechselten war Mesut Özil, der, wie Sami Khedira, in der Startelf stand. "Ich will damit nicht sagen, dass Özil und di Maria in einem schlechteren Zustand waren als die anderen", stellte Mourinho klar.
Trochowski erzielt Siegtreffer
Im Gegensatz zu den Gastgebern aus Sevilla, für die Ex-Nationalspieler Piotr Trochowski schon in der zweiten Minute nach einem Eckball von Ivan Rakitic das Tor des Tages schoss, habe seinem Team Konzentration und mentale Einsatzbereitschaft gefehlt, kritsierte Mourinho.
"Wir könnten gar nicht mehr an den ruhenden Bällen arbeiten, jeder kennt seine Aufgabe. Aber: Erste Minute, Ecke, Tor."
Diesem Gegentreffer lief Real fortan hinterher. Sevilla, zuletzt zwei Mal vor eigenem Publikum mit 2:6 von Real gedemütigt, verteidigte den Vorsprung angeleitet vom bärenstarken Ex-Schalker Rakitic aber leidenschaftlich.
Mourinho kritisiert Einstellung
"Ich habe ihnen gratuliert. Wir haben das Resultat für unser sehr schlechtes Spiel bekommen", sagte Mourinho. Schon nach dem Erfolg gegen den FC Granada vor der Länderspielpause hatte er sein Team kritisiert - und sah sich nun in seinen Warnungen bestätigt.
"Wir haben gegen Getafe und heute nicht gespielt und gegen Granada auch nur ganz wenig", erklärte er und übte grundsätzliche Kritik:
"Nur ganz wenige sind so engagiert und konzentriert, als wäre der Fußball die oberste Priorität in ihrem Leben. Aber ich bin der Trainer und das ist meine Schuld."
"Die Tristesse zerfrisst Madrid"
Das Theater um seinen angeblich traurigen Superstar Cristiano Ronaldo nach dem Granada-Spiel wollte Mourinho nicht als Ausrede für den Fehlstart in die Saison gelten lassen.
Die spanische Presse nutzte es dennoch, um das Abrutschen des Meisters auf Platz zehn in der Tabelle zu beschreiben.
"Die Tristesse zerfrisst Madrid", registrierte die "Marca". "A Bola" aus Portugal schrieb: "Sevilla gewinnt und lässt ein noch traurigeres Madrid zurück."
Während die Sportzeitung "El Mundo Deportivo" aus Barcelona jubilierte: "Schon Acht!", erkannte "El Pais" ein "Madrid im Alarmzustand".
Messi glänzt als Joker
Der wird noch dadurch verschärft, dass Barca nach Belieben durch die Liga marschiert und mit vier Siegen aus vier Spielen souverän die Tabelle anführt. (DIASHOW: Transfermarkt International)
Beim 4:1-Erfolg in Getafe erlaubte sich Trainer Tito Vilanova sogar den Luxus, Lionel Messi 60 Minuten auf der Bank zu lassen – und das obwohl Andres Iniesta verletzungsbedingt fehlte.
Als Messi schließlich hereinkam, sorgte er mit zwei Toren schnell für die Vorentscheidung.
Puyol fehlt im Clasico
Einziger Wermutstropfen für die Katalanen:
Kapitän Carles Puyol, gerade erst wieder von einer Gesichtsverletzung genesen, zog sich eine Dehnung des Kreuzbands im linken Knie zu und fällt vier bis sechs Wochen aus. Damit fehlt er auch im ersten Liga-Clasico am 7. Oktober.
Aber das ist für Real Madrid im derzeitigen Zustand wohl nur ein kleines Fünkchen Hoffnung.