"Barca ist klarer Favorit"
Von Reinhard Franke
München - Es ist vielleicht das bedeutendste Fußball-Spiel der Welt:
Der Clasico zwischen dem FC Barcelona und Real Madrid zieht Millionen Fans rund um den Erdball in seinen Bann (ab 19.45 Uhr im LIVE-TICKER).
Doch das 254. Duell ist noch brisanter als ohnehin schon:
Zum einen wird die Partie im Camp Nou von den katalanischen Unabhängigkeitsbestrebungen politisch aufgeheizt, zum anderen darf Real aufgrund des hohen Rückstands auf Spitzenreiter Barca auf keinen Fall verlieren (Vorschau).
Schuster: "Sehr gefährlich für Real"
"Es ist im Moment sehr gefährlich für Real", sagt der frühere Weltstar Bernd Schuster, der für beide Klubs spielte, zu SPORT1: ( DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle)
"Wenn Barcelona gewinnen sollte, hätten sie elf Punkte Vorsprung. Das wäre schön eine kleine Vorentscheidung für die Saison und das wäre für die Liga ganz schlecht."
Wie man Barca weh tun kann, weiß ein anderer Deutscher ganz genau: Piotr Trochowski.
Der Ex-Nationalspieler traf in dieser Saison für den FC Sevilla gegen beide Spitzenteams. Gegen die "Königlichen" war es der 1:0-Siegtreffer, gegen Barcelona gab es eine unglückliche 2:3-Niederlage. ( BERICHT: Barca dreht Spiel in Sevilla)
Bei SPORT1 spricht der 28-Jährige über den Clasico, die Superstars Lionel Messi und Cristiano Ronaldo, Mesut Özil und Sami Khedira - und verrät, warum mehr Deutsche nach Spanien wechseln sollten.
SPORT1: Herr Trochowski, Sie sind seit einem Jahr in Spanien. Stimmt es, dass Sie ein ganzes Jahr zur Eingewöhnung gebraucht haben?
Piotr Trochowski: Da ist schon was dran. Man braucht eine gewisse Anlaufzeit, nicht nur was den Fußball da betrifft, sondern das Leben generell. Nach den letzten zwei Wochen kann ich aber sagen, dass ich endgültig angekommen bin.
SPORT1: Wie und wo leben Sie? Haben Sie eine Villa mit Pool am Meer?
Trochowski: (lacht) Ich wohne mit meiner Frau in einer schönen Wohnung direkt im Zentrum von Sevilla. Es ist eine historische Altstadt mit kleinen Straßen, wo viele Bars sind. Ich entdecke jeden Tag, wenn ich mich mal verlaufe, neue schöne Orte. Deshalb wohne ich gerne in der Stadtmitte. Ich bin der einzige aus der Mannschaft, der so zentral lebt. Die anderen wohnen alle außerhalb in einem Haus mit Pool. Darauf habe ich aber keine Lust.
SPORT1: Also kein Heimweh nach der Bundesliga?
Trochowski: Nein. Ich fühle mich sehr wohl. Mir fehlt es an nichts. Wir haben Sonne, spielen einen super Fußball und die Liga ist top. Ich habe wirklich ein gutes Leben. Hier kann man toll essen gehen und das Leben hier ist viel entspannter als in Deutschland. Das einzige, was mir fehlt ist Hamburg. Hamburg ist für mich noch mehr Heimat als München.
SPORT1: Am Sonntag findet wieder der Clasico statt. Wissen Sie eigentlich, dass Sie und Bernd Schuster die einzigen Ausländer sind, die in Spanien in einer Saison gegen Barca und Real Madrid getroffen haben?
Trochowski: Meine Frau hat mir davon erzählt, dass sie gelesen hat, dass ich mit Bernd Schuster zusammen Geschichte schreibe. Das macht mich schon stolz, aber ich spiele ja Fußball, um etwas zu erreichen.
SPORT1: Wie sehen Sie den Clasico? Kribbelt es da bei Ihnen auch?
Trochowski: Hier bekommt man das viel intensiver mit. In der letzten Zeit haben die fünf oder sechs Mal gegeneinander gespielt und da wird das schon fast normal. Das ist so wie Dortmund gegen Bayern in der Bundesliga. Es sind dennoch tolle Duelle zweier Teams, die sich immer sehr stark bekämpfen.
SPORT1: Wie sehen Sie die Situation von Mesut Özil bei Real Madrid?
Trochowski: Er hat die erste Saison unglaublich gut gespielt, und dadurch die Messlatte ziemlich hoch gelegt. Das konnte er im letzten Jahr nicht ganz bestätigen, obwohl er gute Leistungen gebracht hat und weiter erfolgreich war. Es ist aber etwas anderes, wenn Du für Real Madrid spielst. Du wirst jeden Tag damit konfrontiert dein Limit zu erreichen und die Kritik der Medien lässt nicht lange auf sich warten.
SPORT1: Ist die Kritik an Özil also überzogen?
Trochowski: Es wird nicht zimperlich mit ihm umgegangen. Es ist wirklich keine einfache Situation für Özil.
SPORT1: Sami Khedira hat es da leichter?
Trochowski: Von Özil wird mehr erwartet, weil er alle Fähigkeiten mitbringt. Wenn beide gleich gut spielen würden, würde Özil mehr Kritik bekommen als Khedira. Khedira hat eine gute EM gespielt und ist eine feste Größe bei Real. Mourinho setzt sehr auf ihn. Khedira hat alles richtig gemacht.
SPORT1: Sollten mehr deutsche Spieler nach Spanien wechseln?
Trochowski: Wenn es um die Erfahrung geht, dann auf jeden Fall ja. Im Ausland, wo guter Fußball gespielt wird, kann man nur dazu lernen. Jeder Spieler sollte es machen, weil man nur wachsen kann. Man lernt eine neue Sprache und eine neue Kultur. Davon kann nur jeder profitieren.
SPORT1: Was hat Ihnen Spanien am meisten gebracht?
Trochowski: Ich konnte noch mal von Null anfangen. In Deutschland kannte mich jeder und wusste, wie ich spiele. In Spanien musste mich neu durchsetzen. Das war mein Ansporn nochmal neu zu starten. Der Fußball in Spanien ist einfach genial.
SPORT1: Auch dank der Superstars. Wie sehen Sie den Vergleich Lionel Messi und Cristiano Ronaldo?
Trochowski: Ein Ronaldo ohne seine Mitspieler ist auch nur einer unter elf. Auch ein Messi würde nicht so viele geniale Tore schießen, wenn er nicht seine Mitspieler hätte, die ihm die Dinger auflegen. Diese beiden Spieler sind aber absolute Superstars, die beide darauf brennen Tore zu schießen. Der Wettbewerb mit Messi beflügelt Ronaldo. Andere wie Iniesta oder Xavi sind Stars, aber eben keine Superstars. Wenn du in einer Saison über 40 Tore machst, dann hebst du dich natürlich von den anderen Stars nochmal ab.
SPORT1: Wie geht der Clasico aus?
Trochowski: Ich habe gegen beide Mannschaften gespielt und finde, dass Barca von der Qualität schon stärker ist. Es wird schwierig für Real. Der Platz in Barcelona ist zwar sehr kläglich, aber für mich ist Barca klarer Favorit.