Im Schatten der Polit-Krise: Der Clasico vor dem Ende?
Von Martin Hoffmann
München - Zieht der FC Barcelona Real Madrid mit einem Sieg gegen Real Madrid im Titelrennen auf elf Punkte davon?
Wie löst Barca-Trainer Tito Vilanova in seinem ersten Liga-Duell mit den "Königlichen" die Abwehrprobleme nach den Ausfällen von Carles Puyol und Gerard Pique?
Wie entwickeln sich die internen Spannungen bei Real, die sich zuletzt an Sergio Ramos' Protest gegen die frühe Auswechslung von Mesut Özil sichtbar geworden sind? ( VORSCHAU: Rätselraten um Özil)
Es gibt zahlreiche sportliche Geschichten, die der Clasico zwischen Barca und Real (So., ab 19.50 Uhr im LIVE-TICKER) zu erzählen hat, das Spiel, bei dem, wie Real-Coach Jose Mourinho sagt, "die ganze Welt innehält, um es zu sehen" ( DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle).
Flaggen-Mosaik und Unabhängigkeitsrufe
Und doch steht diesmal all das im Schatten einer größeren Sache, die weit über das sportliche hinausgeht: Die große Mehrheit der Barca-Fans will das Duell der spanischen Topklubs mit ihren Superstars Lionel Messi und Cristiano Ronaldo zu einer politischen Demonstration machen.
In einer gewaltigen Choreographie wollen die 98.000 Anhänger in Camp Nou ein Mosaik der katalanischen Flagge bilden.
Und pünktlich nach 17 Minuten und 14 Sekunden soll in beiden Halbzeiten das Wort "Independencia" durchs Stadion hallen, der Ruf nach der Unabhängigkeit Kataloniens - eine Anspielung auf das Jahr 1714, als die Region sie verlor.
Es ist ein Wunsch, der zahlreiche Katalanen umtreibt, seit ihr ohnehin angespanntes Verhältnis zum spanischen Mutterland durch die nationale Sparpolitik in Zeiten der Euro- und Schuldenkrise weiter verschärft wurde.
Guardiola unterstützt "Independencia"
Artur Mas, Präsident der Region, will sich am 25. November mit einem Wahlsieg den Segen für ein Referendum einholen, in dem über eine Loslösung Kataloniens entschieden werden soll. Eine knappe Mehrheit ist laut Umfragen dafür.
Zu ihr gehört der ehemalige Barca-Coach Josep Guardiola, der sich per Satellit zu einer Massendemonstration am 11. September - dem Nationalfeiertag der Katalanen – zuschalten ließ und erklärte: "Hier ist eine weitere Stimme für die Unabhängigkeit."
Vor diesem Hintergrund gilt der anstehende Clasico als der politisch brisanteste seit dem Fall der Franco-Herrschaft 1975 (DIASHOW: Die historischen Duelle).
Real als feindliches Symbol
Der Diktator hatte alle Ausdrucksformen des katalanischen Bewusstseins, inklusive der Sprache, gewaltsam unterdrückt - das erste Duell mit Real nach seinem Tod wurde zu einer Demonstration der neuen Freiheiten.
Real war den Katalanen früher als Aushängeschild von Francos Spanien verhasst, heute auch als Symbol des für viele ungeliebten Mutterlands.
Barca dagegen war und ist eine Plattform des Katalanen-Stolzes, der am Sonntag vor den Augen der Welt ausgedrückt werden soll.
Extragroßes Polizeiaufgebot
Die politische Gemengelage ist hochbrisant - und wird nicht entspannt wird die Lage durch Medien wie "El Mundo", deren Herausgeber das geplante Flaggenmosaik in Barcelona per Twitter in die Nähe des Nationalsozialismus rückte.
Spaniens Verfassung schreibt nämlich vor, die nationale Einheit mit allen, auch militärischen Mitteln zu sichern. Und Europa wäre überhaupt nicht vorbereitet: Im EU-Vertragswerk ist die Loslösung einer Region aus einem Mitgliedsland gar nicht vorgesehen.
Weniger wichtig, aber sportlich ebenso von Wert ist die in diesen Tagen vieldiskutierte Frage, ob es denn nach einer möglichen Loslösung Kataloniens überhaupt noch einen Clasico Barca - Real in der Primera Division geben könne.
Den 222. sichert ein extragroßes Polizeiaufgebot, auf dass die Welt am Sonntagabend nichts Schlimmeres erleben muss als ein großes Fußballspiel mit politischer Begleitmusik.