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Inter-Legende Aldo Serena (r.) im Gespräch mit SPORT1-Redakteur Mathias Frohnapfel © SPORT1

Inter-Idol Aldo Serena spricht bei SPORT1 über Trainer Rafael Benitez, die Bedeutung der Klub-WM und Boss Massimo Moratti.

Von Mathias Frohnapfel

München - Wie es um das Seelenleben von Inter - in Glanz- und Krisenzeiten - bestellt ist, weiß Aldo Serena bestens.

Der Ex-Teamgefährte von Lothar Matthäus und Andreas Brehme spielte sieben Jahre für die "Nerazzurri", holte 1989 mit dem Team als Torschützenkönig den Scudetto.

Als TV-Gastkommentator erlebte er in der Vorsaison Inters Champions-League-Triumph hautnah mit und ist aktuell mit dem Team nach Abu Dhabi gereist, wo Italiens Meister im Halbfinale der Klub-WM gegen den südkoreanischen Klub Seongnam Ilhwa Chunma (ab 17.55 Uhr im TV auf SPORT1+ und LIVESCORES) bestehen muss.

An Glanztaten von Samuel Eto?o und Co. glaubt Serena aber nur bedingt.

Das liegt nicht nur an der Ergebniskrise in der Serie A (DATENCENTER: Serie A).

Im SPORT1-Interview erklärt das Inter-Idol, wieso sich der neue Trainer Rafael Benitez so schwer im Mailänder Ambiente tut und spricht auch über die besonderen Anforderungen von Präsident Massimo Moratti.

SPORT1: Herr Serena, Inter-Boss Massimo Moratti hat nach der 0:3-Schlappe in Bremen geschimpft, dass er sich betrogen fühlt. Was bedeuten seine Worte für Benitez? Zukunft?

Serena: Moratti will immer gewinnen und immer präsent sein im Leben der Mannschaft. Ich glaube nicht, dass Benitez zu 100 Prozent mit Moratti auf einer Linie liegt. Da ist bereits ein Bruch da. Und wenn Moratti sich sozusagen entliebt, ist es sehr schwer, dass er sich wieder in den Trainer verliebt - selbst wenn gute Spiele folgen sollten.

SPORT1: Hat der lang ersehnte Triumph in der Champions League Morattis großen Ehrgeiz nicht etwas gestillt?

Serena: Nein, im Gegenteil, er will wieder die Champions League gewinnen, auch wenn er weiß, dass dabei viele Faktoren eine Rolle spielen. Barcelona spielt sehr stark, auch Real ist schwer zu schlagen. In der Vorsaison hatte sich ja alles perfekt zusammengefügt.

SPORT1: Warum ist jetzt die Klub-WM von so entscheidender Bedeutung?

Serena: Die Klub-WM ist ein ganz großes Ziel für Inter in dieser Saison. Dazu muss man wissen, dass Inter beim 0:2 im europäischen Supercup gegen Atletico Madrid bereits viele Fans enttäuscht, schlecht gespielt hat. Nun kommen für Benitez die Spiele seines Lebens. Wenn er nicht gewinnt, wird er seinen Job verlieren.

SPORT1: In der Serie A hinkt Inter der Spitze hinterher, wirkte zuletzt kraft- und ideenlos. Woran liegt das?

Serena: Es war vorhersehbar, dass Inter mit den vielen Nationalspielern, die eine WM in den Knochen hatten, nicht so spielen würde wie im Vorjahr. Doch die Spieler zeigen längst nicht das, was sie können. Und es gab auch viele Verletzungen. Außerdem ist Wesley Sneijder etwas außer Form, Maicon ebenfalls.

[kaltura id="0_8nph9wnk" class="full_size" title="Afrika Champion im Finale der Klub WM"]

SPORT1: Das kann man aber nicht nur Benitez anlasten, oder?

Serena: Nein, aber vielleicht hätte Benitez entschiedener auftreten müssen als er zu Inter kam, die Spieler, die er haben wollte, mit mehr Nachdruck fordern müssen.

SPORT1: Passt denn Benitez in Inters Ambiente?

Serena: Er ist ein Gentleman, fast zu höflich. Ich weiß nicht, ob man Inter immer nur mit Freundlichkeit und netten Worten führen kann. Ich glaube, man braucht härtere Leute dafür.

SPORT1: Auch in seinen öffentlichen Auftritten wirkt Benitez sehr diplomatisch. Kann ihm das als Schwäche ausgelegt werden?

Serena: Er muss entschieden auftreten. Es ist ja nicht so, dass er von einem kleinen Klub kommt, sondern aus Liverpool. Er hat die Champions League gewonnen, wurde in Spanien schon Meister. Das ist aber auch seine Natur, er kann sich nicht ändern. Inter ist aber von seiner Geschichte her anders angelegt, da gab es immer starke Persönlichkeiten. Es war nie leicht, Inter zu führen.

SPORT1: Mourinho ist dieser Kraftakt aber gelungen, oder?

Serena: Ja, er hat gezeigt, dass man Persönlichkeit und manchmal auch Härte braucht, um Inter im Griff zu haben.

SPORT1: Hätte es überhaupt einen Trainer gegeben, der den Job von Mourinho nach dem Champions-League-Sieg idealerweise hätte übernehmen können?

Serena: Ich denke an Guus Hiddink. Er ist ein alter Fuchs, hat die Cleverness, rasch zu erkennen, wie ein Verein tickt. Diese Qualität hätte ihm sehr geholfen. Ich glaube sogar, dass es eine Inter-Anfrage bei ihm gab, es aber - warum auch immer - letztlich nicht geklappt hat.

SPORT1: Kann denn aus Ihrer Sicht Inter überhaupt noch den Scudetto gewinnen?

Serena: Der Abstand ist sehr groß, auch was die aktuelle Qualität des Spiels und die Kompaktheit der Mannschaft anbetrifft. Milan hat Zlatan Ibrahimovic gekauft, verfügt über eine sehr starke Truppe. Den Scudetto zu verteidigen wird deshalb sehr schwer. Auch Juve macht Fortschritte und Lazio hat ebenfalls eine sehr gute Qualität.

SPORT1: Abgesehen von den Verletzten, woran hapert es bei Inter noch?

Serena: Die Spieler treten nicht als Mannschaft auf, das Team besteht aus Grüppchen. In der Abwehr fehlt die Kompaktheit und im Angriff die richtigen Mittel. In einigen Momenten glaubt man sogar, dass die Mannschaft ihre Identität verloren hat, die sie zuvor so stark gemacht hat.

SPORT1: Auch die Defensive ist verwundbarer als unter Jose Mourinho, oder?

Serena: Inter versucht, das Spiel weiter vorne aufzuziehen als unter Mourinho. Im Mittelfeld versucht man lange den Ball zu halten, jedoch mit einem niedrigen Tempo. Der Ballbesitz ist überhaupt sehr wichtig geworden. Das ist aber eine Spielweise, die eher zu Brasilianern oder zu Barcelona passt. Da haben die Spieler den Ballbesitz schon in ihrer DNA. Ich weiß nicht, ob das zu Inter passt.

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