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Leonardo (mit Yuto Nagatomo) bestritt 60 Länderspiele für Brasilien © getty

Leonardo wollte bei Milan nicht tun, was der Patron diktierte. Mit Inter will er dem Ex-Klub im Derby Platz eins abknöpfen.

Von Martin Hoffmann

München - "Wir spielen gegen die Spieler von Inter, nicht gegen Leonardo", sagt Clarence Seedorf vor dem 276. Mailänder Derby.

Eine Standardfloskel, mit der der Milan-Routinier kaum Gehör finden wird vor dem Spitzenspiel der Serie A am Samstag (ab 20.45 LIVESCORES).

Denn das Duell des Tabellenführers AC Mailand gegen den ersten Verfolger Inter ist eben doch vor allem das Spiel Milan gegen Leonardo. (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle)

Den Inter-Trainer, der den Stadtrivalen 13 Jahre lang als Spieler, Scout, Technik-Direktor und Trainer geprägt hat. Und der in der ersten Begegnung mit dem Ex-Klub eine spektakuläre Aufholjagd auf die alte Liebe vollenden kann.

Dauerclinch mit dem Zampano

Eine alte Liebe, die er gar nicht verlassen hätte, hätte es nicht diesen einen Mann gegeben, der sie ihm verdorben hat: Klubpatron Silvio Berlusconi.

Vor zwei Jahren war Leonardo zum Trainer der Rossoneri aufgestiegen - begleitet von der Erwartung, ein blasser Erfüllungsgehilfe des Zampanos zu sein.

Doch Leonardo hatte seinen eigenen Kopf und verstrickte sich in einen Dauerclinch mit dem Ministerpräsidenten, dem er als Tabellendritter nicht die gewünschten Erfolge liefern konnte.

"Er hat nie das getan, was ich ihm gesagt habe"

Zermürbt von ständigen Einmischungen und Sticheleien warf der Coach schließlich nach einem Jahr von sich aus das Handtuch. Und bekam noch einen kräftigen Nachtritt des alten Bosses: "Leonardo ist ein toller Kerl, aber auch ein Dickkopf", befand Berlusconi.

Was nach seiner Definition hieß: "Er hat nie das getan, was ich ihm gesagt habe." Was er ihm geraten hätte, denn: "Wäre ich Trainer gewesen, hätten wir den Titel mit fünf, sechs Punkten Vorsprung gewonnen."

Gegenattacke auf den "Narziss"

Leonardo, sonst ein Mann der harmonischen Töne, biss zurück: "Mit Berlusconi ist irgendetwas nicht richtig."

Und präsentierte seine Deutung, warum Berlusconi nicht glücklich mit ihm wurde: "Charakter und Stil waren unvereinbar. Narziss gefällt einfach nichts, worin er nicht sein Spiegelbild erkennt."

Worte, die ihn bei den Berlusconi-Gegnern in den Ritterstand erhoben - bei den Inter-Fans sowieso.

Und so war er die natürliche Wahl, als sich Rafael Benitez bei den Nerazzuri am übergroßen Erbe von Triple-Gewinner Jose Mourinho verhob.

Heilserwartungen übererfüllt

Und Leonardo hat es bei Inter bislang geschafft, selbst die verträumtesten Heilserwartungen überzuerfüllen: Den unter Benitez angehäuften 13-Punkte-Rückstand auf den Tabellenführer Milan verkürzte er auf zwei Zähler.

Sogar die Triple-Verteidigung ist in der Woche vor dem Champions-League-Viertelfinalhinspiel gegen Schalke 04 am Dienstag (ab 20.15 Uhr im LIVE-TICKER) möglich.

Und ganz nebenbei hat er auch noch die ungeliebten Seiten des Mourinho-Regimes vergessen lassen: Der Brasilianer verordnet Offensive und spielerische Freiheiten statt Sicherheitsfußball und Taktikkorsett.

Und als Person präsentiert er sich nach innen wie außen sympathisch-gewinnend statt selbstbezogen-schroff.

Inspirator statt Handwerker

In diesem Sinne verzichtet er auch darauf, den alten Klub zu provozieren oder den Ärger mit Berlusconi neu aufzurollen. "Ich lebe mein Leben auf Grundlage der Liebe und nicht von gegenseitigen Anschuldigungen", süßelt der 41-Jährige in der "Gazzetta dello Sport".

Im Rückblick auf seine Zeit will er "nur noch die guten Dinge sehen".

Das Duell mit dem Ex-Klub ist der große Test, wie stabil das Hoch Leonardo ist, dessen Schöpfer eher als großer Inspirator denn als versierter Trainerhandwerker gilt.

Ohne "Ibra" und Lucio

Der alte Inter-Recke Lothar Matthäus glaubt in der "Gazzetta" daran, dass Leonardos Gesellenstück gelingt: "Inter wird gewinnen. Das sage ich nicht als Fan, sondern als Trainer."

Die Einschätzung hat womöglich damit zu tun, dass Milan der Siegtorschützen aus dem Hinspiel abgeht: Goalgetter Zlatan Ibrahimovic fehlt gesperrt, ebenso wie auf der anderen Seite Verteidiger Lucio.

Dafür hat sich der seit Monaten verletzte Stürmer Diego Milito fit für das "Derby della Madonnina" erklärt - ebenso wie Milan-Spielmacher Andrea Pirlo.

Allegri: "Das wichtigste Spiel meiner Karriere"

Ansagen, die die Bedeutung des Spiels unterstreichen. Massimiliano Allegri, Leonardos Nachfolger bei Milan, nennt es gar "das wichtigste meiner Karriere". Leonardo hängt es tiefer: "Das Derby wird nicht entscheidend sein. Es kommen noch sieben Spieltage."

Er versucht Brisanz herauszureden aus dem Wiedersehen mit den alten Schützlingen - für die ein Sieg gegen den Ex-Coach zusätzliche Süße hätte.

"Wollen wir Rache an Leo? Im Großen und Ganzen ist es den meisten gleichgültig, aber einige sind darauf aus, ihn zu schlagen", berichtet Milan-Torwart Marco Amelia.

Und was will Leonardo? Bei aller Liebe: er wird darauf aus sein, dass einem gewissen Polit-Unternehmer am Samstagabend nicht mehr gefällt, was er im Tabellenbild erkennt.

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